Österreichische Literatur Jenseits der Glasglocke

Elfriede Jelineks wiederentdecktes Drehbuch "Eine Partie Dame" von 1981 wurde nie verfilmt. Ihr Wiener Agententhriller ist so stark, dass er für sich stehen kann.

Von Insa Wilke

Preisfrage: Welche Autorin treibt bis heute bestimmte Männer zur Weißglut und verwandelt sie entweder in pubertär pöbelnde Rüpel oder arrogant näselnde Häschen? Richtig, Elfriede Jelinek. Für manche ist sie wohl einfach zu intelligent, denkt man sich bei der Lektüre des Textes, den der Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen jetzt aus der Schublade gezaubert hat. "Eine Partie Dame" heißt dieser Text, mit Anspielung auf das strategische Brettspiel, dessen Ziel es ähnlich wie beim Schach ist, dem Gegner die Bewegungsmöglichkeit zu nehmen. Am Ende entscheiden die Damen das Spiel und so ist es auch bei "Eine Partie Dame" von Elfriede Jelinek. Zumindest vordergründig.

Die Handlung spielt Ende der Siebziger Jahre in Wien, wo der polnische Jude und Kommunist Andzrej eine Kneipe im 1. Bezirk unterhält. Sie ist Anlaufstelle für Migranten des ehemaligen Vielvölkerstaates und dient Andzrej, der die zentrale Figur eines Agentenrings ist, als Tarnung, die er allerdings mit Passion betreibt. Ein Agenten-Thriller also, dessen Genre-Gesetze Jelinek genüsslich für sich nutzt. Ziemlich tief in die Kiste greift sie zum Beispiel für ihren Andzrej, der ein echter männlicher Held ist: ausgestattet mit einer "natürlichen Autorität", im Grunde unnahbar, aber auf raue Weise charmant und verlässlich, ein dunkler Retter weiblicher und männlicher Tagträume. Wie jeder gute Held hat auch Andzrej eine Archillesferse. Sie heißt Lisa, studiert Theaterwissenschaften und ist ziemlich unsympathisch. Typ: dünne, kühl berechnende Blonde, herrschsüchtig, aber eigentlich kindlich und unsouverän.

In die Haupt- und Staatsaktion bricht die Rebellion gegen die Geschlechterverhältnisse ein

Tilda Swinton war für die Rolle der Lisa im Gespräch, Andzrej sollte von Serge Gainsbourg gespielt werden. Bei "Eine Partie Dame" handelt es sich nämlich um ein Drehbuch, das Elfriede Jelinek 1981 für den im vergangenen Jahr verstorbenen Regisseur Rainer Boldt und den Produzenten Helmut Wietz schrieb. Letzterer hat das Manuskript aus dem Vorlass der Produktionsfirma Common Film jetzt zugänglich gemacht. Es ist aber keinesfalls nur Spielvorlage, sondern eigentlich ein eigenständiger szenischer Roman, der nicht unbedingt der Vervollständigung durch Bild, Ton und Schnitt bedarf. Alles schon drin, und es ist bemerkenswert und beglückend, wie Jelinek Atmosphäre und Bilder mit wenigen Worten entwirft.

Erste Szene, Zonengrenze: "Ein Auto fährt durch die Nacht. Schlechtes Wetter." Die Insassen: drei Männer in Trenchcoats. Mehr braucht Jelinek dank der geschickt eingesetzten Genre-Folie nicht, um das undurchsichtig gefährliche und spannungsgeladene Setting des Kalten Krieges aufzurufen. Ihren Helden Andzrej führt sie ebenfalls mit nur einer knappen Bemerkung ein, als einer der Männer ihm eine Zigarette anbietet: "Andzrej bedeutet ihm wortlos, daß er lieber seine eigene, teure Sorte raucht." Mit anderen Worten: Dieser Mann muss sich nicht anbiedern. Er ist unabhängig, undogmatisch und sympathisch, denn er ist auch noch ein Genießer. Man hat das ganze Charakter-Panorama durch diesen scheinbar beiläufigen Satz sofort im Kopf.

Ganz anders funktioniert es bei Lisa, die nicht mit einer Aktion, sondern einer Reaktion vorgestellt wird. Wir sehen Lisa von ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen umringt, darunter Klaus. Er "ist Lisas stiller Verehrer, der sie die ganze Zeit über schweigend mit den Augen verschlingt." Lisa demütigt Klaus wiederum durch ihre finanzielle Überlegenheit. Obwohl die Sympathien eindeutig bei dem scheinbar schwachen und liebenswürdigen Klaus sind, wirkt Jelineks sprachliche Differenzierung (aggressiv "mit den Augen verschlingen" und nicht harmlos: "anhimmeln") als ambivalente Irritation fort.

