Papst Benedikt XVI. warnt angesichts der Zölibats-Diskussion vor dem "Zeitgeist". Leider kommt dieses Wort immer zu Unzeiten über die Lippen führender Katholiken.
Der Papst ist bestürzt. Seine katholische Kirche in Deutschland ist von einer Welle des Misstrauens erfasst, seit immer neue Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen an die Öffentlichkeit geraten. Immer deutlicher wird, dass es sich nicht um Einzelfälle handelte, sondern um die systematische Ausnutzung eines Schutzraumes, und um perverse sexuelle Gelüste ordinierter Priester. Aus moralisch-religiöser Sicht verjährt das nie. Prominente Schriftsteller wie Bodo Kirchhoff finden kaum noch Worte, um die als Kind ertragene Schmach zu beschreiben.
Keine Diskussion über das Zölibat - Papst Benedikt XVI. (© Foto: dpa)
Anzeige
Deshalb wären jetzt die richtigen Worte des Papstes so wichtig. Derer gibt es noch nicht viele, und sie sind nicht gut gewählt. Was der Papst bislang sagte: Er hat es nun sehr deutlich abgelehnt, eine Diskussion über das Zölibat zu führen. Das hatte in Deutschland nicht irgendwer, sondern Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK) angeregt.
Die Kirche müsse "Konsequenzen struktureller Art ziehen und dabei reflektieren, ob es kirchenspezifische Bedingungen gibt, die den Missbrauch begünstigten", sagte dieser der Süddeutschen Zeitung. Unterstützt wurde Glück unter anderem vom Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der explizit auf ein Grundproblem des Eheverbotes hinwies. Die zölibatäre Lebensform könne Menschen anziehen, die eine krankhafte Sexualität haben, so Jaschke in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt.
Skandal kleinreden
Der Papst will aber nicht über solche strukturellen Probleme reden. Die Ehelosigkeit sei ein Geschenk Gottes, das nicht dem Zeitgeist geopfert werden dürfe, sagte er nach Gesprächen mit den deutschen Bischöfen in Rom. Flankierend dazu bemühen sich Vatikan-Funktionäre darum, den Skandal kleinzureden. So schreibt Bischof Giuseppe Versaldi, Mitglied des vatikanischen Obersten Gerichtshofs, die Kirche werde im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen "übertrieben negativ" dargestellt.
Insbesondere der Verweis auf die Gefahren des Zeitgeistes ist in der jüngsten Vergangenheit häufiger verunglückt. Erst Mitte Februar hatte sein Glaubensbruder Walter Mixa, Bischof in Augsburg, gegen die "Sexualisierung der Gesellschaft" gewettert. Dabei sagte er auch, die katholische Kirche gegenüber Sexualstraftätern in den eigenen Reihen zu nachlässig gewesen, weil sie möglicherweise einem Zeitgeist aufgesessen" ist.
"Das Andere, das Falsche, das Verderbte"
Das Geißeln des Zeitgeistes steht insbesondere bei einer katholischen Glaubensgemeinschaft hoch im Kurs, der traditionalistischen Pius-Bruderschaft. Deren deutscher Distriktobere Franz Schmidberger betrachtet es als die Pflicht seiner Gemeinschaft, "den glaubensfeindlichen Zeitgeist, die Diktatur des Relativismus und die permissive Moral" beim Namen zu nennen. Um dies zu tun, hat Schmidberger beispielsweise den ehemaligen Vorsitzenden der deutschen Bischofkonferenz, Kardinal Karl Lehman, so aus dem Amt verabschiedet: "Wir danken Gott, dass er seinem (Lehmanns, Anm. d. Red.) Zerstörungswerk an der Kirche in Deutschland ein Ende gesetzt hat". Dazu muss man wissen, dass Lehmann sein Amt wegen schwerer Krankheit aufgeben musste.
