Netzkolumne Der Mensch als Datenanbieter

Der Skandal um Facebook und den Umgang des Unternehmens mit den Daten seiner Nutzer, weitet sich immer weiter aus. Es wird Zeit, dass die Nutzer zu Daten-Brokern in eigener Sache werden.

Von Michael Moorstedt

Zumindest in einem Punkt unterscheidet sich die New nicht von der Old Economy. Nämlich in der Pathologie ihrer Skandale. Je länger man abwartet, desto mehr schmutzige Wäsche kommt zum Vorschein, und das, was zunächst zerknirscht zugegeben wird, ist niemals der Endpunkt. Das aktuelle Beispiel heißt freilich Facebook. In den letzten Tagen wurde bekannt, dass nicht 50 Millionen, sondern mehr als 80 Millionen Nutzerprofile mit Cambridge Analytica geteilt worden sind. Dann hieß es noch, dass eine Facebook-Einheit an Krankenhäuser herangetreten sei, um medizinische Informationen zu erhalten, die dann mit den üblichen Profildaten verknüpft werden sollten.

Vom massenhaften Nutzer-Exodus sei trotz allem nichts zu spüren, ließ Mark Zuckerberg verlauten. Es ist wohl wie so oft: Bequemlichkeit siegt über Empörung. Sowieso scheinen viele Menschen noch nicht zu realisieren, dass es ihre Biografien und Befindlichkeiten sind, die da verschachert werden. Vielleicht herrscht hier auch ein gewisser Fatalismus: Die Daten sind nun mal in freier Wildbahn und lassen sich nicht mehr zurückholen. Davon ausgehend könnte man aber, anstatt wie Zuckerberg nur zu beschwichtigen, auch mal darüber nachdenken, wie sich ein solcher Daten-GAU in Zukunft verhindern lässt.

Wie wäre es zum Beispiel, wenn all die gesammelten Informationen statt für höhere Facebook-Börsenkurse für das höhere Gut eingesetzt würden, wie Hetan Shah, Chef der Royal Statistical Society kürzlich in einem Gastbeitrag in der Fachzeitschrift Nature vorschlug. Etwa, indem der Zeitraum, in dem Internetfirmen gesammelte Daten verarbeiten dürfen, begrenzt wäre, bevor diese dann unter staatlicher Verwaltung der Wissenschaft zur Verfügung gestellt würden. Shah beschreibt eine Art Humangenomprojekt für die digitale Welt.

Greifen die neuen Gesetze, könnte der Nutzer zum Daten-Broker in eigener Sache werden

"Sollten wir Daten als Arbeit betrachten", fragt dagegen eine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern zusammen mit dem Netzvordenker Jaron Lanier in einem gleichnamigen Aufsatz. Man müsse damit aufhören, die Menschen nur als passive "Datenanbieter" zu begreifen. "In der digitalen Ökonomie werden Nutzerdaten typischerweise als Kapital betrachtet, das von Unternehmen geschaffen wird, die ihre gewillten Nutzer observieren", heißt es dort. "Dadurch wird die Rolle der Nutzer bei der Datenerstellung vernachlässigt, die Anreize für die Nutzer werden verringert, Gewinne aus der Datenwirtschaft ungleich verteilt und die Angst vor Automatisierung wird geschürt." Es sind also die Nutzer selbst, die all die Systeme, von denen sie später ausgebeutet werden, überhaupt erst möglich machen. Und natürlich müssten sie davon profitieren.

Ein derartiger Paradigmenwandel könnte übrigens viel früher eintreten, als die Zukunftsforscher um Lanier glauben. Nämlich Ende Mai dieses Jahres, wenn die neue Datenschutzgrundverordnung der EU zwingend gilt. Neben Paragrafen wie dem "Recht auf Vergessen" gibt es zahlreiche Artikel, die unseren Umgang mit Daten schon bald gehörig aufrütteln werden. Zum Beispiel Artikel 20, der das "Recht auf Datenübertragbarkeit" regelt. Dort heißt es: "Die betroffene Person hat das Recht, die sie betreffenden personenbezogenen Daten, die sie einem Verantwortlichen bereitgestellt hat (...) zu erhalten, und sie hat das Recht, diese Daten einem anderen Verantwortlichen ohne Behinderung durch den Verantwortlichen, dem die personenbezogenen Daten bereitgestellt wurden, zu übermitteln."

Übersetzt bedeutet das, dass man selbst über all die Befindlichkeitssignale verfügen kann, die man Facebook und Co. über die Jahre nebenbei zur Auswertung gegeben hat. Bei konsequenter Umsetzung von Artikel 20 könnte der Nutzer also zum Daten-Broker in eigener Sache werden. Wie uns Mark Zuckerberg gelehrt hat, ist so gut wie jede Banalität etwas wert. Bald läge es an uns selbst, den höchsten Preis dafür einzufordern.