Reportage Sonst platzt es

Aus Paris wird Grand Paris: Die Stadtfläche verfünffacht sich, aus 2,2 werden 6,5 Millionen Einwohner. Was bedeutet dieses Projekt für Frankreichs Hauptstadt und die Menschen?

Von Alex Rühle

Kürzlich wehte aus Frankreich die Nachricht ins beschauliche München: Paris wird vom 1. Januar 2016 an nicht mehr Paris sein. Sondern MGP, die "Metropole du Grand Paris": Die Stadtfläche verfünffacht sich, und zu den bisher 2,2 Millionen Bewohnern kommen auf einen Schlag 4,3 Millionen Neupariser dazu. Die umliegenden Départements Hauts-de-Seine, Seine-Saint-Denis und Val-de-Marne sowie einige einzelne Gemeinden werden verwaltungstechnisch eingemeindet. Außerdem sollen in dem neuen Großraum ab sofort 70 000 neue Wohnungen entstehen - pro Jahr. 200 neue U-Bahn-Kilometer mit 72 neuen Bahnhöfen sind in Planung, Kostenpunkt nur dafür: 32 Milliarden Euro. Bei den Allstars der Architekturbranche wurden Prestigeprojekte geordert, Herzog & de Meuron stellen mit dem Tour Triangle, einer 180 Meter hohen Pyramide, ein gläsernes Pendant zum Eiffelturm ins 15. Arrondissement. Jean Nouvel soll zwei Wolkenkratzer ins Zentrum bauen. Ferner: Zehntausende neue Jobs! Zukunft! Eine Million Bäume!

Paris als urbanistische Umwälzpumpe? Paris, das ist doch diese Museums- und Touristenstadt, die mehr und mehr in sich selbst versteinert. Strenges Hochhausverbot. Segregation qua Miete. Behagliche Arroganz vor Sandsteinkulisse. Und jetzt soll das plötzlich das spannendste Megalopolislabor Europas werden, sollen Zentrum und Peripherie verschmelzen? Eine Stadt, die sich im laufenden Betrieb neu erfindet? Ist das nur wieder politische Rhetorik?

"Würde ich nicht sagen", sagt der 70-jährige Yves Lion am Telefon. Der Architekt und Urbanist gehört zu einem der 14 Großplanungsteams, die das Ganze umsetzen sollen. "Im Gegenteil, es ist höchste Zeit, das wissen alle. Wir müssen unser Nahverkehrssystem neu erfinden, wir brauchen eine radikale ökologische Wende, wir müssen die künstlichen Städte, die nach dem Krieg ins Umland gebombt wurden, zu eigenen, lebendigen Zentren machen und die krassen sozialen Gegensätze auffangen. Außerdem brauchen wir zigtausend neue Wohnungen - und gleichzeitig dürfen wir nicht den immergleichen französischen Fehler machen." "Welchen meinen Sie noch mal?" "Den Gigantismus. Das Ganze muss diesmal pragmatisch umgesetzt werden: das, was da ist, verbessern. Aber schauen Sie sich's selber an und dann kommen Sie hier im Büro vorbei. Au revoir."

Nichts wie hin! Die steinharten Banlieues im Norden anschauen. Dazu Ricardo Bofills total verrückte Architektur, diese größenwahnsinnigen Versuche, sozialen Wohnungsbau mal anders zu betreiben. Im krassen Kontrast dazu die waldumsäumten, glänzenden Vororte im Westen: Hauts-de-Seine ist das reichste, das direkt angrenzende Seine-Saint-Denis das ärmste Departement Frankreichs. Stadtführungen entlang der neu entstehenden U-Bahnlinien und abends im neuen Hotspot Pantin mit Künstlern und Bewohnern. . .

Tja. So stellt man sich das vorher vor.

Die Wahrheit ist: Die Reise besteht zu elend großen Teilen aus Stunden im Stau. Stehen auf dem Boulevard Périphérique. Aber genau da beginnen ja auch die Probleme von Paris: 35 Kilometer Ringautobahn rund um die Hauptstadt; die befahrenste Straße Europas; ein städtebauliches Steinkorsett, acht bis zehn Spuren breit.

