Reportage Nichts als Würde und Stolz

So idyllisch kann es aussehen, wenn Männer Krieg spielen: Die Mitglieder der polnischen "Pomorze"-Laienspielgruppe stellen die Geschichte nach.

(Foto: Roman Jocher)

In Danzig versuchen die konservativen Machthaber, ihre Vorstellungen von der richtigen Lesart der Geschichte durchzusetzen.

Von Florian Hassel

Es ist ein kleiner Vermerk im Amtsblatt, durch den Paweł Machcewicz von der Konkurrenz in der Nachbarschaft erfährt. Polens neuer Kulturminister Piotr Gliński, so heißt es, wolle in Danzig ein "Museum Westerplatte und des Krieges von 1939" gründen. Machcewicz, Direktor des Museums des Zweiten Weltkrieges, staunte: Zur Westerplatte, jener der Stadt vorgelagerten Enklave, auf der polnische Soldaten zu Beginn des Zweiten Weltkrieges eine Woche gegen übermächtige deutsche Angreifer aushielten, gibt es schon einige Ausstellungen und Gedenkstätten. Im Januar 2017 soll das Museum des Zweiten Weltkrieges eröffnen, Machcewicz ist sein Direktor. Und auch im Konzept zu dieser Ausstellung nimmt der Kampf um die Westerplatte als Symbol polnischen Heldentums breiten Raum ein.

Als Machcewicz im Februar die beiden einzigen Mitarbeiter des geplanten Westerplatte-Museums trifft, sagen diese, Machcewicz solle weitermachen wie bisher - schließlich stünden sie selbst erst am Anfang. Machcewicz ist dies recht. Schließlich haben seine 57 Mitarbeiter und knapp 500 Ingenieure und Bauarbeiter alle Hände voll zu tun, um das Museum des 2. Weltkrieges nach vier Jahren komplizierter Bauarbeiten wie geplant zu vollenden.

Die Architekten Jacek Drosz und Bazyli Domsta haben einen dynamischen Bau entworfen, der an seinem Standort nahe der Altstadt und des Werftengeländes die Formensprache Danziger Kräne und das Danzig dominierende Rot aufnimmt. Über der Erde ein 40 Meter hoher, keilförmiger Turm, unter der Erde sechs Stockwerke. Fünftausend Quadratmeter Ausstellungsfläche. Ein gigantisches Objekt. Ganz unten, 15 Meter unter der Erde, stehen unter blauen Planen ein amerikanischer Sherman- und ein sowjetischer T-34-Panzer. Der Sowjet-Panzer wird Teil einer Inszenierung, die eine zerstörte Warschauer Straße bei Kriegsende zeigt. Ab Herbst wollen Machcewicz und seine Kollegen viele der gut 38 000 Exponate einsortieren.

Auch unbeliebt bei Kaczyński: das Solidarnosc-Zentrum

Es kann aber auch anders kommen. Dass Machcewicz schon bald nur noch ein ehemaliger Museumsdirektor sein könnte, die Eröffnung auf Jahre verschoben wird und die Ausstellung nach dem Geschmack der neuen polnischen Regierung umgekrempelt - in Polens derzeit brisantestem Streit um das richtige Geschichtsbild ist alles möglich.

Der Historiker Machcewicz kennt sich mit Polens kommunistischem Führer Władysław Gomułka ebenso aus wie im Spanischen Bürgerkrieg oder in der amerikanischen Ostpolitik. Im Herbst 2007 schlug er ein neues Museum über die Kriegszeit vor, plädierte dafür, einem internationalen Publikum die im Westen kaum bekannte Kriegserfahrung der Polen und anderer von Wehrmacht, Gestapo und SS überrannter Völker Zentral- und Osteuropas zeigen - aber nicht nur.

Machcewicz will die internationale Dimension, Vorgeschichte und Folgen des Krieges zeigen - und dabei neben den deutschen und sowjetischen Kriegsverbrechen die dunkle Seiten der polnischen Geschichte nicht verschweigen. Das ehrgeizige Konzept begeisterte Polens damaligen Ministerpräsidenten Donald Tusk, dazu polnische und internationale Museumsmacher und Historiker: Im Beirat des Museums sitzen der Brite Norman Davies, der US-Amerikaner Timothy Snyder oder der Freiburger Historiker Ulrich Herbert.

