Neues Rosenstolz-Album Therapeutisches Singen

Darauf haben die Fans zweieinhalb Jahre gewartet: Das Musikduo Rosenstolz meldet sich mit seinem neuen Album "Wir sind am Leben" zurück. Sänger und Songwriter Peter Plate dokumentiert damit, dass er seine Burn-out-Erkrankung überwunden hat. Herausgekommen ist eine typische Rosenstolz-Platte, deren Titelsong aber mehr Statement als Ohrwurm ist.

Von Tobias Dorfer

Wer die Kernaussage des neuen Rosenstolz-Albums sucht, der muss nur eine Minute und 13 Sekunden warten. "Ich kann Deinen Herzschlag hören", heißt es da - und wenn man so will ist der Herzschlag des Berliner Popduos, das sich nach 32-monatiger Pause am vergangenen Freitag wieder zurückgemeldet hat, der von Tausenden Fans sehnsuchtsvoll erwartete Soundtrack dieses Herbstes.

Anna R. (rechts) und Peter Plate bilden Rosenstolz. Nach langer Pause haben sie ihre neue CD "Wir sind am Leben" herausgebracht. Das erwartete Knaller-Album, auf das so viele Anhänger gewartet haben, ist es nicht. Die elf Songs sind alle eingängig und irgendwie auch gut gemacht, doch einen echten Ohrwurm wie "Gib mir Sonne" von der CD "Die Suche geht weiter" (2008), "Ich geh in Flammen auf" ("Das große Leben", 2006) oder "Liebe ist alles" ("Herz", 2004) sucht man vergebens, zunächst zumindest.

(Foto: dpa/dpaweb)

Rückblende: Am 26. Januar 2009 standen Anna R. und Peter Plate in Hamburg zum bislang letzten Mal auf der Bühne. Es ist das drittletzte Konzert der Tour. Beim Lied "Irgendwo dazwischen" bricht Frontmann Plate zusammen, schleppt sich hinter die Bühne, wird wieder fitgespritzt, bringt den Auftritt noch über die Bühne - aber am nächsten Morgen geht gar nichts mehr.

Die Diagnose lautet Burnout. Plate geht nach Berlin zurück, die Tour wird abgebrochen - und das Erfolgsduo taucht unter. Er zieht für ein Jahr mit seinem Keyboard nach London und findet die Lust an der Musik wieder. Sie bleibt in Berlin, wird von einem Fotografen biertrinkend vor einer Kneipe abgelichtet und muss sich von der Bild-Zeitung als "aufgedunsene Frau" bezeichnen lassen.

Kürzlich sagte Plate der Berliner Zeitung: "Klar gab es den Traum, von meinen Liedern leben zu können, also nicht wirklich arbeiten zu müssen. Aber Jahre später stellt man dann fest: Oh Mann, das ist echt ein richtiger Scheißjob!" Der Scheißjob hat sie nun wieder - und zwar in der Gestalt des neuen Albums, das "Wir sind am Leben" heißt und nicht das erwartete Knaller-Album ist, auf das so viele Anhänger gewartet haben.

Die elf Songs sind alle eingängig und irgendwie auch gut gemacht, doch einen echten Ohrwurm wie "Gib mir Sonne" von der CD "Die Suche geht weiter" (2008), "Ich geh in Flammen auf" ("Das große Leben", 2006) oder "Liebe ist alles" ("Herz", 2004) sucht man vergebens, zunächst zumindest.

Und doch ist es eine ziemlich typische Rosenstolz-Platte: Die emotionsgeladenen Schmacht-Schnulzen gemischt mit energiegeladenen Nummern und dem obligatorischen Stück, in dem Peter Plate singt. Es geht um Liebe, Gefühl, menschliche Stärken und vor allem um menschliche Schwächen. Leider zeigt "Mein Leben im Aschenbecher", dass sich die Singstimme von Peter Plate in der Pause nicht weiterentwickelt hat.

Natürlich dürfen auch die rosenstolztypischen Textbausteine nicht fehlen, in denen es albumübergreifend darum geht, dass "ich mich nicht mehr verlier" oder um die Frage, ob "Deine Welt sich wirklich dreht".

Liebesbekundung an die Hauptstadt

Der vorab als Single veröffentlichte Titelsong "Wir sind am Leben" ist letztlich mehr Statement als Ohrwurm - ein Statement allerdings, das den Song auf Chartposition drei einsteigen ließ. Die schnelle Anti-Burnout-Hymne "E.n.e.r.g.i.e." funktioniert live sicher besser als auf CD.

Allerdings gibt es auch Perlen. Die Ballade "Irgendwo in Berlin" ist eine umwerfende Liebesbekundung an die Hauptstadt, in der Anna R.s ihr ganzes stimmliches Können abruft. Hörenswert sind auch "Wir küssen Amok", "Marilyn" und der herrlich leichte und lebensbejahende Titel "Flugzeug".

So oder so - die Platte wird sich gut verkaufen. Beim Amazon-Ranking hat sie sich inzwischen auf der Spitzenposition festgesetzt. Und ebenso ist es absehbar, dass die (bislang noch nicht terminierte) Tour Rosenstolz durch ausverkaufte Hallen voller frenetisch jubelnder Fans führen wird - ein Triumphzug durch die Republik, der höchstwahrscheinlich wieder vor 18.000 seligen Zuschauern in der ausverkauften Berliner Wuhlheide enden wird.

Die Welt da draußen kann uns mal

Wie kaum eine andere Band verstehen es Rosenstolz, das Lebensgefühl ihrer Fans in Musik zu verwandeln. Wer mit den gesellschaftlichen Normen fremdelt, findet in Liedern wie "Sex im Hotel" oder "Die Schlampen sind müde" ein Zuhause. Und bei (Liebes-) Kummer lässt sich zu "Moment" oder "Auch im Regen" wunderbar ins Taschentuch schnäuzen.

Das Resultat dieser Vier-Minuten-Therapie ist immer dasselbe und es verbindet Band und Anhänger: Die Welt da draußen kann uns mal! Peter Plate und Anna R. haben lange dafür gearbeitet. Haben auf kleinen Berliner Underground-Bühnen Dreck gefressen, Flops und Häme ertragen, immer weitergemacht, bis schließlich der dritte Platz bei der deutschen Vorausscheidung zum Eurovision Song Contest im Jahr 1998 die Band in der ganzen Republik bekannt machte.

Inzwischen spielt sie in den großen Hallen vor Tausenden Fans. Und die werden auch in der neuen CD all das finden, wonach sie sich in den vergangenen 32 Monaten gesehnt haben. Vielleicht ist in einer Zeit, in der Lady Gaga täglich mit schrilleren Outfits provoziert und Madonna sich von Platte zu Platte wie ein Chamäleon dem Zeitgeist anpasst, ein ganz normales Album gar nicht mal so schlecht.