Rockmusiker liebäugeln gerne mit Orchestermusik. Die Frage ist, warum niemand sie von diesen Projekten abbringt.
In deutschen Drogeriemärkten und Raststätten findet man Peter Gabriels neues Album "Scratch My Back" (Realworld) derzeit in den Regalen für Impulskäufe. Eine solch prominente Platzierung ist eine Sensation. Weniger weil Gabriel Coverversionen mehr oder minder hipper Indierocker wie Bon Iver, Regina Spektor und Arcade Fire singt, sondern weil er das ohne Schlagzeug und Gitarre zu konsequent minimalistischen Orchester- und Kammermusikarrangements tut.
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Er kann's: Peter Gabriel trifft musikalisch abwegige Entscheidungen, ohne sich zu verrennen. (© Foto: EMI)
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Befreit vom akademischen Dogma
John Metcalfe schrieb ihm die Arrangements ohne Gitarren, Schlagzeug oder Elektronik. Mit Gabriels jüngstem Erfolg ist das Klangbild einer Avantgarde in der gesellschaftlichen Mitte angekommen, zu der der Minimalismus von Steve Reich und Philip Glass genauso gehört wie die reduzierten Harmonien von Arvo Pärt und John Adams.
Mit den Hitparadenplätzen von "Scratch My Back" manifestiert sich der Triumph von Plattenlabeln wie ECM und Nonesuch, die die ernste Musik von einem akademische Dogma befreiten, das auf dem überholten Avantgardebegriff der Abstraktion beharrte.
Peter Gabriel ist nicht der erste, der die flirrenden Ostinati und melancholischen Harmoniekonstruktionen der Minimalisten für die Popkultur entdeckt. Godfrey Reggios zivilisationskritische Bildmontage "Koyaanisqatsi" avancierte schon 1982 mit der Musik von Philip Glass zum Filmkunsthit. Den Nimbus der Avantgarde wurde die Minimal Music allerdings nie los.
Selbst als die Kreditkartenfirma American Express vor einigen Jahren Philip Glass engagierte, Musik für ihre Werbespots zu komponieren, wollte der Konzern letztlich eine Assoziationskette anstoßen, die eine amerikanische Bildungselite beschwört, für die Hochkultur, linksliberale Ansichten und Konsum kein Widerspruch, sondern gleichwertige Elemente eines beneidenswerten Lebensstiles sind.
Gestus aus einem feudalen Kulturzeitalter
Was Peter Gabriels Album von solchen ersten Annäherungen an den Minimalismus unterscheidet ist, dass er mit jedem Song, mit jedem Takt eine musikalische Entscheidung trifft. Das steht im klaren Gegensatz zu Film und Werbung, die in der Musik ausschließlich ästhetische Entscheidungen treffen.
Das unterscheidet "Scratch My Back" aber auch von so vielen Bemühungen der Rockmusik, sich an symphonischen Musikformen zu versuchen. Man kann das ganz aktuell vergleichen. Nach Peter Gabriel werden in den nächsten Wochen der einstige Kopf der Talking Heads David Byrne gemeinsam mit dem Big-Beat-Produzenten Fatboy Slim und der E-Gitarrenpionier Jeff Beck Alben mit Orchesterwerken veröffentlichen.
Rockmusiker liebäugelten schon immer mit symphonischer Musik. Oft, weil sie sich von ihr erhofften, was ihnen eigentlich nicht zustand: eine Aura der Unsterblichkeit, eine musikalische Ernsthaftigkeit, vor allem aber einen Gestus, der in einem feudalen Kulturzeitalter wurzelt, in dem Musik in Auftrag gegeben wurde, um von der Größe Gottes oder eines Regenten zu zeugen. Selten waren solche Orchesterarrangments mehr als ein Statussymbol, mit dem sich die Stars ähnlich wie mit ihren Privatjets und englischen Landschlössern in eine Elitenwelt zurückzogen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, an welchen Problemen schon der Progrock scheiterte.
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Endgültiger DFB-Kader für EM
"Da ist es eigentlich egal, ob Jeff Beck Gitarre spielt, Vanessa Mae die Geige oder eben Petruta Küpper die Panflöte."
Ganz genau, werter Hr. Kreye und da ist es eigentlich auch egal, ob Sie für das "Schlecker-Marktmagazin", den Raststättenverband oder das Peter Gabriel Fan-Clubmagazin tätig sind, wo Ihre Wurstigkeit ggf. besser aufgehoben wäre, als im Kulturteil der SZ.