Im einem solchen Verständnis von Religion ist der Zeitgeist schlicht "das Andere, das Falsche, das Verderbte". Vor allem soll es das sein, was per Definition bald wieder vergeht. Der richtige Umgang der Kirche mit Sexualität aber ist eben kein Zeitgeist-Thema. Gerade weil nun Verfehlungen aus vergangenen Jahrzehnten aufgearbeitet werden, ist das Problem des sexuellen Missbrauchs von zeitloser Relevanz. Sollten führende Katholiken wirklich glauben, man könne warten, bis sich die Aufregung wieder gelegt hat, haben sie die Zeichen der Zeit gründlich missverstanden.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
- Thema
- Papst Benedikt XVI. RSS
- Worte der Woche Schwanz ab, Rüssel weg 14.05.2010
- Papst in Großbritannien Gummis im Namen des Herrn 25.04.2010
- Krise der katholischen Kirche Jeder vierte Katholik denkt über Austritt nach 23.04.2010
- Missbrauch in der katholischen Kirche "Eine Chance geben" 21.04.2010
- Benedikt XVI. und die Wissenschaft "Dreifaltigkeit im Genom" 19.04.2010
- Papst Benedikt XVI. fünf Jahre im Amt Nicht von dieser Welt 19.04.2010
- Papst trifft Missbrauchsopfer "Intensiv und emotional" 18.04.2010
(sueddeutsche.de/berr)
wird die jetzt, als kriminelle Organisation eingestuft, bei diesen massenweise begangenen Straftaten? Die nur hierzulande als Vergehen eingestuft werden. In anderen Kultunationen sind das Verbrechen, was dem eher gerecht wird.
Neulich in der Schule. Vorereitungsgespräch für Eltern. Ein Theater für Kinder mit dem Titel "Mein Körper gehört MIR".
Statistische Daten des Jahres 2008:
Jedes 3. Mädchen unter 12 Jahren hat Missbraucherfahrung.
Jeder 5. Junge unter 12 Jahren hat Missbraucherserfahrung.
Ein Kind muss mindestens ACHT Erwachsenen davon erzählen, bis ihm geglaubt wird.
Missbrauch ist leider eines der großen Themen d(ies)er Zeit und völlig losgelöst vom Zeitgeist.
Meine Meinung zum Papst und der Kurie verschweige ich lieber...
Wenn der Zeitgeist - hier das kritisierte Streben der 68er nach sexueller Freiheit usw. - nach öffentlicher Meinung diverser Kirchenvertreter/Innen das Verhalten katholischer Priester/Mönche/Lehrer derart geprägt hat, dass die heute zutage getretenen sexuellen kinderschänderischen Verfehlungen früherer Jahre damit (auch) erklärt werden können, dann stellt sich die Frage, warum während der Zeiten größerer Prüderie (z.B. Ende der 40er bis Anfang 60er Jahre) der Missbrauch von Kindern (auch in kirchlichen Erziehungseinrichtungen) wegen des damals gegenteiligen Zeitgeistes nicht gegen Null tendiert hat. ?????
Gibt es bei den Katholiken keine ausführlichen Erläuterungen des Inhaltes der 10 Gebote mehr, aus denen man entnehmen könnte, dass bewusste Falschdarstellungen sündhaft sind (in meiner religiösen Kindheit gab es noch solche Anleitungen für die Beichte). Oder gelten für die öffentlichen "Argumente" höherer Amtsträger andere Bedingungen?
Ich vergaß, man kann ja schnell mal beichten !
MfG
Der antike Zeitgeist war sexualisiert, der Geschlechtsverkehr mit minderjährigen (soweit dieses Wort im Kontext Sinn macht) war akzeptiert. Im Mittelalter war der Zeitgeist prüde und von sündiger Scham besetzt, wahrscheinlich mit entsprechenden Folgen. Was Heute abgeht wissen wir alle. Das sich die überwältigende Mehrheit trotz ständigem reizen der unbewussten Triebe im Griff hat, mag in Beziehung zu Kindesmissbrauch stimmen, was allgemein das Zwischenmenschliche anbelangt, scheint mir das fragwürdig.
Da hilft kein Reden und kein Diskutieren. Handeln!
Paging