Gegen den „tragischen Blick, den viele Frauen glauben, angesichts der Liebe aufsetzen zu müssen“: Elfriede Jelinek 1980.

(Foto: Brigitte Friedrich/SZ Photo)

Warum ist es unbedingt notwendig auf diese sprachlichen Details zu achten, wenn es um die Einordnung dieses Textes geht? Weil man ihn leicht als Amoklauf einer Zurückgewiesenen lesen kann, als rein psychologisch angelegte Liebestragödie im Gewand eines Agenten-Thrillers. Oder, wie Elfriede Jelinek es im Vorwort selbst vorschlägt, als Text über Wien und die Atmosphäre von "Wurschtigkeit, Laissez-faire und der allgemeinen Düsternis" in einer Zeit, in der Österreichs Hauptstadt als Drehscheibe der europäischen Agentenszene galt, wie Jacobsen im Nachwort erklärt.

Aber es gibt noch eine andere Lesart, die weniger entpolitisierend ist als die Varianten, die nur den Einbruch der Liebe in die Haupt- und Staatsaktion der politischen Großwetterlage lesen wollen, aber auch stärker ins individuelle Innenleben der Figuren eingreift, als die reine Konzentration auf gesellschaftliche Haltungen im politischen Klima der Zeit. Um Liebe geht es bei Jelinek ja nie, sondern um Macht und Deformationen - und darum die Leserinnen und Leser zu involvieren.

Also noch einmal: Wir haben eine zickige, unerfahrene Frau, die weibliche Stereotype wie "die leicht besitzergreifend-devote Art" typisch passiv-aggressiver Ehefrauen und den "berühmt tragischen Blick, den viele Frauen glauben, angesichts der Liebe aufsetzen zu müssen", bis zur völligen Selbstentfremdung verinnerlicht hat. Und wir haben den welterfahrenen Mann, der sein Leben für die gute Sache einsetzt, dafür aber Lisa den Zutritt in die Männerwelt verwehrt, in der die große Politik gemischt wird, und der außerdem mit einer Szene auffällt, in der er Lisa "brutal" an die Wand drückt und seine "Hand unter ihren Rock und in die Unterhose" hinein schiebt. Was macht Elfriede Jelinek da?

Indem sie dafür sorgt, dass man Lisa unsympathisch findet und sich zu Andzrej - auch in Fragen gesellschaftlicher Haltungen - hingezogen fühlt, zugleich aber einige wenige Bemerkungen und Szenen einbaut, die diese klaren Gefühle stören, versperrt sie ihren Leserinnen und Lesern den einfachen Weg der Identifikation. Wer überhaupt einen kritischen Blick auf das erzählte Geschehen werfen will - und dieser Blick wird wiederum durch die Beziehung zu den Figuren herausgefordert -, wird gezwungen, rational vom Politischen auszugehen, also von den tatsächlichen Machtverhältnissen, und sich nicht emotionaler Intuition zu überlassen.

Vielsagend spricht dafür Lisas Spießrutenlauf durch das von Männern besetzte Bürohaus, indem Andzrejs Agentencrew residiert. Lisas Amoklauf gilt nicht der unerwiderten Liebe, sondern dem Erstickungstod unter der Glasglocke, aus der sie sich, da sie von ihr verinnerlicht wurde, nicht befreien kann. Nicht die Liebe bricht ein in die Haupt- und Staatsaktion der Männerfantasie "Kalter Krieg", sondern Lisas unbewusste Rebellion gegen lebensfeindliche Geschlechterverhältnisse und -rollen.

"Eine Partie Dame" ist, so gelesen, nicht nur ein durch seine sprachliche und dramaturgische Virtuosität überaus intelligent unterhaltender Text, sondern zugleich von einiger politischer Aktualität. Vielleicht konnte man das damals noch nicht sehen, als bundesdeutsche Fernsehanstalten eine Finanzierung der Produktion ablehnten. Vielleicht hatte die Ablehnung aber auch damit zu tun, dass, wie Wolfgang Jacobsen berichtet, die verantwortlichen Positionen ausschließlich mit Männern besetzt waren. Elfriede Jelinek war ihrer Zeit damals voraus und ist es mit diesem klugen Stück Literatur vielleicht sogar immer noch.

Elfriede Jelinek: Eine Partie Dame. Herausgegeben von Wolfgang Jacobsen. Verbrecher Verlag, Berlin 2018. 120 Seiten, 15 Euro.