Keine andere Hauptstadt hat sich derart eingekesselt. New York oder London konnten ins Umland wuchern, aber Paris steckte im Grunde schon Ende des 19. Jahrhunderts in den Grenzen des heutigen Périphérique fest. Der "Bürgerkönig" Louis-Philippe hatte veranlasst, die Stadt mit einem Mauerring zu umgeben, weil er nach der Schlacht um Paris 1814 geschworen hatte, die glorreiche Hauptstadt werde nie mehr in die Hände der Feinde fallen. Militärisch war diese Befestigung schon zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung obsolet geworden (die Deutschen eroberten Paris denn auch 1870), der Wall wurde nach dem Ersten Weltkrieg geschleift, Paris aber hat seither seine kaum überwindbare Demarkationslinie: innen und außen, Paris und "Les Zones", die Stadt und die Banlieue. Der Périphérique verläuft heute genau dort, wo einst der absurde Wall stand.

Eine der vielen Folgen: Paris ist eng. Das Stadtquartier umfasst gerade mal 105 Quadratkilometer, Berlin ist mehr als achtmal so groß. Paris ist deshalb auch die am dichtesten bebaute Hauptstadt der Welt, circa 22 000 Einwohner leben auf einem Quadratkilometer. In München, Deutschlands engster Großstadt, leben auf derselben Fläche 4500 Menschen, in London 10 000.

Die Architektur entlang des Périphérique spiegelt diese Zweigeteiltheit der Stadt gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen sieht es aus, als würde die Stadt jenseits der Ringstraße ihre innere Spannung verlieren. Alles sackt plötzlich in sich zusammen. Innerhalb der Stadtautobahn strebt Wohnblock neben Wohnblock in die Höhe, ans Licht - draußen aber die elend graue Verwürfelung depressiver Neubauten, Baracken, Brachen, spitzwinklige Aluschnellbauten, kleinbürgerliche Backsteinreste aus der Vorkriegszeit - als hätte jemand mit dem Eimer Architekturreste nach draußen geschüttet.

Zum anderen öffnet sich kein einziges größeres Gebäude, das innen an die Ringstraße anschließt, in Richtung Banlieue, alle repräsentativen Häuser schauen in Richtung Zentrum. Bis Jean Nouvel kam. Der streitbare französische Architekt hat die im Januar eröffnete neue Philharmonie nicht nur an den äußersten Rand der Stadt gebaut, im ärmlichen 19. Arrondissement, er hat den Haupteingang auch in Richtung Banlieue zeigen lassen. Als wollte er sagen: Ihr da drüben auf der anderen Seite, ihr habt auch ein Recht auf unsere Schönheit, Kunst, Musik.

So ähnlich dachte sich das auch der katalanische Architekt Ricardo Bofill, als er Anfang der Achtzigerjahre den Auftrag bekam, in Noisy-le-Grand eine Sozialsiedlung zu bauen. Statt der anonymen Kästen wollte er den Leuten einen "Palacio" bieten. Das Resultat ist ein futuristisch-dunkler Moloch, der im Kleinstadtgewürfel von Noisy-le-Grand so fremd wirkt wie ein mesopotamischer Königspalast: Säulenhallen, so groß, dass stets ein unangenehmer Wind durchzieht. Verkachelte Durchgänge, trutzburgartige Mauern. Ja, das Ensemble wurde nah an eine U-Bahn und eine Autobahnauffahrt gebaut. Ja, es spielt mit Architekturelementen aus vielerlei Epochen. Aber es wirkt nicht so, als sei es für Menschen gebaut worden, man fühlt sich winzig klein und unbehaust in den Katakomben. Der Riesenklotz diente denn auch schon zwei dystopischen Filmen als Kulisse: Terry Gilliam drehte hier 1984 die Außenszenen für "Brazil", und im vergangenen Jahr musste das Ensemble für den dritten Teil der "Tribute von Panem" als faschistoide Herrscherzentrale herhalten.

