Peter Sloterdijk "Zorn und Zeit" Entdecke, Bürger, den Zorn

Achill trifft Fukuyama und wird misanthropisch: Peter Sloterdijks Stichworte zur Zeit

Von Jens Bisky

Auch die Sorgen sind nostalgisch geworden. Noch immer erwartet die offene Gesellschaft, ihre Feinde müssten den Extremisten des 20. Jahrhunderts im wesentlichen gleichen. Dank des islamistischen Terrors und eines kollektiven, unwillig verwalteten Elends, das von fern an die alte ,,soziale Frage'' erinnert, scheint die postkommunistische Situation im Bannkreis dessen befangen, was ihr abhanden kam: des historisch noch kaum verstandenen Kommunismus, der, wie nun Peter Sloterdijk glaubhaft macht, brutalsten und erfolgreichsten Zornbewirtschaftung der Weltgeschichte.

Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 356 Seiten, 22,80 Euro.

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Der Leser dürfte von Sloterdijks geschichtsphilosophischem Langfeuilleton ,,Zorn und Zeit'' am meisten profitieren, der den ,,politisch-psychologischen Versuch'' als Aufräumarbeit im Angsthaushalt der Gegenwart zur Kenntnis nimmt. Um klarer zu sehen, muss er freilich eine Korrektur seines psychoanalytisch verdorbenen Menschenbildes vornehmen und sich auf eine lange, pointenreiche Paraphrase der doch nicht ganz unbekannten abendländischen Geistes- und Empörungsgeschichte einlassen.

Sloterdijks Einfall ist schlicht und erhellend: Die Geschichte aller bisherigen europäischen Gesellschaft ist ihm die Geschichte von Zornmanagement. Am Anfang steht Achill, dessen Zorn zu singen, Homer die Muse anruft, im ersten der vierundzwanzig Gesänge der ,,Ilias''. Dieser Zorn ist uns fremd, nahezu unbegreiflich. Homer, so Sloterdijk, bewege sich ,,in einer von einem glücklichen Bellizismus ohne Grenzen erfüllten Welt''.

Zorn und Stolz, Wut und Hass, gehören zum Menschen

Die ,,leuchtende Sichtbarkeit der Schauspiele und Schicksale'' versöhne mit der ,,Härte der Tatsachen'', ganz verstünde dies nur, wer imstande sei, Krieg und Glück sinnvoll zusammen zu denken. Die Aufwallungen des Helden gehen vom thymós aus, ,,dem Regungsherd des stolzen Selbst''. Die Sonne Homers schien über einer Welt, die Summe war der in ihr zu führenden Kämpfe. Alles Spätere ist Domestizierung, Produkt der ,,Austreibung des großen Zorns aus der Kultur'', der aber dennoch nie ganz verschwindet.

Das ,,Thymotische'', Zorn und Stolz, Wut und Hass, gehören für Sloterdijk zum Menschen. Sie sind nicht, wie uns die libidoversessene Psychoanalyse weismachen will, Reaktionsbildungen auf unbefriedigte erotische Wünsche, abgelenktes Begehren. Wenn denn, so mag man folgern, Ödipus oder Narziss unserem Triebschicksal den Namen leihen, so ist unsere Psyche doch nur ganz zu verstehen, wenn dem Achilleischen in ihr sein Recht wird.

So überzeugend das klingt, so sehr beruht es doch auf einer arg raschen, arg engagierten Lektüre der ,,Ilias''. ,,Menis'' - der Zorn, von dem gesungen werden soll - bedeutet eben auch ,,Groll''. Achill lernen wir kennen ,,grollenden Sinns um den Raub der schöngegürteten Jungfrau'', unzugänglich für Rat und Bitte, ausscheidend aus der Gemeinschaft der kämpfenden Achaier.

Er ist ein adelsstolzer Held: ,,Wirklich'', unterbricht er Agamemnon, ,,ein Feigling und Wicht verdient' ich geheißen zu werden, / Gäbe ich fügsam in allem dir nach, soviel du gebietest!'' Und er ist lange, blutige Zeit ein Nicht-Handelnder, ein Schmollender, den erst der Tod des Gefährten ins zornige Rasen zurückruft.