Occupy-Aktivisten auf der Documenta Malerisches Bild des Widerstands

Kunstausstellungen treten heute gerne hoch politisch auf, die Documenta in Kassel hat gerade Vertreter der Occupy-Bewegung willkommen geheißen. Obwohl die Aktivisten Geiz, Neid und Gier geißeln, sind es doch weniger Angriffe als Auftritte, mit denen sie sich in der Kunst gemütlich einrichten.

Von Catrin Lorch

Kann man das eine Besetzung nennen, wenn nicht einmal mehr symbolisch Türen eingerannt werden? Es ist drei Tage her, dass die Occupy-Bewegung vor der Documenta ihre Zelte aufgestellt hat, und von Vertreibung ist keine Rede, im Gegenteil, die Chefin selbst heißt in einer Pressemitteilung die jungen Leute in dem Ton willkommen, in dem man auch ungeladenes Partyvolk willkommen heißt: Kommt rein, macht aber bitte nicht zu viel kaputt.

Was nicht überrascht, hatte sich doch die gerade zu Ende gegangene Berlin Biennale nachgerade um ein Gastspiel von Occupy bemüht und das Erdgeschoss der Berliner "Kunstwerke" komplett überlassen; allein das Publikum war irritiert, wie kunstnah sich die Aktivisten zeigten - war die Duchamp-Paraphrase, ein überdimensionales Schachbrett, auf dem Plastikwasserflaschen als Figuren standen, von demonstrativer oder installativer Bedeutung?

In einem kuratorischen Konzept, das Kunst forderte, die Auswirkungen im realen Leben haben sollte, waren die Erwartungen hoch, dass da entweder Relevanz oder Ästhetik entstehen möge. Schlussendlich fiel es den Beteiligten dann nur ein, die Rollen zu tauschen: "ein Experiment, das beabsichtigt, die bestehenden kulturellen, institutionellen und wirtschaftlichen Hierarchien aufzulockern". Alle Entscheidungen wurden fortan donnerstags abends von einem Kollektiv verhandelt. Es soll sogar um den Etat, also richtiges Geld, gegangen sein.

Nach der Vorlage war nicht zu erwarten, dass die gleichfalls hoch politisch auftretende Documenta Occupy den Auftritt verbietet. Der erschöpft sich nun allerdings nicht darin, eine schmuddelig-bunte Zeltstadt aufzubauen, ein malerisches Bild für Widerstand, wie man es aus Frankfurt oder eben Berlin kennt. Auf dem zentralen Platz vor dem Fridericianum hat dOCCUPY, wie man sich in Anspielung auf das Logo der dOCUMENTA (13) nennt, 28 minimal gestaltete, weiße Zelte als "evolutionäres Kunstwerk" angepflockt, die, mit Begriffen wie Gier, Hochmut, Geiz, Neid beschriftet, die "Grundübel unserer Zeit" benennen, erklären die Besetzer.

Das hätte Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, die in den Karlsauen selbst einiges an Occupy-Ästhetik kuratiert (wie ein afrikanisches Flüchtlings-Küchenzelt oder Videos, die von Off-Handelsrouten zwischen Asien und Europa erzählen) durchaus als Provokation verstehen können: Hatte ihr Team doch konkurrierende Auftritte von Künstlern wie Stephan Balkenhol oder Gregor Schneider in Kassel zu verhindern gesucht.

Unbeholfene Poesie der Besetzer

Dennoch: Es sind weniger Angriffe denn Auftritte, mit denen sich Occupy derzeit in der Kunst gemütlich einrichtet. Mit der Geißelung von Neid, Geiz und Gier zeigen sich die Aktivisten jedenfalls nicht auf dem Stand des Diskurses - solche Laster wurden bereits in Buchmalereien des Mittelalters als Übel ausgemalt. "Ich begrüße die ,doccupy'-Bewegung auf dem Friedrichsplatz, die in den letzten Wochen gewachsen ist": Dass die Pressemitteilung der Kuratorin, die den Besetzern auf Amerikanisch antwortet, nur notdürftig übersetzt wird, sagt mehr über globale Kunstpraxis aus, über zeitgenössische Eliten und Kommunikationsrichtungen, als die unbeholfene Poesie der Besetzer.