Nachruf Fantastischer Realist

Die ganze Schönheit, Grausamkeit und Komik des komplizierten Geschäfts, ein Mensch zu sein: Ettore Scola (1931-2016), 1982 in Cannes.

(Foto: Ralph Gatti/AFP)

Er stand im Schatten seiner italienischen Kollegen, doch viele seiner Filme haben sich besser gehalten. Der Regisseur Ettore Scola ist gestorben.

Von David Steinitz

Fährt man von Neapel aus weiter nach Osten, in die hübsche italienische Provinz hinein, vorbei am Städtchen Avellino, das einst noch eine dicke Ascheschicht des Vesuvs abbekommen hat, kommt man irgendwann nach Trevico. In dieser winzigen Gemeinde, umgeben von wilder Berglandschaft, wurde 1931 der Filmemacher Ettore Scola geboren.

Das ist wichtig zu wissen, weil der Alltag im Trevico der Dreißigerjahre vom Glamour und vom Wahnsinn Roms, wo bald die Starregisseure des italienischen Autorenfilms sich aufplustern sollten, so weit entfernt war, dass es auch auf dem Mond hätte liegen können. Aber gerade seine Herkunft aus der Provinz hat das scharfe Auge des begnadeten Beobachters und Gesellschaftskritikers Ettore Scola geschult, der in den kleinen Verrichtungen des Alltags die großen Themen entdeckte, der sezierte und karikierte.

Dummerweise fing er ausgerechnet zu jener Zeit an, Filme zu machen, als gewitzte italienische Autorenfilme in Deutschland noch die Verleihtitel lüsterner Softpornos bekamen - was heute den Blick auf sein Frühwerk etwas trübt. "Zwei Nächte mit Kleopatra", "Das Mädchen aus Parma" und "Verliebt in scharfe Kurven" waren unter anderem die Werke, die er noch als Journalist und Drehbuchautor für andere Regisseure schrieb, in denen aber bereits durchschien, was er später selbst in Bilder übersetzen sollte: die ganze Schönheit, Grausamkeit und Komik des komplizierten Tagesgeschäfts, ein Mensch zu sein.

Während die meisten seiner berühmten Regiekollegen in Italien und Frankreich wie Boxenluder des Kinos über die roten Teppiche der großen Festivals gockelten, übte Scola sich in Selbstironie. Das verhinderte zwar den ganz großen Ruhm - aus dem Schatten von Fellini und anderen trat er selten heraus -, aber im Gegensatz zu manch pathetischer Selbstverliebtheit, zu der der italienische Autorenfilm sich ab und an hinreißen ließ, haben sich seine Filme wegen ihres Humors bis heute oft besser gehalten als die der Kollegen.

Sein bekanntestes Werk ist die Tragikfarce "Una giornata particolare/Ein besonderer Tag", der bei den Oscars 1978 zweimal nominiert wurde: als bester fremdsprachiger Film sowie - mit Marcello Mastroianni - in der Kategorie bester Hauptdarsteller. Dieser und Sophia Loren spielten darin ein merkwürdiges römisches Nachbarspärchen, das sich im Jahr 1938 näherkommt, während ein paar Straßen weiter die Faschisten eine Riesenparade für den geliebten Deutschen Adolf veranstalten. Ihn hat seine verheimlichte Homosexualität in die Einsamkeit getrieben, sie ihr Dasein als Hausfrau und sechsfache Mutter und das strenge Patriarchat ihres Mannes. Ein Paradebeispiel für Scolas Kino der Begrenzung: ein melodramatischer Mikrokosmos, auf engstem Raum inszeniert, der gleichzeitig vom italienischen Faschismus und von dessen unheimlicher Sublimierung in der Nachkriegszeit erzählt.

41 Filme hat er in den vergangenen vier Jahrzehnten inszeniert, und nie hat er den Zuschauern erlaubt, sich in die Fantasie zu flüchten. Stattdessen hat er sie gelehrt, sich in die ganze überwältigende Absurdität der Realität zu verlieben. Am Dienstag ist Ettore Scola im Alter von 84 Jahren in Rom gestorben.