Reportage Die Tofuwürstchenfrage

"Asyl". Das Wort verstehen alle. Aber wohin geht die Reise dann? Das wichtigste Transportmittel, wenn man erst mal hier ist: die deutsche Sprache.

(Foto: Ina Fassbender/dpa)

Aus weiter Ferne, so nah: Unsere Autorin leitet Schreibwerkstätten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der deutschen Provinz.

Von Mirijam Günter

"Hallo, mein Name ist Mirijam Günter, ich bin Schriftstellerin", erzähle ich im Norden des Landes in einer kleinen Klasse. Die sieben Jugendlichen lächeln mich an. "Wir verbringen ein paar Tage zusammen, lesen und schreiben, ich nenne das Ganze Literaturwerkstatt." Die Jugendlichen betrachten mich ruhig und interessiert. Ich fange mit einem kleinen Literaturspiel an, alle reagieren mit höflichem Schweigen.

Solche Heranwachsenden habe ich bis dato in keiner Arrestanstalt, Jugendpsychiatrie, Förder- oder Hauptschule erlebt. Egal wie schüchtern sie sind, irgendeiner traut sich immer, etwas zu sagen. Nachdem ich noch zwei Fragen gestellt und nur verständnislose Blicke geerntet habe, kapiere ich es endlich: Sie verstehen mich nicht. Ich bin hier bei Schülern gelandet, die erst vor kurzem alleine nach Deutschland gekommen sind und jetzt die Sprache lernen. Derart ins kalte Wasser geschmissen, muss ich erst mal überlegen. Die Jugendlichen lachen, ein Junge sagt langsam: "Jetzt weißt Du, wie es uns geht."

Der erste Schnee: "Auf einmal kamen weiße Sachen aus dem Himmel geschossen."

Ich fange noch mal ganz von vorne an. Diesmal kommen sie ins Reden. Sie sind alle allein nach Deutschland gekommen. Viel erzählen sie nicht. Aber es ist ein wahnsinniger Unterschied, ob ich von ertrunkenen Menschen im Mittelmeer lese oder einen Jungen vor mir sitzen habe, der in einem der Boote saß und gesehen hat, wie die anderen um ihn herum ertranken.

Alle Heranwachsenden in dieser Gruppe sind diszipliniert und wissbegierig. Durch ihre Erfahrungen wirken sie viel erwachsener als ihre hiesigen Alterskollegen. Fast schon bin ich froh, als ein Fünfzehnjähriger am dritten Tag keinen Bock hat. Er will chillen. Zwei andere Jungen sitzen vor der Klassentür und brauchen noch etwas für ihre Aufgabe. Die Lehrerin, die es nicht für nötig hielt, mich vorher zu informieren, wer da in meiner Gruppe sitzt, regt sich über das Verhalten der Schüler auf. Als ich entgegne, dass das doch normal für Pubertierende sei, wird sie sauer. "Von solchen Schülern erwarte ich ein anderes Verhalten," schnauzt sie mich an. "Warum?" frage ich. Sie sieht mich genervt an, murmelt etwas von meiner Realitätsferne, und ich sehe sie den Rest der Woche nicht wieder.

Eine Literaturwerkstatt in Bayern. Der Träger weigert sich dafür zu bezahlen. Man setze ehrenamtliches Engagement bei Flüchtlingen voraus, so die Auskunft. Ich frage die Jugendlichen nach ihren ersten Tagen in Deutschland. "Es war eiskalt," erzählt ein Mädchen aus Eritrea, "und auf einmal kamen so weiße Sachen aus dem Himmel geschossen. Ich habe geschrien, bin ins Zimmer gerannt und habe mich unter meinem Bett versteckt. Ich hatte solche Angst. Später habe ich dann verstanden, dass das Schneeflocken waren." Ein Junge aus der Gruppe lacht, hört aber schnell wieder auf. "Warum lachst du," fragt das Mädchen erbost. Der Junge entschuldigt sich: "Ich habe dich nicht ausgelacht, das war nur so . . ." Er zögert, dann: "Ich habe gelacht, weil ich beim ersten Schnee auch gedacht habe, das wäre Munition, und das war mir jetzt voll peinlich."

