Nachruf Sprache ist Abschied

Der Literaturtheoretiker Werner Hamacher (1948 - 2017) lehrte an der Johns Hopkins University in den USA und seit 1998 in Frankfurt am Main.

(Foto: The European Graduate School EGS)

Eine eigentümliche Melancholie durchzog die Texte dieses temperamentvollen Philologen, der über das "entfernte Verstehen" schrieb. Nun ist der Literaturwissenschaftler Werner Hamacher gestorben.

Von Thomas Meyer

Über "Rameaus Pantomine" sollte der 22-jährige Werner Hamacher für einen Sammelband schreiben. So lautete 1970 der Wunsch von Peter Szondi. Zugleich war Jacques Derrida für einen Beitrag über Mallarmés "Mimique" angefragt worden. Es kam anders. Szondi, Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin, nahm sich im Oktober 1971 das Leben. Als 1978 Hamachers Dissertation "pleroma - zu Genese und Struktur einer dialektischen Hermeneutik bei Hegel" erschien, war sie eine erste Probe auf das bei Szondi, Derrida und dem Psychoanalytiker Jacques Lacan Gelernte. Betreut wurde die Arbeit, die erst Kopfschütteln auslöste, seit den Neunzigern aber in Frankreich und den USA geradezu kultisch verehrt wurde, vom FU-Mitbegründer Klaus Heinrich und von Paul de Man. Für Hamacher, der sich in den Achtzigern als Herausgeber und Übersetzer französischer Denker große Verdienste erwarb, wurde de Man am Ende des Jahrzehnts zu einer Art Schicksalsfigur. Seit 1987 wurden antisemitische Schriften des jungen Belgiers aus den Jahren 1940/41 bekannt, der bis zum seinem Tod 1983 in Yale lehrte. Hamacher, der de Mans Kriegsschriften und einen wichtigen Sammelband zur Debatte herausgab, wusste im Streit über die Einordnung der Schriften Derrida an seiner Seite. Doch die Aufrufe zur Differenzierung von Werk und Biografie fanden wenig Gehör.

Hamacher, der von 1984 bis 1998 an der Johns Hopkins University in Baltimore und von 1998 bis 2013 in Frankfurt Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft lehrte, suchte nach den Auseinandersetzungen um de Man andere Wege. Es ging darum, den Beschränkungen der Subjektphilosophie zu entkommen. 1998 erschien Hamachers wichtigste Studie "Entferntes Verstehen". Nochmals setzte er bei Hegel an, suchte in Analysen von Kleist, Kafka und Celan jene "Art Urraum" (Derrida) ausfindig zu machen, in der das Leiden der Sprache und das Leiden an der Sprache sich abspielen. Die Texte schienen einerseits durch ihre Treue zur kritischen Hermeneutik Szondis und der Dekonstruktion Derridas aus der Mode gekommen zu sein. Andererseits mussten auch diejenigen, die bereits in diesen Ansätzen einen Verstoß gegen die Philologie sahen, anerkennen, dass hier einer schrieb, der sich auskannte.

Die Texte dieses temperamentvollen Geistes und glanzvollen Redners durchzog eine Melancholie. Schon 1998 hieß es: "Sprache ist Abschied: von jedem tieferen und verborgenen Sinn, von dem Subjekt, das sich in ihr auszusprechen meint." Am Mittwoch vergangener Woche starb Werner Hamacher im Alter von 69 Jahren.