Nachruf Ferne Schwester

Sieben Romane veröffentlichte Ruth Rehmann (1922 bis 2016), vier Bände mit Erzählungen und ein Dutzend Hörspiele - in sechzig Jahren.

(Foto: Lina Muzur/Hanser)

Ein Leben und Schreiben gegen die Illusionen - im Alter von 93 Jahren ist Ruth Rehmann gestorben.

Von THOMAS STEINFELD

Einen Titel, der kaum missverstanden wurde, trägt der erste Roman der Schriftstellerin Ruth Rehmann, im Herbst 1959 bei Suhrkamp erschienen: "Illusionen" hieß das Buch, und wer hätte daran gezweifelt, dass die damit angesprochenen freundlichen Erwartungen im Laufe der Geschichte heftigen Schaden nehmen. Von vier Bürogestalten handelt dieses Buch. Während sie beim ersten Anblick noch fest gefügt erschienen, verwandeln sie sich bald in sehr diffuse, ja zerrissene Gestalten. Als Ruth Rehmann das erste Kapitel dieses Romans der Gruppe 47 vorlas, bei der Tagung in Saulgau, bei der Günter Grass den Preis davontrug, hatte sie zumindest verhaltenen Erfolg. Danach gehörte Ruth Rehmann zur deutschen Literatur - nicht immer sehr sichtbar, was auch an den großen zeitlichen Abständen zwischen ihren Büchern liegt, aber doch gegenwärtig.

Dem geduldigen, akribischen Offenlegen von Täuschungen blieb Ruth Rehmann treu, in ihrem zweiten, ebenfalls fiktional angelegten Bauernroman "Die Leute im Tal" (1968), aber auch in ihren späteren Romanen, die alle in einer erkennbaren Nähe zum eigenen Leben geschrieben sind. Einer von ihnen, das Buch "Der Mann auf der Kanzel" aus dem Jahr 1969, wurde dabei zu einem mehr als achtbaren Erfolg: Er erzählt die Geschichte des Vaters, eines Pfarrers, der glaubt, sich vom Nationalsozialismus fern halten zu können. Aber es ist eben diese Illusion, die der Macht zuträglich ist. Dieser Roman wurde ins Englische übersetzt, und er wurde vor allem in Nordamerika zu einem Werk, für das sich die Auslandsgermanistik interessierte, seines landeskundlichen und historischen Gehalts wegen, aber auch, weil Frauen in ihren Büchern immer wieder im Mittelpunkt stehen.

Ruth Rehmann, im Jahr 1922 im rheinischen Siegburg geboren, aber seit Kriegsende im bayrischen Trostberg lebend, war eine Frau von vielen Talenten: Sie war Dolmetscherin für Englisch und Französisch, sie hatte Kunstgeschichte und Germanistik studiert, und auf der Geige hatte sie sich bis zur Konzertreife ausbilden lassen. Sie war Lehrerin, Pressereferentin und Politikerin: Früh, schon im Jahr 1979, hatte sie zur Friedensbewegung gefunden, und einmal, vier Jahre später, hatte sie sich sogar als Kandidatin für den Bundestag aufstellen lassen, für den Landkreis Traunstein und Berchtesgaden. In dieser Art des Widerstands blieb sie sich treu, literarisch wie auch lebenspraktisch.

Ruth Rehmanns letzter Roman erschien vor sieben Jahren. "Ferne Schwester" heißt er und erzählt von einer Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland keinen Halt findet und nach Algerien flieht - wo sich der nächste Krieg ankündigt. Zwar kehrt die Heldin zurück, aber die Unruhe, der Unwille zur Bindung bleibt ihr. Auch dieses Ende ist wohl programmatisch zu verstehen. Wie erst jetzt bekannt wurde, starb Ruth Rehmann am vergangenen Freitag im Alter von 93 Jahren.