Wir sprechen noch viel über Deutschland, sie stellen Fragen, finden vieles sehr befremdlich. "Warum steckt ihr alte Menschen ins Heim? Liebt ihr die nicht mehr, wenn sie nicht mehr können?"

In der Mitte des Landes verschlägt es mich in ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Da keiner der Erwachsenen weiß, dass ich komme, obwohl vorher Zeiten und Größe der Gruppe abgeklärt waren, geben sie mir den Aushang für meine Literaturwerkstatt. Die Ausschreibung ist auf deutsch, eingetragen haben sich überraschenderweise alle Bewohner. Es dauert etwas, bis ich selbst das Missverständnis aufkläre. Die Jugendlichen hatten gedacht, man müsse sich für Lebensmittel eintragen. Nachdem klar ist, dass ich für das andere L zuständig bin, bleiben ein paar Mädchen aus Somalia.

"Ich bin stark wie ein großer Baum", schreibt eines der Mädchen. Das müssen sie auch sein, haben die 15- bis 17-Jährigen Mädchen sich doch jeweils allein auf den Weg nach Deutschland gemacht.

Die Deutschen basteln sich falsche Würstchen, weil sie traurig sind, dass sie echte nicht essen dürfen

Am dritten Tag beschließen wir, zusammen einzukaufen. Die Mädchen schnappen sich ihre Hefte und wir machen uns auf den Weg. Bei einigen Passanten verstummen die Gespräche - Mädchen in Kopftüchern und langen Mänteln bekommen hier viel Aufmerksamkeit. Im Supermarkt wollen die Mädchen die Namen der Produkte wissen; alle Verkäuferinnen und auch die Kunden helfen mit. Es herrscht eine gelöst, lustige Atmosphäre. Alles wird fein säuberlich in die Hefte eingetragen, manchmal mit Zeichnungen. Nach einer Weile holen mich die Mädchen aufgeregt zu einem Regal. Ich folge ihnen, sie zeigen mir ein paar Tofuwürstchen neben der Milch. Es dauert, bis ich kapiere, dass sie denken, die Tofuwürstchen seien falsch eingeräumt worden. Sie denken, dass diese ins Fleischregal gehören.

Auf einmal ist der Supermarkt sehr ruhig, keiner will helfen. Was nun, Frau Schriftstellerin?

"Also, das sind keine echten Würstchen."

"Hää?" Ich versuche zu erklären, dass es Leute gibt, die auf Fleisch verzichten.

"Aber warum geben die Leute fast vier Euro für Nicht-Würstchen aus? Echte kosten nur neunundneunzig Cent."

Sie rätseln weiter, was das soll, bis ein Mädchen plötzlich in die Hände klatscht und sagt, sie wisse es: "Deutsche sind sehr krank, dürfen kein Fleisch essen und sind dann traurig. Deswegen sie basteln sich falsche Würstchen." Die anderen Mädchen klatschen und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass auch die anderen Kunden gerne klatschen würden.

Sie haken mich unter. "Wir kochen jetzt. Komm mit. Aber mit echten Würstchen oder bist du auch krank?"

Ein katholisches Kloster in der Eifel. Als die zehn dunkelhäutigen Jugendlichen ankommen, wird mir der Unterschied zwischen Land und Stadt noch mal bewusster. In einer Großstadt mit Flüchtlingen herumzulaufen, ist etwas anderes als auf dem platten Land. In einem Kloster ist es noch mal anders. Vor dem Abendessen stehen die mehrheitlich muslimischen Jungen unschlüssig vor ihren Stühlen, während die erwachsenen Gäste am Buffet sich die Teller beladen. Was denn los sei, warum sie sich nichts zu essen holen, frage ich sie.