Jarosław Kaczyński aber, Chef der Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) und seit Ende Oktober 2015 Polens eigentlicher Herrscher, beschimpfte das geplante Museum schon 2008 als "Organ zur Desintegration des polnischen Volkes". Kaczyński, Sohn eines Widerstandskämpfers, hat Polen nie verlassen und kennt genau zwei historische Leitmotive: polnisches Leiden und polnisches Heldentum. "Wir werden die Gestalt des Museums so verändern, dass die Ausstellung die polnische Sicht wiedergibt", kündigt er schon 2013 an. Die Identität junger Polen solle sich "nur auf Würde und Stolz stützen".

Die Museumsmacher in Danzig haben Schlüssel der Juden von Jedwabne gesammelt. Sie erinnern an ein von Deutschen angestiftetes, doch von Polen verübtes Massaker an polnischen Juden. In einem Museum nach Kaczyńskis Geschmack dürften sie keinen Platz mehr finden.

Nach dem Amtsantritt im November 2015 ließ Kaczyńskis die Regierung Beamtenapparat und Geheimdienste, Medien und Staatsanwaltschaft unter Kontrolle bringen. Doch auch Filmindustrie, Theater und erst recht Museen sollen auf den patriotisch-polnischen Kurs verpflichtet werden. So verkündete also Kulturminister Gliński jüngst, das Museum des 2. Weltkrieges werde zur "Erhöhung der Effektivität" mit dem - bis heute nicht existierenden - Westerplatte-Museum vereinigt. Dies aber hätte weit reichende Folgen für Leitung, Mitarbeiter, Ausrichtung (siehe Interview).

Doch nicht nur das Weltkriegsmuseum ist bei der neuen Regierung unbeliebt. Bereits im August 2014 hat in Danzig das Europäische Solidarnosc-Zentrum eröffnet: eine Mischung aus Kultur- und Tagungszentrum, Forschungsstätte und Museum der Solidarność-Bewegung und anderer Demokratiebewegungen in Osteuropa. Direktor des Zentrums ist Basil Kerski, in Danzig als Sohn eines Irakers und einer Polin geboren, in Polen und im Irak aufgewachsen, lange Berlin-Erfahrung. Als der Politikexperte und Kulturmanager Kerski 2011 zum Direktor gewählt wurde, so erinnert er sich, kritisierte ihn die PiS "als möglichen deutschen Spion". Seit der Eröffnung haben 270 000 Menschen die Ausstellung über die Solidarnosc-Zeit und den Fall des Kommunismus gesehen, Hunderttausende weitere Besucher das Zentrum genutzt.

Am Donnerstag und Freitag etwa diskutieren Politiker, Wissenschaftler und Diplomaten zu Ehren des tschechischen Bürgerrechtlers und Präsidenten Vaclav Havel über "Europa mit Blick auf die Zukunft" - auch kein Lieblingsthema der PiS. Zu gern würde Kaczyński auch im Solidarnosc-Zentrum durchregieren, wie sein Vertrauter Jacek Kurski durchblicken ließ, der sich übrigens selbst "Kaczyńkskis Bullterrier" nennt.

Polnischen Medien berichteten über ein Gespräch Kurskis mit Kerski. Der Direktor des Zentrums schweigt darüber, aber es heißt, der Kaczyński-Mann habe einen Kurswechsel und personelle "Säuberungen" verlangt - bis er darauf aufmerksam gemacht wurde, dass im Zentrum nicht allein der Kulturminister das Sagen hat, sondern die Region und die Stadt Danzig mitbestimmen. "Spätestens 2017 kommen auch wir in schweres Fahrwasser", sagt Kerski düster, aber nicht undiplomatisch. Dann endet seine Amtszeit.

So weit wird es sein Direktorenkollege Machcewicz möglicherweise nicht mal schaffen, dabei geht sein Vertrag bis Ende 2019. Knapp 200 Historiker aus aller Welt solidarisierten sich mit ihm in einem Offenen Brief an die Regierung. Doch Kulturminister Gliński bekräftigt am 5. Mai seinen Beschluss: Die Museen werden verschmolzen. Zwar ist dies laut Museengesetz nur erlaubt, wenn es dem Museum nicht schadet und wenn ein unabhängiger Rat polnischer Museumsspezialisten zustimmt. Doch der Rat werde eben nicht gefragt, ließ der Minister Machcewicz per Brief mitteilen, die Vereinigung werde auf Grundlage eines anderen Gesetzes erfolgen.

"Sind meine Mannschaft und ich erst aus dem Weg geräumt, wird der neue Direktor bestimmt bald verkünden: Leider sind unvorhergesehene Probleme aufgetaucht, die Eröffnung muss um ein paar Jahre verschoben werden", befürchtet der bedrängte Museumsdirektor Machcewicz. "Spätestens dann ist auch in Polens Kultur klar, dass für niemanden Platz ist, der nicht mit der PiS und ihren Ideen übereinstimmt."