Opernpremiere Gier nach Geld und Liebe

Jossi Wieler inszeniert in Stuttgart Pjotr Tschaikowskis "Pique Dame" - eine Gratwanderung zwischen Verzweiflung und Komik.

Von MICHAEL STALLKNECHT

Drei Karten nur sind's, die der verkrachte Soldat German bräuchte, drei Karten für das große Glück im Spiel, um die geliebte Lisa seinem reichen Rivalen Jeletzki zu entreißen. Schon die Besessenheit durch das Geld weist Pjotr Tschaikowskis Oper "Pique Dame" als Stück des 19. Jahrhunderts aus. Dennoch hat der Komponist bei seiner Bearbeitung von Alexander Puschkins gleichnamiger Erzählung den Stoff ins späte 18. Jahrhundert transferiert, in eine aristokratische Welt zur Zeit Katharinas der Großen.

An der Oper Stuttgart hat nun das längst als fester Dreierbund etablierte Team aus dem Regisseur Jossi Wieler, dem Dramaturgen Sergio Morabito und der Ausstatterin Anna Viebrock das Stück um einige Etagen tiefer gelegt, genauer: auf die Hintertreppen eines St. Petersburg der Gegenwart. Ein verschachteltes System aus Feuerleitern, abblätternden Wandvertäfelungen, Balkonen und unter ihnen lagernden Müllsäcken lässt Viebrock auf der Drehbühne kreiseln. Das Personal ist entsprechend: Germans Spielgenossen saufen, rauchen und schlagen den chronischen Außenseiter zwischendrin auch mal aus nackter Langeweile zusammen. Den Frauen ergeht es teilweise noch schlimmer, für Lisa bedeutet die Heirat mit dem im halbseidenen Anzug auftretenden Jeletzki vielleicht die letzte Rettung aus einem Dasein als Prostituierte, wie ihre Freundin Polina mit eindeutig zweideutigen Posen andeutet.

Ähnlich prekäre Verhältnisse gerade aus dem osteuropäischen Raum waren in den letzten Jahren vielfach auf Bühnen zu sehen. Die meisten Regisseure nutzen sie für einen rüden Elendsrealismus: Die Welt ist grausam da unten, ihre Menschen sind noch grausamer.

Immer wieder gleitet die brutale Realität hinüber ins Surreale

Jossi Wieler ist zum Glück zu intelligent, um es dabei bewenden zu lassen. Er nimmt die romantische Schauergeschichte durchaus ernst, die Tschaikowski hier erzählt. Die drei Karten erfährt German erst vom Gespenst einer alten Gräfin, nachdem er ihr das Leben geraubt hat. In Stuttgart ist sie von Beginn an eine Figur zwischen Leben und Tod, zwischen Stadtstreicherin und Grande Dame, in einem seltsam aus Sarg und Schrank gemischtem Gefährt lebend. Bei der Mezzosopranistin Helene Schneiderman lodert unter den grauen Haarsträhnen noch immer die volle Glut, der German auch erotisch verfällt. Der Mord wird zum letzten Sexualakt, wie in diesem Stoff die Gier nach dem Geld immer schon mit der nach der Liebe verschmilzt.

Dass Geld eine wichtige Motivation ist, versteht man in diesem Setting sofort. Aber Wieler lässt die brutale Realität immer wieder hinübergleiten in surreale Szenerien und schafft sich damit zugleich Raum für Leichtigkeit, auch für Komik. Etwa wenn sich in der Szene, die bei Tschaikowski mal ein rokokoeskes Schäferspiel war, der mit großartigem Schwung singende Staatsopernchor Masken aus alten Papiertüten bastelt, um ausgelassen zu feiern. Warum sollte das Prekariat auch weniger seltsame Rituale, weniger schräge Feste haben als einst der russische Adel?

