SZ: Ihr Motor, die Gier, ist eindeutig ein Suchtphänomen. Nicht umsonst zählt sie ja zu den sieben Todsünden. Ist die biblische Moral nicht mehr relevant?
Anzeige
Peter Sloterdijk: Papst Gregor der Große hat in seinem Lasterkatalog zwei ökonomiebezogene Haltungen als gefährliche Deformationen der Seele beschrieben. Die eine ist gula, das ist die Gefräßigkeit oder auch orale Maßlosigkeit, die andere avaritia, das ist Geiz oder entgrenztes Habenwollen.
SZ: Sind das Tendenzen, die auch heute noch aktuell sind?
Peter Sloterdijk: Von einer direkten Anwendung der alteuropäischen Lasterkataloge auf die heutige Lage halte ich wenig. Die Welt ist nicht gieriger oder geiziger geworden als früher. Wenn aber die amerikanische Zentralbank Geld für null Zinsen emittiert, muss der vernünftige Global Player - beinahe hätte ich gesagt - Global Prayer ...
SZ: . . . wie zutreffend!
Peter Sloterdijk: . . . dann muss der zugreifen, weil er sich sonst einen Nachteil gegenüber denen einhandelt, die das Geld mitnehmen. Die Finanzkrise hat ihren Grund in technischen Fehlern der Zentralbanken. Hinter ihr steht der Streit zwischen einem inflationistischen und einem anti-inflationistischen Kurs in der Geldpolitik. Was wir heute erleben, ist eine Folge davon, dass sich die Inflationisten beziehungsweise die Schuldenakrobaten auf ganzer Linie durchgesetzt haben.
SZ: Ein Skandal?!
Peter Sloterdijk: Wenn die US-Notenbank zur Behebung der Defizite die Rotationspressen laufen und zusetzliche Trillionen Dollar ausspucken lässt, kann man mit Händen greifen, wie die Umwertung aller Werte funktioniert. Dabei sind keine perversen Cäsaren am Werk, keine aufgeblasenen Übermenschen, die auf den Kopf stellen, was die Menschheit bis gestern für gut und richtig hielt. Die heutige Wertekrise ist das Werk grauer Bürokraten, die meinen, man könne dem Verlust an Vertrauen mit der Emission von Scheingeld abhelfen.
SZ: Weil sie ohnmächtig sind?
Peter Sloterdijk: Sie sind nicht ohnmächtig, sondern sie sind Somnambule, Schlafwandler, die nichts aufweckt. In ihrem Weitermachen auf dem falschen Kurs liegen die Quellen aller Demoralisierung. Auch unsere Regierung ersetzt, wie fast alle anderen, fehlendes Geld durch Scheingeld. Sie versucht, mit einer energisch kaschierten Inflationsstrategie die Turbulenz zu meistern, die bereits eine Inflationskrise ist. Fällt Ihnen auf, dass in der ganzen Debatte nie das Wort Inflation fiel?
SZ: Stimmt. Und alles geschah im Zeichen des neoliberalen Glaubens an die problemlösende Macht des Marktes ...
Peter Sloterdijk: In Wahrheit im Namen eines magischen Weltbilds. Der eigentliche Held des Neoliberalismus ist Harry Potter.
SZ: Wie bitte das?
Peter Sloterdijk: Weil die Potter-Romane die Fibel einer Welt ohne Realitätsgrenze darstellen. Sie überredeten eine ganze Generation, den Zauberer in sich zu entdecken. Das englische Wort Potter bedeutet übrigens "Töpfer", einen Handwerker, der Hohlkörper verfertigt. Nur Verlierer glauben heute noch an die Arbeit, die Übrigen betreiben magische Töpferei und lassen ihre strukturierten Produkte fliegen.
SZ: Weil sie keinen Inhalt haben können?
Peter Sloterdijk: Doch, sie müssen sogar Inhalt haben, aber nicht als Selbstzweck! Gefäße sind Medien, die aufnehmen, um abzugeben. Martin Heidegger hat in einer tiefsinnigen Betrachtung über das Wesen der "Dinge" am Beispiel eines Kruges ausgeführt, wie der seine Funktion nur in dem Maß erfüllt, als er hohl ist, mithin gefüllt werden kann. Was er erhält, gibt er in der Gebärde des Schenkens weiter. Der moderne Mensch hat den Schnabel des Kruges verstopft. Da fließt nichts mehr hinaus, das geht auf Dauer nicht gut.
SZ: Weshalb wir lieber mit dem Zaubern aufhören sollten?