Georges, einer der beiden Hausmeister des Palacio, hat gerade im fünften Stock einen Einkaufswagen von Carrefour entdeckt, den er runterbringen will. Der 48-jährige Schwarze fände es gut, wenn der Kasten abgerissen würde. "Lieber heute als morgen. Hier gibt's Drogen und Gewalt, die Aufzüge stinken nach Pisse und wer räumt am Ende auf? Ich." Man hat von hier oben zwar eine sensationelle Aussicht auf Paris, in der Ferne steht der Eiffelturm. In den Fluren aber stapeln sich Abfälle und aufgequollene Matratzen, im Eck liegt ein verrosteter Roller.

Als George kurz darauf mit dem Einkaufswagen im Schlepptau im Erdgeschoss ankommt, steht einer der Bewohner vorm Aufzug: "Oh, gehst du einkaufen?" - "Ja, ich hol uns allen ein bisschen Zukunft." - Auf die Frage, was er von dem Zukunftsprojekt Grand Paris halte, sagt George: "Solche Projekte denken sie sich alle paar Jahre aus. Bei uns hier draußen kommt nichts davon an." Auf die Frage aber, ob er lieber nach Paris ziehen würde, guckt er, als hätte man ihm vorgeschlagen, auf die Äußeren Hebriden auszuwandern. "Was soll ich denn in Paris? Ich bin Banlieusard, das hier ist meine Heimat!"

Genau dasselbe sagt zwei Tage später ein junges Mädchen am anderen Ende der Stadt. Saint-Germain-en-Laye, feinstes Vorortidyll, weit im Westen. Das erste Schloss von Ludwig XIV. steht hier. Ein herrlicher Park, Silberlicht, Atlantikbrise, Pappelrauschen. Am Ende fällt der Park zur Seine hin ab und gibt den Blick frei auf das Pariser Becken, man sieht die Hochhäuser der Defense, rechts ragt die Spitze des Eiffelturms über den Bois de Boulogne. Grand Paris! Hier ist der Begriff entstanden, Napoleon III. hat ihn sich ausgedacht, 1860, er wollte, dass Baron Haussmann ihm die Stadt im Rahmen der Rundumerneuerung von hier draußen bis rüber nach Marne-la-Vallée konzipiert. Hausmann aber, der große Stadtplaner, hatte damals genug damit zu tun, das verwinkelte Zentrum zu einer modernen Metropole umzubauen, Sichtachsen, Grünanlagen, Brücken, Avenuen.

Hier oben sitzen Claire und ihre drei Freundinnen und machen Schulaufgaben. Das heißt, eigentlich fotografieren sie einander und hören Musik auf dem Handy. Und? Woher kommt ihr? "Im Schulaustausch in Amerika hab' ich gesagt, ich komm aus Paris. Aber was soll ich in Paris? Wir kommen aus der Banlieue." "Aus der schönen Banlieue!", sagt ihre Freundin Denise und zeigt rundherum. Claire sagt, wenn sie anfangs in Amerika Banlieue sagte, "dachten alle, ich zünde nachts Autos an und habe eine alleinerziehende Mutter".

Das muss man vielleicht auch in Deutschland noch mal betonen: Ja, es gibt die krasse Banlieue. Aber es gibt in den Banlieues auch wunderschöne Orte. Der beste Weizen Frankreichs kommt aus Roissy. Pantin im Nordosten entwickelt sich zu einem chicen Hotspot, Chanel, Hermès, Paribas, sie alle haben ihre Zentralen oder riesige Dependancen hierher verlegt, der Canal d'Ourq, früher eine Abwasserbrache, ist gesäumt von eleganten Neubauten, der Großgalerist Thaddaeus Ropac ist vom Marais rausgezogen in eine ehemalige Fabrikhalle . . . Und in Marly-le-Roi fühlt man sich wie im tiefsten Burgund, auf dem hügelaufwärts schlängelnden Hauptsträßchen ist nur ein Hahn zu hören. Wobei - gehört all das überhaupt noch zu "Grand Paris"?

"Gute Frage", sagt Yves Lion, der kluge Architekt, in seinem Büro mitten in Paris. "Weiß keiner so genau. Nicolas Sarkozy hat 2007 vierzehn Teams gebildet, die jeweils aus mehreren Architektenbüros bestanden. Diese Architekten haben sich mit Historikern, Urbanisten, Soziologen vernetzt. Eines der Teams hat dann ein Grand Paris vorgestellt, das bis Le Havre am Kanal hochreichen sollte. So weit würde ich nicht gehen, aber eigentlich betrifft die Neukonzeption schon die ganze Ile de France und ihre zwölf Millionen Bewohner."