Zu Ihrer Information, bei der atmosphärisch wunderbar dichten Coverversion des Jeff Buckley Songs "Lilac Wine" auf dem von Ihnen eher beiläufig behandelten und abgekanzelten Jeff Beck Album "Emotion & Commotion", ist das Gesangstalent Imelda May (eigenes Debutalbum 2009) zu hören. Diese hat nun überhaupt nichts mit der von Ihnen aus was für Gründen auch immer genannten Geigenvirtuosin Vanessa Mae zu tun, die wiederum mit Jeff Beck's Album, obwohl dort tatsächlich Geigen zu hören sind, ebenso wenig wie etwa Brian May (Gitarre) oder Mathilda May (Schauspiel) in Verbindung stehen.
Ist alles möglicherweise Erbsenzählerei, gibt aber doch Aufschluss darüber, wie aufmerksam sich jemand seinem Kritikgegenstand zuwendet.
Auch Ihre Logik hakt meiner Meinung nach an entscheidender Stelle. Zum Einen sei ein Gabriel CD-Abverkauf bei "Schlecker" o.ä. sensationell, zum Anderen Jeff Beck's Interpretation vom derzeit in der öffentlichen Wahrnehmung befindlichen "Nessun Dorma" eher überflüssig.
Wenn Sie nun beide Tatsachen als mögliche Erschliessung neuer Käufer- respektive Hörerschichten in Einklang gebracht hätten, wäre dies nachvollziehbar.
So entsteht eher der Eindruck: Toll, wie der Gabriel sich verramscht und ach, wie öde, jetzt muss der Beck auch noch das "Nessun Dorma" runterleiern.
Na ja, werter Hr. Kreye, Kritik ist letzten Endes immer subjektiv,
nur selten so offensichtlich voreingenommen, wie in Ihrem Artikel.
Ach ja, Ihnen noch alles Gute beim nächsten Impulskauf bei "Schlecker" oder beim Tanken.
Der Progrock ist gescheitert?
Zugegeben, weder Prog-Klassiker noch Musik der neueren Bands werden auf Bayern 3 gespielt...aber erwartet das irgendjemand?
Immer wenn die Rede auf Progressive Rock kommt, wird diese verzweifelte Sinn- oder Wurzelsuche betont - kann man nicht einfach auch einmal akzeptieren, dass den meisten dieser hochbegabten Musiker diese komplexe Art des Rock, fernab des simplen Dreivierteltaktes, ganz einfach Spass macht und sie sich sehr wohl der Tatsache bewusst sind, dass diese Art der Musik nicht nur nicht radiotauglich ist, sondern bei den meisten Zeitgenossen auch auf Unverständnis stößt? ("Da kann man ja nicht drauf tanzen." "16 Minuten für ein einziges Lied? Das geht doch gar nicht..." etc). Und dass es ihnen vollkommen Latte ist?Und dass Musiker wie Jon Lord, Rick Wakeman oder Keith Emerson nicht Bach interpretieren, weil das so intellektuell aussieht, sondern weil sie dem Altmeister ehrlichen Respekt zukommen lassen?
Progrock war schon immer Nischenmusik und wird es immer sein. Aber als solche - Gott sei Dank- alive and kicking!
Hier spricht offenbar der Purist Kreye. Sei's drum. Ich höre und schätze Peter Gabriel seit seinen Anfängen hoch. Aber ich muss deswegen nicht alle anderen schlecht finden oder ihnen schräge Ambitionen unterstellen. Wirklich gute Musiker experimentieren nun mal gerne. Und deswegen sind auch Jon Lords merhrfache Anknüpfungen an Bach oder sein frühes "Concerto" oder "April" nicht weniger interessante Pfade des Suchens, die obendrein Interessen weckten. Selbst der geniale Franz Zappa probierte es mit Pierre Boulez - wobei ich ihm aber zugegebenermaßen nicht mehr folgen konnte. Oder denken wir an die in ihren frühen Jahren bis 1973 so unwahrscheinlich innovativ suchenden Pink Floyd. All das kann man doch keinesfalls in einen Topf werfen mit einigen Megabands oder auch Grönemeyer, die mit ihrem alten Plunder nur vor klimpernden Synphonikern posierten.
"Rockmusiker liebäugelten schon immer mit symphonischer Musik."
Nicht nur Rockmusiker. Sogar der Gott des Jazz fand das total coll (oder hot). Ich meine Charlie Parker. Und viele Jazzsänger sowieso. Inklusive ein anderer Gott resp. Göttin: Billie Holiday.
Künstler sehnen sich nach Anerkennung und "Symphonyorchester" hat wohl diesen Klang, dieses überkommene romantische Image von Größe, Ewigkeit, kurz: es ist der musikalische Olymp. Glaubt man.
Künstler sind nur Menschen und machen sich die Hose auch nicht mit 'ner Kneifzange zu.
Besser kann man es nicht formulieren !!!!!
Endlich mal eine Würdigung des Gabriel Albums an dieser Stelle.