Nach einer Weile bekomme ich heraus, dass sie auf das Gebet warten - vergebens. Nachdem sie beobachtet hatten, dass die schwere Kirchentür sich hinter den Gläubigen verschließt, denken sie jetzt, dass Christen in Deutschland heimlich beten.

"Ich habe Luft zum Atmen", schreibt ein Junge, "sagt man das hier? Ich habe gesehen, wie meine Eltern erschossen wurden, danach bin ich nur gerannt, dann habe ich drei Monate im Wald gelebt und bin in einem Boot gefahren, ganz viele Mensch sind da gestorben. Hier im Kloster ist es schön. Wir essen zusammen, wir reden, alles ist freundlich."

In einer Kleinstadt gehe ich mit einem dreizehnjährigen Mädchen aus Ghana eine Cola trinken. Wir setzen uns auf eine öffentliche Bank. Das Mädchen hat die Haare kunstvoll geflochten, viele Passanten gaffen mehr, als dass sie das Mädchen anschauen. Als ein älteres Ehepaar sich, mit einem Eis in der Hand, vor das Mädchen stellt und es betrachtet, platzt mir der Kragen und ich weise sie zurecht.

"Ach das ist nicht schlimm", erzählt das Mädchen, "die Leute gucken doch alle nur, weil ich mal eine große Künstlerin werde."

Das Land ist, was das Thema Flüchtlinge angeht, gespalten. Von Ablehnung bis zur absoluten Solidarität erlebe ich alles. Mehrfach passiert es, dass ich mit Jugendlichen ein Geschäft betrete und der Ladenbesitzer Anrufe von seinen Nachbarn erhält, ob alles okay sei. Mehrfach werden Flüchtlinge für Dinge angemeckert, die bei hiesigen Jugendlichen nicht auffallen würden. Sie beschreiben es selbst als Gefühl, unter Beobachtung zu stehen, sobald sie nach draußen gehen. "Ich will einfach nur normal behandelt werden", erzählen mir immer wieder Jugendliche, "nicht unnatürlich nett, aber auch nicht so gegen mich."

Es gibt aber auch, wie gesagt, Solidarität. Ein Junge aus meiner Literaturwerkstatt im Kloster bekommt vom örtlichen Bäcker eine Lehrstelle angeboten, die Gasthoffamilie gegenüber bietet dem Jungen ein Zimmer an. Perfekte Integration für einen Jugendlichen aus einem fernen Land, der beim Anblick von duftendem frischem Brot leuchtende Augen bekommt, hat er doch seit seinem elften Lebensjahr als Bäcker gearbeitet. Alle, auch die Mönche, sind begeistert. Los gehen soll es mit einem Praktikum. Nach Ende der Literaturwoche fährt der Junge in sein Heim und will in der Woche drauf wieder kommen.

Zwei Tage später bekomme ich einen Anruf des Heims. Der Fall O. sei nicht für eine Bäckerausbildung vorgesehen. Sie im Heim würden alles regeln. Der Junge ist tieftraurig und bleibt im Heim. Keine Ausländerbehörde, kein böses Gesetz hat den Traum des Jungen zerstört, sondern eine Heimleitung, die nicht auf das Geld für den Jungen verzichten wollte.

18 Monate später steht der Junge, der jetzt im zweiten Lehrjahr wäre und sein eigenes Geld verdienen würde, vor der Abschiebung. Der Junge weint am Telefon, wir haben die ganze Zeit Kontakt gehalten.

Ich bettle Geld bei der Kölner Kampagne "kein Mensch ist illegal" zusammen, besorge davon einen Anwalt für den Jungen und werde niemals die Hoffnung verlieren, dass das Leben gut ist.

Von Mirijam Günter erscheint im August der Jugendroman "Die Stadt hinter dem Dönerladen" (Größenwahn-Verlag)