Pop Zwider in Zwiesel

Sänger und Gitarrist Johannes Haslinger, Bassist Florian Seemann und Drummer Alexander Lange (v. l.).

(Foto: J. Haslinger)

Die "Zitronen Püppies" und ihr neues Album

Von Christian Jooß-Bernau

Bei Lied Nummer drei muss man sich die Verblüffung eingestehen. Das Münchner Label Trikont veröffentlicht Musik, die man sich in der Radio-Rotation vorstellen kann. "Mia geht's guad" heißt die Nummer mit einer höflich verzerrten Gitarre und diesem netten Satzgesang über einen, der sich fragt, warum immer die anderen alles bekommen und man selbst nur einen Dreck: "Mei Rolex-Uhr hot kaum Karat, Lederschua a Imitat." Gute viereinhalb Minuten geht das flott vor sich hin - und dann sitzt einem das Ding im Kopf und lässt sich nicht mehr herausschütteln.

Zitronen Püppies heißt das Trio aus der Generation, die sich statt auf eine Band-Homepage gleich auf Facebook verlässt und somit immerhin gerade noch als jung durchgeht. Die Püppies gibt es auch nicht erst seit gestern. 2010 haben sie das Album "The Silence of the Lemons" veröffentlicht, das noch ein ganzes Stück weiter im deutschen Punk steckte und einen auf lustige Art rotznasig anmachte. Schon hier hörte man eine Band, die Wert auf Präzision und Arrangements legt, die nicht das Gewollte ausstellt, sondern die Selbstverständlichkeit runder Popsongs anstrebt.

Auf ihrem Album "Bambis Rache" ist ihnen das über weite Strecken gelungen. Es gibt hier einen Drang zur Melodie. Vom ersten Song "Ans Meer fahren" packen sie den Text und machen ihn zu Sound. So reimt sich "Apfelstrudel" auf "winzig kleine Nudel", und die Albernheit wird in der feinen Linie des Gesangs zum edlen Blödsinn. Musikalisch hat das oft eine Tiefendimension, in der sich Instrumente tummeln, die mit Rock nur am Rande zu tun haben. Teilweise ist ihr Klang nur zu erahnen, immer aber haben sie eine Präsenz als eigenwillige Stimmung, die den Liedern Charakter gibt, ohne sich aufzudrängen.

Die Zitronen Püppies kommen von dort, wo Bayern wirklich und endgültig gleich zu Ende ist: Zwiesel - tief im Bayerischen Wald. Wenn Johannes Maria Haslinger singt "Ich will nach Minga ins Jenna" könnte man fast meinen, er denke an ein fernes Urlaubssehnsuchtsland. Tut er dann aber doch nicht, weil er Minga gut kennt und die, die da herumsitzen eine Mischung aus Pseudo-Großstadt und Absturz sind. In Zwiesel ist etwas weniger geboten. Da wird das Innerere schnell spannender als das Äußere, und die Zitronen Püppies müssen sich mit der Liebe herumschlagen.

So geschieht es, dass sich der Sänger an ein Mädchen heranmacht: "Die stieß mich weg, mit den Worten: ,Nimm deine dreckigen Finger von mir, du Dialektsprecher!'" Und ausgerechnet diese Geschichte erzählt der Haslinger in fast schon höchstem Hochdeutsch. Geht auch anders: "Mei Freindin hod an Hund" heißt ein Lied. Und der Hund, das ist der Sänger selber, der sich bis zum Überdruss angenörgelt fühlt. Und das nur, weil Dreckgeschirr herumsteht und die kleine Garderobe noch nicht an der Wand hängt. Trikont, Giesinger Zufluchtsort für die etwas anderen, und die Zitronen Püppies, sie passen wohl doch recht gut zusammen. Auf diesem Label kann man auch "Rosarote Schleife" veröffentlichen, einen bizarren Song über die tote Freundin im Keller, der melodisch fröhlich ins tiefste Loch stürzt. Hier endet die Verwertbarkeit dieser Püppies für das bayerische Formatradio. Und das tut einem gar nicht leid.

Zitronen Püppies, Mi., 26. April, 20 Uhr, Glockenbachwerkstatt, CD-Release-Konzert: Do., 27. April, 20 Uhr, Substanz, beide Konzerte Eintritt frei