"Nirgendwo" von Yasmina Reza In der Karibik der Lebensart

Yasmina Reza 2005 in Berlin - die angeblich erfolgreichste Theaterautorin der Gegenwart.

(Foto: dpa/dpaweb)

In Theaterhits wie "Der Gott des Gemetzels" lässt Yasmina Reza die Konflikte vermeintlich moderner Menschen auf elegante Weise eskalieren. Die autobiografischen Notizen der Autorin wirken nun wie die romantische Suche nach den verlorenen bürgerlichen Werten - und sind leider nicht frei von Selbststilisierung und Eitelkeit.

Till Briegleb

Es fällt ziemlich schwer zu beschreiben, was "das Bürgerliche" heute eigentlich noch ist. Sind es die Wilmersdorfer Witwen mit ihrem Abonnement in der Berliner Schaubühne, Eppendorfer, die zwischen Bücherregalen leben und zu Veranstaltungen über Aby Warburg gehen, Zeit-Leser aus Düsseldorf oder Münchner Professoren? Die typischen Attribute der Bourgeoisie wie Kunstdrucke, Herrenschneider, halbe Lesebrille oder Goethe-Zitate sterben aus oder haben jedenfalls so weit jeden Klassencharakter verloren, dass kaum jemand sich noch die Mühe macht, sie als Zeichen für irgendeine Gesinnung zu kritisieren. Tatsächlich genießt in der zeitgenössischen Kunstproduktion die "satte Bürgerlichkeit" nur noch selten genug Gegenwartsinteresse, um ein Thema zu sein. Bürgerliche Werte, so das friedliche Resultat eines Jahrhunderte dauernden Druckausgleichs, erreichen in Mitteleuropa offensichtlich gerade noch den Rang von Geschmacksfragen.

Doch ab und zu begegnet man noch Kulturschaffenden, die dem Traum von einer intakten bürgerlichen Welt nachhängen - während sie diese kritisieren. Die aktuell vielleicht berühmteste Wertewahrerin ist die französische Autorin Yasmina Reza. In ihren Theaterstücken und Romanen lebt die Sehnsucht nach einer Lebensart fort, die bedeutet, dass die Kinder Klavierunterricht nehmen und die Eltern zu Salons über Roland Barthes eingeladen sind, wo die schönen Dinge des Lebens irgendwie noch den Geist des 19. Jahrhunderts atmen und ein richtiger Beruf noch ein richtiges Ansehen hat.

In fast schwärmerischen Tönen

Yasmina Rezas vermeintlich moderne Menschen, die sich über den Wert eines weißen Bildes beinahe überwerfen (wie in ihrem Theater-Dauerbrenner "Kunst"), über ihre rechtschaffene Fassade in Streit geraten ("Gott des Gemetzels") oder am mangelnden Ehrgeiz des Sohnes verzagen ("Eine Verzweiflung"), entstammen nicht nur einem vermögenden Milieu mit dem schön eingerichteten Wohnzimmer als Mentalitäts-Agora. Die Konflikte, die Yasmina Reza stets auf elegante Weise eskalieren lässt, sind auch immer moralisch im Sinne einer Mittelschicht, die sich eigentlich für etwas Besseres hält.

Wie es kommt, dass Yasmina Reza die heile Welt des Pariser Wohlstands für die Karibik der Lebensart hält, das lässt sich in ihren autobiografischen Notizen nachempfinden, die jetzt unter dem Titel "Nirgendwo" erschienen sind (was genau genommen die Wiederherausgabe des 1998 bereits auf Deutsch erschienen Bandes "Hammerklavier" plus dreißig Seiten "Nirgendwo" aus dem Jahr 2005 ist). In fast schwärmerischen Tönen beschreibt die angeblich erfolgreichste Theaterautorin der Gegenwart die Zuneigung innerhalb ihrer Familie, besonders zu ihrem sterbenden Vater, berichtet von Freundschaften, die immer gebildet und besonders sind, und sammelt kokett Anekdoten, die sich um ihre eigene Schönheit und den richtigen Umgang mit "richtigen" Frauen drehen. Die schweigende Geige ihrer Mutter im Regal oder alte Fotos rühren die Autorin zu Tränen oder entfesseln in ihr die "wildesten Sehnsüchte" nach fernen Zeiten und Gegenden. Und immer wieder suchen die Selbsterzählungen ihren Sinn in Begriffen wie Anmut, Geheimnis, Überlegenheit oder sprühende Intelligenz. Wenn das keine romantische Suche nach den verlorenen bürgerlichen Werten ist.

