Neues Buch von Matthias Matussek "Ich schaue katholisch auf die Welt"

Nein, der Islam gehört nicht zu Deutschland, nicht historisch, darin gibt Matussek dem Innenminister recht - wie ungefähr drei Viertel aller Deutschen. Warum das so ist? Matussek: "Es scheint so etwas zu geben wie eine ideengeschichtliche und religiöse DNS, die verteidigt wird, wie sehr auch immer sie gelitten hat in einer globalisierten Welt. Religion scheint ein wichtiges Identitätsmerkmal zu sein, das sich nicht einfach wegschminken lässt."

Matussek glaubt offenbar wirklich. Das ist sicher die eindringlichste Erkenntnis, die man aus dem Buch "Das katholische Abenteuer" gewinnt. Der Autor spricht aus einer Trutzburg: "Ich denke katholisch, ich fühle und lache und wüte katholisch, ich sündige, ich beichte, ich schaue katholisch auf die Welt." Schon um das Jahr 400 schrieb Augustinus sein autobiographisches Bekenntnis. Folgerichtig gibt es auch bei Matthias Matussek ein Dutzend Bezüge zum Bischof von Hippo Regius. Matusseks moderne, schon im Format bescheidenere, massentaugliche Instantfassung ist ebenfalls ein Hinaustreten aus dem Inneren ins Öffentliche.

Matussek hat sein Bekenntnis in fünf Kapitel unterteilt: "Ausgangslagen", "Glaubensschlachten", "Meine Kirche", "Gott und die Welt" und "Endspiele". "Ausgangslagen" beginnt mit einem Plädoyer zur Vermeidung der sieben Todsünden. Dann nimmt der Autor sich der aktuellen Debatten um die ewig gleichen Reizthemen an: Zölibat, Papst, Priester. "Gleich drei Verstörungen, nämlich kein Sex, keine Demokratie, keine Gleichberechtigung." Und er bezieht eindeutig Stellung: für den Zölibat, für die Hierarchie, für die Tradition.

Aber, und das darf man nicht unterschlagen, will man dem Werk gerecht werden: "Das katholische Abenteuer" ist längst nicht nur eine Aufregung, es ist sogar in weiten Teilen eine große Schwärmerei. So ist der Vatikan für Matussek eine "grandiose, feudale Zuspitzung auf den obersten Kirchenfürsten" und gipfelt in solchen, auf glaubensferne Menschen zunächst sicher verstörend wirkenden Beschreibungen: "Wer einmal mit Zigtausenden ... hinaufgeschaut hat zur Balustrade des päpstlichen Palastes und den Mann in Weiß den ,Urbi et Orbi'-Segen spenden sah ... den Ostergruß ... diese polyphone Glaubenssinfonie aus Stimmen und Gebeten, der weiß, dass die katholische Kirche tatsächlich Weltkirche ist ..." Das ist laut. Das schreit förmlich. Zumindest wohl in den Ohren von eingefleischten Atheisten.

Ja doch, Matussek ist hysterisch. Aber in beide Richtungen: in der Abwehr wie in der Begeisterung. Immer mitreißend. Im Verlauf des Buches

erzählt er von der Begegnung mit den vielen gläubigen Christen unterschiedlichster regionaler Einfärbungen. Da meint man vieles wiederzuerkennen aus seiner jahrzehntelangen journalistischen Arbeit, diese anschaulichen Vor-Ort-Reportagen, die seinen Ruf als exzellenter Beobachter begründet haben: in Baptistengottesdiensten in Harlem, in einer Synagoge, in einer gigantischen Marienprozession am Amazonas. Mit dem Pfund seiner anschaulichen Reportersprache wuchert Matussek auch hier seiten- und kapitelweise. Dazu gehören auch seine romantisierten Kindheitserinnerungen zwischen Krippenspiel und Petersplatz.

Auch im atheistischen Zuhause des Rezensenten gab es Kinderbibeln. Zum Beispiel Gustav Schwabs "Sagen des Klassischen Altertums". Unser Vater pilgerte mit uns nicht auf den Petersplatz, wir durchstreiften Sommer für Sommer Kleinasien und Griechenland und landeten schließlich in Epidauros. Dieses herrliche antike Theater mit dem weiten Blick über die uralten Olivenhaine hinweg auf die Berglandschaft der Argolis im Sonnenuntergang; fünf Stunden lang unter freiem Himmel mit Zehntausenden Gleichgesinnten aus aller Welt "Die Troerinnen" auf Altgriechisch. Ich war acht Jahre alt. Und die Wiege des Guten lag für mich nicht in Bethlehem, sondern in diesem Moment ganz im Herzen Europas. Da geht es mir nicht anders als Matthias Matussek: "Dieser Kinderglaube hat ein Reservoir angelegt wie einen unterirdischen See. Der mochte im Laufe des Lebens teilweise verschüttet werden, doch er war stets da."

MATTHIAS MATUSSEK: Das katholische Abenteuer. Eine Provokation. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 368 Seiten, 19,99 Euro.