Das ist, auch wenn es gerade nicht so scheint, weiterhin Esoterik. Denn warum naht gerade jetzt der Sieg? Weil vor etwa 45 Jahren nach dem Glauben der Spiritisten das Wassermann-Zeitalter begonnen hat. Es währt 2150 Jahre und löst nun langsam die Epoche der Fische ab, die von Kriegen, Not und Elend gekennzeichnet war, von Dunklem. Endlich wird es hell. New Age war der in Kalifornien geprägte Begriff dafür. Er ist aus der Mode, aber Autoren wie Holey greifen darauf zurück, indem sie schreiben, wir sind die Kinder des Neuen Zeitalters, wir, und niemand wird uns hindern, unsere Ziele durchzusetzen, und wer es doch versucht, der wird es nicht überleben.

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Und weiter zurück in die Geschichte; die Wurzeln jener braunen Esoteriker liegen ja nicht in Kalifornien. Es war die Begründerin des modernen Okkultismus, die Madame Blavatsky, die ihnen Stoff in Fülle hinterlassen hat, vor allem in ihrer 1888 erschienenen "Geheimlehre". Der Mythos des reinen Nordens, sie schuf ihn, denn dort, auf verschollenem Kontinent, "wurde die arische Rasse geboren", die zum Führen geeignete. Verlöschen hingegen müssten niedere Rassen, als da unter anderem wären "Rothäute, Eskimos, Papuas".

Madame gründete die theosophische Gesellschaft. Bald wurden ihre Gedanken ins Völkische übertragen. Der erste, der das tat, war ein Mann namens Guido von List in Wien. Der verabscheute die moderne Jagd nach dem Gelde und die daraus folgende Vereinzelung der Menschen, der träumte von alter wahrer Gemeinschaft, der nannte die Bewohner jenes versunkenen Kontinents Ario-Germanen, der wollte ihre Nachfahren erheben über alle anderen, der formulierte entsprechende Ideen: strikte Rassen- und Ehegesetze, Sippenchronik als Pflicht für jede Familie. Und das war wann? 1911.

Neben List wirkte Lanz, Jörg Lanz von Liebenfels. Und auch seine Ideen lesen sich wie die Vorwegnahme künftigen Geschehens, nur schrecklicher noch: Niedere Rassen wollte er sterilisiert beziehungsweise nach Madagaskar deportiert beziehungsweise als Gottesopfer verbrannt sehen. Arische Brutmütter sollten reinblütigen Männern zur Verfügung stehen. Lanz publizierte in einer von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift, der Ostara, benannt nach der heidnischen Göttin des Frühlings. Diese Hefte wiederum, so ist durch Zeitzeugen verbürgt, sind vom jungen Hitler regelmäßig gelesen worden. Der besuchte Lanz 1909 in Wien sogar in der Redaktion.

Keine voreiligen Schlüsse. Hitler war deshalb dem Okkulten noch lange nicht zugeneigt, im Gegenteil, er hat es verspottet. Aber jener Rassismus der Blavatsky-Jünger, der hat ihn geprägt. Ihr mythologischer Grundton findet sich wieder bei ihm, bis in Details hinein. Die alte Swastika, das Hakenkreuz, das er nach allem, was man weiß, erstmals in einer Schrift Lists sah - es war für ihn, ganz im Sinne der Theosophen, "das Sonnenrad, das von Osten nach Westen um die menschlich bewohnte Erdfläche herumrollt".

Jetzt ist ein Sonnenrad in seiner runden Form in Fichtenau im hügeligen Mittelfranken zum Stehen gekommen. Jan Udo Holey hat es, aus Holz und Glas, in eine der Türen seines Anwesens eingearbeitet, das ist erlaubt, und das ist symbolträchtig. So ein ähnliches Rad findet sich im Boden der Wewelsburg bei Paderborn, früher das Schulungszentrum der SS, heute eine Pilgerstätte für Neonazis. Man muss um diese Hintergründe wissen, um in Fichtenau jene Sonne überhaupt zu erkennen; wer es nicht weiß, denkt wohl nur: hübsch, das Teil, und so sauber gearbeitet.