"Wohl Kummer bereitet"

Leider ist der elegante Stil, wenn Yasmina Reza ihn statt auf andere, auf sich selbst anwendet, nicht wirklich frei von Selbststilisierung und Eitelkeit. Sowohl die schluchzenden Bekenntnisse zu Rührung und Emotionalität als auch die schnippischen Betrachtungen der Marotten ihrer Mitmenschen machen es nicht leicht, die Autorin als wirklich sympathische Person wahrzunehmen. Etwa in der Episode, in der sie die Beziehung zu einem langjährigen Freund abrupt beendet, weil sie ihn so lange genötigt hat, ihr die Wahrheit über einen neu erworbenen Schmuck zu sagen, bis dieser es endlich widerstrebend tut. Oder mit der Anekdote über eine Kaffeeeinladung von Roger Blin, die von der jungen Schauspielanwärterin Yasmina Reza ausgeschlagen wird, was ihr viele Jahre später die etwas gekünstelt naive Einsicht beschert, dass sie dem großen französischen Schauspieler und Regisseur "wohl Kummer bereitet habe".

Vielleicht mildert die Offenheit, mit der Yasmina Reza gelegentlich die eigene Überheblichkeit darstellt, den Eindruck, dass in ihren blasierten Theaterfiguren vielleicht doch mehr Persönliches steckt, als man galanterweise annehmen möchte. Andererseits gewinnt gerade diese Ehrlichkeit in der Beschreibung ihrer weniger einnehmenden Charakterzüge gelegentlich das Odeur von Selbstgerechtigkeit. Wenn sie berichtet, wie vehement ihre Kinder sich gegen die Veröffentlichung der intimen Familienbetrachtungen in "Hammerklavier" gewehrt hätten, führt das nur dazu, dass sie auch in "Nirgendwo" ausführlich schildert, wie ihr Sohn sich dafür schämt, dass seine Mutter ihm vom Balkon aus ewig zuwinkt, wenn er auf dem Weg zur Schule ist. Und das schnappende Messer bürgerlicher Stilkritik bekommt eine Frau, die im Jerusalemer Orthodoxenviertel Mea Scharim ihren Mantel nicht ordentlich geschlossen hat, ebenso zu spüren wie die eigene Tochter, deren langatmige Puppenaufführungen die Eltern gar mit Neros Zwangsvorführungen am römischen Kaiserhof vergleichen.

Vermutlich ist Yasmina Rezas Bemühen, ihr öffentliches Privatleben als zufriedene bürgerliche Gesinnung auszuschmücken, der Hauptgrund, weshalb diese Notizensammlung so befremdlich zuckrig daherkommt. In dieser Welt existieren einfach keine schmerzlichen Widersprüche und glaubhaften Selbstzweifel, denn in Rezas Leben ist alles vor allem literarisch. Im Umschleichen von echten Abgründen findet diese Selbstdarstellung so einen Ton der Genügsamkeit, mit dem alle erzählten Konflikte und Kümmernisse so schmuck erscheinen wie ein französischer Hauptstadtboulevard. Und das ist eine Kulisse, die einen dann doch wieder daran erinnert, dass bürgerliche Werte eventuell mehr sind als eine Geschmacksfrage.

Yasmina Reza: Nirgendwo. Aus dem Französischen von Eugen Helm.é ("Hammerklavier") sowie Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel ("Nirgendwo"). Carl Hanser Verlag, München 2012. 260 Seiten, 17,90 Euro.