Peter Sloterdijk: Zaubern ist eine Tätigkeit, die das Verhältnis von Ursache und Wirkung verdunkelt. Die Verwirrung beginnt, wenn die Wirkung die Ursache maßlos übertrifft - ökonomisch gesprochen, wenn der Profit in keinem Verhältnis mehr zur Leistung steht. Genau diese Unverhältnismäßigkeit prägt die Grundstimmung der vergangenen Jahrzehnte. Zahllose wollten aus einer Wirklichkeit aussteigen, in der man für 40 Stunden Arbeit pro Woche kaum ein Durchschnittseinkommen erreicht, während man durch ein paar Stunden Magie in die Runde der Superreichen aufgenommen wird. Wir haben eine gefährliche Rechenart erfunden. An die Stelle von prosaischen Gleichungen treten wunderbare Ungleichungen. Das ruiniert den Sinn für Adäquation.
Lesen Sie weiter auf Seite 3, warum jetzt mal die Reichen dran sind.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 3 nächste Seite
- Im Gespräch: Konrad Boehmer "Ein lächerlicher Clown" 30.11.2008
- Interview mit Patricia Kaas "Ich weiß, was kämpfen bedeutet" 27.12.2008
- Serie: Kapitalismus in der Krise Das Ende der Weisheit der Vielen 29.12.2008
- Das Ich in der Krise Unser ganz normales Leiden 29.12.2008
- Luxus in der Krise "Das hat es noch nie gegeben" 30.12.2008
65. Filmfestspiele Cannes
Handelt es sich bei dem Titelbild jetzt um Peter Sloterdijk oder um den "schwarzen Howavarth?
E.in- P.athologisch- I.diotisches- K.onzept- U.nglaublicher- R.ammdösigkeit, oder etwa nicht?
Lieber Guru Kalupner, Sie scheinen ja zumindest eine Vision zu haben, das finde ich schön, immer weiter so... Es tut mir leid um den ganzen schönen Schnee, der blitzartig schmelzen wird, sobald Ihr tolles, kleines Chauv.inisten- Grüppchen an die Öffentlichkeit geht und Ihre heisse Luft rausbläst...
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Soterdijk hat die besseren Karten : er ist FAZ-Feuilleton-kompatibel . Und die FAZ ist ,- um mit Herbert Wehner zu sprechen - , das Zentralorgan des deutschen Kapitalismus . Das Geniepünktchen Kalupner ist ein armer Prophet in der Wüste ...
"SZ: Rufen Sie zu einer Revolution des Bewusstseins, des Geistes auf?
Sloterdijk: Der Ruf liegt in den Verhältnissen. Auf den heutigen Moment angewendet, klingt die Alternative dramatisch - aber nicht dramatischer als die wirkliche Lage. Die Atmosphäre vibriert von diesem Appell. Jeder scheint ihn zu hören, .... Die Weltlage selbst übermittelt die Botschaft."
Die Wahrheit des Neuen ist konkret. Auf welche wahre Antwort auf den Ruf der Systemkrise nach der neuen Ordnung können wir hoffen?
Nicht in Obama sondern nur ein inhaltlich konkretes Exodus- und Übergangsprojekt in die evolutionsprozess-logisch folgenden Weltordnung des KREATIVEN kann die Antwort auf den Ruf der Krise nach der Auflösung der Macht-Verhältnisse sein. Erst nach dem Bekanntwerden dieses Übergangsprojekt wird sich die 'Revolution des Bewußtseins' vollziehen - vorher kann es nur Streit und Verwirrung geben und die Diskussion kann nur im Morast der Macht- und Mediendiskurse stecken bleiben. Komplexe Systemkrisen rufen nach einer operationalen, selbstdurchsetzenden, dominomächtigen Systermlösung in der Form eines Projektes. Erst nach dem Start der Diskussion über das globale, evolutionsprozess-eigene Übergangsprojekt in die nächste Weltordnung des KREATIVEN wird sich das Bewußtsein aller Menschen, einschließlich der Elite, verändern können. Konsens gibt es nur durch eine TINA-Situation - bezogen auf den Exodus aus dem Ancien Régime.
Und woher kommen die Erkenntnisse über die Inhalte des Übergangsprojekts und die Durchsetzungsmacht des Neuen gegen die Machterhalttricks des Ancien Régime? Antwort: Von wsenigen Menschen, von einer kleinen Gruppe von Menschen, die die Lage zu Ende gedacht haben und danach in subjektiv maximaler Weise gehandelt haben, sich auf die sich zuspitzenden Systemkrise vorbereitet haben.
Sensationelle Tatsache ist nurn: Diese kleine Gruppe existiert - seit Jahrzehnten. Was fehlt ist allein, dass diese Träger des Übergangsprojektwissens (= Evolutionsprojektwissen) in die Öffentlichkeit gelassen werden, d.h. die öffentliche Wahrnehmung dieser revolutionären Gruppe fehlt noch. Aber dieser Schritt dürfte im Medienzeitalter leicht erreichbar sein. Wer unter EPIKUR-Projekt (= E.volutions-P.rojekt-I.nformiertes, K.ultur-U.topie-R.ealisierungs-Projekt) googelt, der findet.
Paging