Nachruf Zuzana Růžičková ist tot

Die Musikerin überlebte vier Konzentrationslager und machte nach dem Krieg von Prag aus eine Weltkarriere als Cembalistin.

Von Reinhard J. Brembeck

Sie habe, erklärte Zuzana Růžičková nüchtern vor knapp einem Jahr in Prag, einfach Glück gehabt. Dieses Glück aber war riesig. Die 1927 in Pilsen geborene Jüdin überlebte als Kind erst Tuberkulose, dann vier Konzentrationslager (Terezin, Auschwitz, Hamburg-Neuengamme, Bergen-Belsen) und schlug sie sich als Nichtparteimitglied durch die kommunistische Tschechoslowakei. Dort machte sie, deren zerschundene Hände nach dem Arbeitsdienst in den KZs das eigentlich gar nicht leisten hätten können, Karriere als Cembalistin, das Instrument war damals noch eine Rarität.

Zu ihrem 90. Geburtstag erschienen dann, dies wohl ihr letztes Großglück, erneut ihre in den Siebzigerjahren entstanden Bach-Einspielungen. Růžičková hatte als Erste dessen Cembalomusik vollständig aufgenommen. Da lernte die staunende Musikwelt, der sie fast entschwunden war, wieder eine leidenschaftlich zupackende Musikerin kennen, die fern von allem Alte-Musik-Dogmatismus Bach als den größten und trostreichsten aller Komponisten erwies: "Bach hat mir gezeigt, dass es etwas gibt, das uns transzendiert. Da ist man sich plötzlich sicher: Gut, Menschlein, du bist völlig am Boden zerstört. Aber es gibt etwas, das über dir ist, eine Ordnung."

Und das ist in ihren Bach-Aufnahmen immer hörbar. Mit welch abgrundtiefer Trauer sie auch die Abwesenheit des geliebten Bruders im Adagissimo des Capriccios beklagt, da schwingt immer die Gewissheit mit, dass das Leben weitergehen wird. So wie auch ihr eigenes, das sie Krankheit, Nazis, Kommunisten und einem oft verständnislosen Musikbetrieb abtrotzte, ohne bitter zu werden, ohne ihren Humor einzubüßen, und ohne je den Glauben an ihren Komponistenmann Viktor Kalabis zu verlieren. Am vergangenen Mittwoch ist Zuzana Růžičková in Prag gestorben.