Pop Resonanz durch Präzision

Mit "The Angelcy" hat Israel eine regierungskritische Stimme

Von Martin Pfnür

"We are a natural disaster", klagt Rotem Bar Or, Sänger der israelischen Band The Angelcy, in diesem so traurigschönen Lied namens "My Baby Boy". Er singt dabei, so kann man das interpretieren, aus der Perspektive einer Mutter oder einer Liebenden, deren "Baby Boy" in die Armee eingezogen wurde; vor allem aber singt er aus der Perspektive jener Israelis, die mit der Politik ihrer Regierung nicht einverstanden sind, jener, die "alle Hoffnung verloren haben, jemals zu verstehen, was da im Kopf der Entscheidenden vorgeht", wie es sinngemäß im Text von "My Baby Boy" heißt.

Es ist ein Stück, das einem angesichts des ewigen Nahost-Konflikts auch hier massiv unter die Haut gehen kann, so wunderbar grundsätzlich und menschlich packt es die schwere Thematik an, so klug konterkariert es sie mit diesem luftig-beschwingten und gleichzeitig melancholischen Sound, dieser süßen Melodie, diesem so simplen wie - angesichts des Kontexts - genialen Refrain. "We are a natural disaster".

Dabei versteht sich die Formation aus Tel Aviv gar nicht als politische Band, wie Klarinettist Uri Marom betont. "Wir versuchen einfach, das auszudrücken, was uns umtreibt", sagt er. "Und manchmal, wenn wir das besonders klar und präzise hinbekommen, gibt es da eine gewisse Resonanz bei den Leuten." Eine Resonanz, die sich nicht zuletzt auch aus der Musik des Sextetts ergibt, denn die kommt schon mittels der Instrumentierung - Gitarre, Kontrabass, Violine, Klarinette, sowie ein Drumset, das von zwei Bandmitgliedern parallel oder im Wechsel bedient wird - sehr besonders daher. Es ist eine Form von Indie-Folk, die das Präfix "Indie", also "Independent", mehr als verdient hat, so frei und klug variieren The Angelcy auf ihrem Debütalbum "Exit Inside" Folk, Blues, Klezmer oder auch Anklänge von Kammermusikalischem und Jazzigem. Und Freiheit. Darum geht es hier doch.

The Angelcy, Montag, 10. August, 21 Uhr, Glockenbachwerkstatt, Blumenstraße 7