Nachruf Elmar Altvater ist gestorben

Elmar Altvater, 1938 in Kamen geboren, lehrte seit 1971 Politische Ökonomie an der FU Berlin. Er starb am 1. Mai 2018.

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Der Politikwissenschaftler war undogmatischer Marxist und wusste doch, dass der Kapitalismus nicht einfach so zusammenbricht.

Von Willi Winkler

Manchmal sind es die übelsten Ereignisse, die einen auf die richtige Bahn bringen. Der 23-jährige Wirtschaftsstudent Elmar Altvater wollte 1962 einem Kommilitonen helfen, der bei den Schwabinger Krawallen von der Polizei zusammengeschlagen wurde, und landete dafür selber im Gefängnis. Dort kam der spätere Polizeipräsident Manfred Schreiber die "Beute besuchen", fragte Altvater aus und höhnte siegesgewiss: "Sie werden nie Examen machen!"

Doch Altvater ließ sich nicht einschüchtern, schloss sein Studium in München ordnungsgemäß ab und wurde einer der bekanntesten und in seinem Fall unvermeidlich linken Professoren im roten Berlin. Schon in der Dissertation beschäftigte er sich mit der sozialistischen Planwirtschaft, blieb jedoch sein Leben lang undogmatischer Marxist. In Altvaters Seminaren am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität wurde der Ökonom Marx kritisiert und fortentwickelt. Zu den allfälligen und doch halbherzigen Marx-Feiern fiel ihm noch vor Kurzem der schöne Sponti-Spruch ein, dass es sich beim "Kapital" um ein "Wurfgeschoss im Klassenkampf" handle, nur lesen müsse man es.

Der Kapitalismus heute ist auch nicht mehr das, was er mal war. Anders als die orthodoxe Lehre es wollte, würde er nämlich nicht zusammenbrechen, erklärte Altvater seinen Studenten, sondern sich in den unvermeidlichen Krisen beständig erneuern. Dennoch böten die Krisen die Möglichkeit zum Widerstand, zum Beispiel bei der Entwicklung von autonomen genossenschaftlichen Formen. Altvater wurde einer der ersten Globalisierungskritiker. Natürlich ist es der Mensch, der sich die Natur zurichtet, doch ist es die Industrialisierung, die dabei kein Erbarmen kennt. "Die Natur ist nur interessant als Naturkapital, der Mensch nur als Humankapital."

Mit seinen Einsichten in die Wirkweise der kapitalistischen Wirtschaftsordnung hätte Altvater leicht viel Geld verdienen können, es hat ihn aber nie interessiert, schon weil ihm die dafür nötige Zeit zu schade gewesen wäre. Stattdessen engagierte er sich fürs Überleben der genossenschaftlichen taz, später auch bei Attac. Bei den Grünen konnte er sich nicht wiederfinden, als es die 1999 zum Kosovokrieg drängte. 2007 trat er bei den Linken ein.

In seiner Abschiedsvorlesung wandte sich Altvater 2006 gegen das neoliberale Bildungssystem: "Elitenbildung und Exzellenzzentren sind der sichere Wegweiser in die Sackgassen des Fortschritts, aus denen es nur rückwärts einen Ausweg gibt." Manfred Schreiber hätte gestaunt über diesen mustergültigen Aufrührer. Am 1. Mai, am ehemaligen Kampftag der Arbeiterklasse, ist der unermüdliche Weltverbesserer Elmar Altvater im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben.