Nachruf Yirmiyahu Yovel ist gestorben

Kant und Spinoza für Israel fruchtbar machen: Der Philosoph Yirmiyahu Yovel (1935 - 2018).

(Foto: oh)

Der im Jahr 1935 geborene Philosoph und Übersetzer wollte für sein Land, Israel, die Werke von Kant und Spinoza fruchtbar machen.

Von Thomas Meyer

Lange Jahre wurde die im Jahr 1925 gegründete Hebräische Universität in Jerusalem halb ironisch, halb ernsthaft die "deutscheste" genannt, was auch an Gelehrten wie Julius Guttmann und seinem Schüler Nathan Rotenstreich lag, die dort lehrten. Sie widmeten sich insbesondere der Philosophie Immanuel Kants und dem deutschen Idealismus mit der gleichen Aufmerksamkeit, mit der sie die Geschichte des jüdischen Denkens analysierten.

Aus der Schule Nathan Rotenstreichs kommend, führte der 1935 in Haifa geborene Yirmiyahu Yovel diese Tradition ganz eigenständig weiter. Seine Studie zu Kants Geschichtsdenken von 1980 ist heute das Referenzwerk auf diesem Feld. Und als Yovel 2013 seine Übersetzung der "Kritik der reinen Vernunft" ins moderne Hebräisch vorlegte, war er längst ein in New York, Paris und Frankfurt geschätzter, viel gefragter Lehrer und Gesprächspartner. Das Denken von Theodor W. Adorno und Paul Ricœur waren ihm ebenso vertraut, wie die Theorien von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas.

Yovel darf auch als derjenige gelten, der mit seinen - auch ins Deutsche übersetzten - Arbeiten zu Spinoza zu der weltweiten Renaissance des holländischen Philosophen beigetragen hat. Dass seine Übersetzung von Spinozas "Ethik" in Israel eine Kontroverse auslöste, war auch ein Hinweis darauf, wie sehr philosophische Fragen in Israel zugleich Fragen der Identität sind.

Denn Yovels Interesse an Spinoza und den häretischen Traditionen im jüdischen Denken war keineswegs bloß wissenschaftlich motiviert. So war es nur konsequent, dass er ein nach Spinoza benanntes Institut gründete und dort über viele Jahre Konferenzen organisierte, die ins israelische Zivilleben einwirkten. Dezidiert politisch eingreifen wollte die 2007 vorgelegte fünfbändige Enzyklopädie "Neue Jüdische Zeit", deren Herausgeber Yovel war und die einen Meilenstein in der Ideengeschichte des säkularen Israels bedeutete. Das Werk bot nichts weniger als eine Bestandsaufnahme der jüdischen Moderne und der israelischen Zivilgesellschaft und lieferte einem aufgeklärten Zionismus die geistigen Stichworte für die Bewahrung der liberalen Demokratie, die Yovel zufolge gleichermaßen auf säkularen wie auf spirituellen Ideen beruhen sollte. Sein letztes, vor Kurzem in den USA erschienenes Buch widmete Yovel wiederum Kant und der geliebten ersten "Kritik". Er schloss es mit einer Reflexion über das Verhältnis von Denken und Endlichkeit ab.

Am vergangenen Sonntag ist der Philosoph Yirmiyahu Yovel nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren gestorben.