Mörderische Mikrowellen

Obzwar Holey einen nicht empfängt, kann man ja da entlangwandern, wo er wohnt. In der Nähe ein Gasthof. Die Wirtin bäckt riesige Pfannkuchen. Nach einem ist man satt, aber zum Gericht gehört noch ein zweiter, und sie, die gute Seele, ist ganz traurig, als sie hören muss, der passe beim besten Willen nicht mehr rein. "Der Jan", sagt sie, "hat ein Buch über Hitler geschrieben, ,Mein Kampf'." - "Aber das ist doch von Hitler selber." - "Ja, aber der Jan hat geschrieben, dass der Hitler gar nicht so schlecht war. Und wenn er das schreibt, dann hat er sicher recht."

Holey ist ein kleiner Held für sie, vielleicht nur wegen der Bücher: weil er, der Junge von nebenan, sie geschrieben hat. Doch letztlich, und das begreift man, wenn man sich eine Weile mit der Szene beschäftigt, war alles schon lange vor ihm da. So gut wie nichts hat die jetzige Garde erfunden. Die Mär von den Nazi-Ufos am Pol? Stammt aus einer 30 Jahre alten Trilogie des einstigen SS-Mannes Landig. Die Hohlerde-Theorie? Kommt aus einer ganz anderen Ecke, von Edgar Rice Burroughs, dem Schöpfer von Tarzan.

Holey und seine Leute haben die einzelnen Theorien, Wahnvorstellungen und Phantasien nur gut verquirlt. Und wenn nicht alles täuscht, hatten sie Glück, weil die Umstände, ähnlich wie ein Jahrhundert zuvor dem List und dem Lanz, nun ihnen in die Hände spielten: wieder ein weltweiter Modernisierungsschub, wieder ein Haufen Menschen, die sich sagten, diese neue, harte, schnelle Realität, dahinter muss sich doch noch was anderes verbergen, irgendeine verdammte einleuchtende Erklärung, bitte.

Im "Spitteleck" in Berlin sitzen 25 Mann, die diese Erklärung zu packen gekriegt haben. Und ganz offenbar sind sie nicht gewillt, sie wieder loszulassen. Ihre Gesichter etwas grauer als jene von der Esoterikmesse, ihre Kleidung billiger. Einer bestellt einen halben Liter Rotwein. Den der Wirt, der ihnen nicht fremd ist, denn wir schreiben Neuschwabenlandtreff Numero 121, im Hefeweizenglas serviert. Plötzlich Ruhe, ein Mensch unter Kopfhörern zählt den Countdown. Die Veranstaltung wird von einem Internetradio übertragen. Es heißt "Wahrheit" und meldet sich mit klirrenden Worten: Hier ist der Reichsdeutsche Rundfunk in Groß-Berlin aus den besetzten Gebieten.

Ein Herr Stoll referiert über die Mikrowelle als tückische Waffe: Jeder kann damit jeden unschädlich machen, die Vorfälle häufen sich, man ist nirgends sicher. Dann folgt Herr Petersen mit einem Bericht über Kondensstreifen, die in Wirklichkeit was anderes sind, nämlich todbringende Gifte, welche aus den Flugzeugen versprüht werden. Er, der das oft gesehen hat und sich fragt, wieso andere es nicht auch sehen, er hat letzte Nacht schon mal brechen müssen, einfach so.

"Kann auch eine Mikrowelle gewesen sein", ruft Herr Stoll mitfühlend.

Jemand schreit von hinten: "Die BRD ist eben einfach zum Kotzen!" Dröhnendes Gelächter. Der Mann von "Radio Wahrheit" hebt den Daumen. Aber, setzt Petersen fort, da sind auch ermutigende Zeichen am Himmel. Denn schon mehrmals konnte er direkt über Berlin beobachten, wie aus dem Nichts Flugscheiben auftauchten, die Giftsprühmaschinen kassierten und wieder verschwanden.

"Dank an die ErrDee", brüllt jemand. Er meint die Reichsdeutschen. Beifall.

Eigentlich hatte man noch mit ein paar Leuten hier sprechen wollen; mit wem denn wohl, wenn nicht mit ihnen. Aber dann reißt man seinen Mantel vom Haken und geht wortlos hinaus.

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(SZ vom 15./16.3.2008/ehr)