Denn Wieler nimmt die Figuren ernst, glaubt ihnen ihre Sehnsüchte und ihre Hoffnungen, ihren Willen auszubrechen und ihr Glück zu machen. Damit aber gesteht er ihnen auch die Würde zu, die in ähnlichen Elendssettings gern mal über die Wupper beziehungsweise über die Newa geht. Der von Lisa um seines Reichtums willen als Liebhaber akzeptierte Jeletzki erweist sich als echter Gentleman, der von Shigeo Ishino mit elegant sich verströmendem Bariton gesungen wird. German dagegen, dem Lisa erotisch verfällt, nähert die Inszenierung an die Figuren Dostojewskis an, an den mittellosen Studenten Raskolnikow aus "Verbrechen und Strafe", der ebenfalls um des Geldes willen eine Greisin ermordet, an das manisch um sich selbst kreisende Erzähler-Ich aus den "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch", an den besessenen Spieler aus der gleichnamigen Novelle. Der Tenor Erin Caves singt die monströs lange und schwierige Partie mit gutem Tiefenfundament und bombensicheren Höhentönen, vor allem aber verfügt er darstellerisch über die dämonische Getriebenheit für Tschaikowskis "aufrührerische Seele".

German ist ein Gefährdeter und Gefährlicher, ein psychischer Grenzgänger, der Lisa gewinnt, indem er zuerst sich selbst die Pulsadern aufzuschneiden droht und dann das Messer lasziv um ihre Brust kreisen lässt. Mit ungeheurer psychologischer Genauigkeit leuchtet Wieler den psychischen Extremismus zwischen den beiden aus, die hier Außenseiter selbst unter ihren Freunden sind. Rebecca von Lipinski verfügt über die Durchschlagskraft und den Aplomb für die Rolle der Lisa, gerät aber doch an ihre stimmlichen Grenzen, wie eine gewisse Einfarbigkeit und mancher leicht strähnige Ton in der Höhe verraten. Die kleineren und kürzeren Partien kann Stuttgart sowieso exzellent besetzen, mit der sinnlich klingenden Stine Maria Fischer etwa als Polina, der hinreißend komischen Yuko Kakuta als Mascha oder dem mit einem satten Prachtbariton ausgestatteten Vladislav Sulimsky als Tomski.

Dabei werden die Sänger hier auch vom Orchester akustisch arg bedrängt, was in der knalligen Akustik der Stuttgarter Oper leider schnell passiert. Es ist der Preis für die Leidenschaft, die im Graben förmlich explodiert. Denn der Dirigent Sylvain Cambreling tut alles, um den emotionalen Extremismus dieses Stücks musikalisch zu beglaubigen. Schon in der orchestralen Einleitung spürt man die Panik, die Angst, die Gehetztheit, dann aber auch die intensive Wärme, mit der die Liebe diese Figuren überschwemmt. Cambreling hat sich für einen zweifellos hochromantischen Zugang entschieden, der das Pathos nicht scheut. Indem er rasche Tempi wählt, dringt er ein in die Getriebenheit dieser Geschichte. Zugleich vergisst er aber auch die leichten Farben nicht, mit denen Tschaikowski Reminiszenzen an die Spielzeit im 18. Jahrhundert schafft.

Ebenso wie auf der Bühne wunderbarerweise mitten im tristen Hinterhof plötzlich ein verstimmtes Klavier auftaucht, um eine Romanze zu begleiten. Nur der Schluss geht in dieser Inszenierung denn doch zuletzt nicht vollständig auf, weil Germans rohe Freunde ein wenig zu arm wirken, als dass er von ihnen das erträumte Geld gewinnen könnte. Nicht einmal mit den drei Karten, von denen sich die letzte als trügerisch erweist. Ein Vabanquespiel sei diese Produktion gewesen, schreibt der Dramaturg Sergio Morabito im Programmheft. Im Gegensatz zu dem Germans, der am Ende alles verliert, ist dieses Spiel gelungen - als in jedem Moment spannende Gratwanderung zwischen Realismus und Surrealismus, zwischen Rohheit und Leichtigkeit, Verzweiflung und Komik, genauester Psychologie und jener Rätselhaftigkeit, die an jedem guten Theaterabend bleibt.