Okay, aber solche Großankündigungen gab es doch immer wieder. Staatspräsident François Mitterrand lancierte das Projekt "Banlieue '89", sein Nachfolger Chirac erarbeitete einen Notfallplan für die "sensiblen Urbanen Zonen", und es gab viele weitere Versuche, die extremen sozialen Diskrepanzen zwischen Innenstadt und Banlieues zu lindern. Trotzdem sprach Premierminister Manuel Valls nach den Anschlägen im Januar in Bezug auf einige Banlieues von "sozialer, territorialer und ethnischer Apartheid".

"Eben", antwortet Lion trocken. "Weil alle um die Defizite wissen, weil wir außerdem mehrmals bei Olympiabewerbungen moderneren Städten unterlegen sind, weil die Stadt so teuer und stressig geworden ist, dass Familien in Scharen nach Bordeaux, Lyon oder Straßburg ziehen, wollen diesmal auch alle quer durch die Parteien, dass wirklich was passiert." Und was passiert? "Na zum Beispiel die U-Bahn!"

Also zum Schluss noch ein kurzer Schwenk in den Süden der Stadt. Der Urbanist Patrick Urbain (kein Künstlername) bietet Stadtspaziergänge durchs neue Grand Paris an. Diesmal läuft er den Weg zwischen Villejuif Louis Aragon und Vitry Centre ab, zwei U-Bahnhöfen der Linie 15, die eigentlich 2022 fertig sein soll. Sie wird dann auf 33 Kilometern Länge sechzehn Bahnhöfe zwischen Pont de Sèvres und Noisy Champs und damit die südlichen Banlieues verbinden. Bisher ist der Pariser Verkehr streng sternförmig strukturiert: Leute, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen, müssen oft einen Riesenumweg übers Zentrum nehmen, um einander zu besuchen. Die neuen U-Bahnen, so Urbain, sollen "aus dem einen Stern eine Galaxie machen: viele Sterne, die verbunden werden." Polyzentristische Stadtentwicklung, klingt super, nur sind sie mit dem Spatenstich für die Linie 15 mittlerweile zwei Jahre in Verzug.

Dass gebaut wird, steht aber fest: Im Umkreis von 400 Metern um den Bahnhof von Villejuif Louis Aragon wurden schon alle Ladenbesitzer und Bewohner entmietet, abgefunden, umgesiedelt. Häuserzeilen stehen leer, Schaufenster sind mit Brettern verbarrikadiert.

Auf dem Fußweg nach Vitry geht es durch harmloses, freundliches Stadtgerümpel, zehnstöckige Hochhäuser aus den Dreißigerjahren neben Klinkersteinidylle, eine winzige portugiesische Bar, Wiesen, Brachland. Hier ist noch Platz für einige der 70 000 Wohnungen, die pro Jahr gebaut werden sollen. Eh klar, dass sich bereits eine Bürgerinitiative gebildet hat, die gegen Neubauten und drohende Überfremdung protestiert.

Patrick Urbain hält vor einem Neubau-Ensemble im Grünen, zweistöckige Häuser, große Fenster, alles autofrei, am Rand des Komplexes ein gemeinschaftlicher Gemüsegarten. Das Ganze ist hell, durchdacht, geschmackvoll und abwechslungsreich. "Sozialer Wohnungsbau", sagt Urbain: "Die Architekten haben viel dazugelernt seit den Sechzigern." "Pas mal", nicht schlecht, sagt Madame Fouilhan, eine energische ältere Dame im nachtblauen Faltenrock. Sie hat den Spaziergang gebucht, um sich umzusehen "hier draußen". Bisher wohnt sie in der Innenstadt, "aber die Mieten, alles Gangster, ich muss raus, meine Rente reicht sonst nicht mehr". "Na, so wie's aussieht, zieht Paris ja mit Ihnen mit." "Ah, je m'en fous, das ganze Grand-Paris-Gerede kann mir gestohlen bleiben. Die sollen diese U-Bahn bauen und fertig."