Von Burkhard Müller

Rechtsanwalt und Erfolgsautor John Grisham legt ein erstaunliches Buch vor: Der Roman "Das Geständnis" ist ungemein reich an Hoffnung. Aber auch an Wut, so wird eine versöhnende Geste zum echten Showdown. Und das ist nicht das Einzige, über das man staunt.

Es ist immer schwer, ein Buch oder einen Film zu besprechen, die einem Spannungs-Genre angehören. Ob sie gut oder schlecht sind, hängt vor allem davon ab, wie sie Spannung erzeugen und auflösen. Mindestens über die Auflösung jedoch muss der Rezensent schweigen, denn sonst würde er das Buch dem künftigen Leser kaputtmachen, indem er es mit dem Nadelstich seines Verrats zum Platzen bringt wie einen Luftballon.

John Grisham erstmals in Deutschland Bild vergrößern

Er spannt ein beschleunigendes und ein verzögerndes Moment überkreuz zusammen: John Grisham. (© dpa)

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Und so sollte man über den jüngsten Roman des amerikanischen Rechtsanwalts und Erfolgsautors John Grisham - seinen vierundzwanzigsten - fairerweise nur so viel ausplaudern, dass er einen Gegenstand, der wenig Aussicht auf einen erfinderischen Plot zu bieten scheint, dennoch mit einem Höchstmaß an packenden Qualitäten auflädt. Wird es gelingen, den zu Unrecht zum Tode verurteilten Donté Drumm in letzter Minute vor der Hinrichtung zu bewahren? Zwar handelt es sich um ein eklatantes, auf einem manipulierten Geständnis beruhendes Fehlurteil - doch geht es um den immer heiklen Fall des Mords an einem weißen Mädchen, den ein Schwarzer begangen haben soll, und noch dazu in Texas.

Donté Drumm wird also gerettet werden oder nicht: Ist da etwas Drittes möglich? Man sollte meinen, nein; und doch gelangt das Buch, so viel darf angedeutet werden, über jene enge Alternative schließlich hinaus. Am Ende werden Exekutive und Legislative dieses sehr besonderen Bundesstaats freilich ihre Mühe haben, selbst aus eingestandenen Fehlern allgemeinere Schlüsse zu ziehen; in diesem Punkt sieht der Justiz-Thriller die Lage mit dem nötigen Realismus.

Man lobt Grisham wohl am angemessensten, indem man ihn als den Dramatiker unter den Romanciers bezeichnet. Er weiß genau, wie man das richtige Tempo anschlägt und abstuft, was gar nicht so leicht ist, da es ja sowohl rasch vorangehen muss, um die Aufmerksamkeit zu binden, als auch sich nichts wirklich überstürzen darf, denn das Buch hat mehr als 500 Seiten und muss auf seine Ökonomie achten. Grisham fällt mit der Tür ins Haus; aber er tut es bedächtig. Gleich auf der ersten Seite tritt ins Pfarrbüro von Reverend Keith Schroeder der Mann, der behauptet, der wahre Mörder zu sein - doch dann beginnt sich der alte Sünder, der schon mehr als die Hälfte seines Lebens im Knast verbracht hat, umso mehr zu zieren, je eiliger die Sache wird, soll es doch schon in drei Tagen für Donté so weit sein, dann in zwei, dann in einem . . .

Der Autor spannt also ein beschleunigendes und ein verzögerndes Moment überkreuz zusammen. Noch die Abschweifung weiß Grisham in sich zu runden. Wenn die Bürgerrechtler eine "Operation Detour" starten und den Weg des Fahrzeugs mit dem Todeskandidaten durch eine Fülle von fingierten Autopannen blockieren (Pannen sind nicht gegen das Gesetz des Staates Texas!), dann freut sich der Leser zuerst mit ihnen über den listigen Einfall - und ist anschließend genauso verblüfft und enttäuscht wie sie, wenn der Gefangene plötzlich im Hubschrauber entschwindet.

Und zweitens erarbeitet Grisham seine Figuren konsequent durch das, was sie tun und sagen; seinen auktorialen Standpunkt, der immer mehrere Szenen zugleich im Blick hat, missbraucht er niemals, um in ihre Seele hineinzuhorchen. Es ist ein echtes Schauspiel, das die Charaktere in genau dem Maß offenbart, wie sie sich handelnd zu bewähren haben. Eine zentrale Rolle fällt dabei natürlich dem Dialog zu. Die Personen besprechen stets nur knapp das Erforderliche und bringen dennoch jedes Mal die Dinge voran: eine Kunst, auf die man spät aufmerksam wird, weil sie so unscheinbar aussieht. Auf diese Weise gewinnen die Akteure trotz ihrer großen Anzahl deutlichen Umriss: der Gouverneur, der im Augenblick der politischen Bedrängnis lieber die texanischen Jungs in Irak besuchen geht; der falsche Zeuge, der zwischen Reue und der Angst vor ihren Folgen hin- und hergerissen ist; der von Zorn und Geltungsdrang getriebene Anwalt des jungen Schwarzen, der seine Interviewpartnerin keinen Satz zu Ende sprechen lässt.

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  1. Sie lesen jetzt Deeskalation als Super-Thriller
  2. Er horcht in die Seele der Figuren hinein
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