Nachruf Der König ist tot

Der Bluesmusiker B. B. King wuchs auf den Baumwollfeldern von Mississippi auf, war sich als Musiker für keinen Job zu schade und wurde erst spät zum "großen Vorsitzenden" der Rockmusik.

Von Karl Bruckmaier

Es war eine sternklare Nacht im Jahre 1925, still, irgendwie heilig, in der die bettelarmen Pachtbauern auf ihren Feldern und Weiden rund um Itta Bena im US-Bundesstaat Mississippi eine Stimme vom Himmel hörten: "Euch ist heute ein König geboren, der Retter des Blues." Und dann zupfte ein leicht bekleideter Engel mit einer Afro-Perücke zwölf Takte auf seiner Harfe.

Die Taglöhner interessierte dies nicht weiter: dass Nora Ella wieder einmal von Albert King schwanger war, das war allgemein bekannt. A King is born - ein König ist geboren: von wegen, nur ein weiterer Leibeigener für die immer noch feudale Ausbeutungsmaschine in Amerikas Süden.

Doch Klein-Riley King sah nicht ein, warum er sich zu Beginn eines Jahres beim Grundherrn ein paar Dollar leihen sollte für Saatgut, um ihm nach der Ernte das Dreifache zu schulden. Aus dem Radio, dem neuen, schicken Medium, kam schließlich die Frohbotschaft: Es gibt ein Leben jenseits der Baumwollfelder.

Lieber ein DJ im Radio als den ganzen Tag den Hintern eines Maultiers vor der Nase

Der Blues erzählte auch davon: Fats Waller, der im Kino in der nahen Kleinstadt Indianola aufflickerte, T-Bone Walker, dem die jungen Frauen in Los Angeles ihre Schlüpfer auf die Bühne warfen, Django Reinhardt, Charlie Parker, Lester Young, Lowell Fulson, Cousin Bukka White mit seiner Zigarrenkistengitarre führten dieses Leben zumindest schon ein klein bisschen, oben in Memphis, fünf Dollar pro Tag, wenn man am Straßenrand sang und spielte, nicht schlecht.

Nach Memphis zog es Ende der Vierzigerjahre auch den kleinen King, der sich nun nicht mehr Riley nennen ließ, sondern Blues Boy, abgekürzt B.B., oder länger: The Beale Street Blues Boy - lieber zu viel als zu wenig.

Lieber ein DJ im Radio als den ganzen Tag den Hintern eines Maultiers vor der Nase: Was gut genug war für Sonny Boy Williamson oder Rufus Thomas, war auch gut genug für den kommenden King. Werbespots für Schlangenöl, für Haartonikum, Louis-Jordan-Nummern nachspielen, bei Talentshows auftreten: Mit Mitte zwanzig hat B.B. King dann seinen ersten regionalen Hit, "Three O'Clock Blues", und man beginnt zu ahnen, was ihn aus der Masse der Blues-Gitarristen, die seinerzeit dank der vielen kleinen Radiosender im Land einen zweiten Frühling ihrer Musikgattung erleben durften, heraushebt:

Er imitiert nicht die Country Blues-Musiker, deren Picking und Slide-Attacken ihn überfordern; er ist nicht derb-schematisch wie die Kollegen aus Chicago; er besitzt nicht den kontraproduktiven Lokalstolz der Musiker aus New Orleans, die sich immer selbst im Weg stehen, wenn es um landesweiten Erfolg geht; er beharrt auch nicht auf der schwingenden Eleganz, auf dem Flüchtigen, das die schwarze Musik aus Memphis auszeichnet: B.B. King überwindet die regionalen Besonderheiten schon in jungen Jahren durch jenen oft unbewussten Schritt, der alle großen afroamerikanischen Künstler auszeichnet - er überwindet die Grenzen seines Genres, seiner Rassenzugehörigkeit, seiner sozialen Schicht, indem er über und für die Menschen an sich spricht, die Conditio humana.

B.B. King tut dies nicht mit Worten, sondern mit den Händen, den Fingern, seinem Gesicht. Keiner leidet so schön, so drastisch wie B.B. King, die breitarschige Lucille vor dem Bauch. Keiner grimassiert eine halbe Lebensgeschichte in drei Minuten, dreißig Sekunden wie der Beale Street Boy. Keiner kann seine Soli mit Vibratos und Dehnungen und Quetschungen und Verrenkungen darbieten wie dieser ehemalige Pachtbauer aus dem Nirgendwo. Er ist der König seines Instruments; aus den anfänglichen Defiziten seines Spiels entwickelt er eine eigene Formensprache, welche ihre ländliche, ja bäurische Herkunft nicht verleugnet, aber trotzdem eine ausgesprochen urbane Note hat, ein Lebensgefühl, das auch die Muße während der frühen Morgenstunden in einer lichtgleißenden Metropole kennt, die Frustration der vergeblichen Suche nach der Droge, der Wut auf die untreue Freundin, den Neid auf den schicken Wagen des Nebenbuhlers.

Ray Charles hat dasselbe für das Klavier geleistet, aber anders als Ray Charles, anders als schwarze Rock'n'Roller wie Chuck Berry oder Little Richard gelingt es B.B. King in den frühen Jahren der Rockmusik nicht, die Grenze zwischen weißem und schwarzem Publikum zu überschreiten. Er bleibt ein reiner Blues-Mann, obwohl er sich schon seit den frühen Jahren in Memphis - ob auf der Beale Street oder im Radio - klar darüber war, dass es kein geeigneteres Medium in den USA gibt als die Musik, das rassistische System zu übertölpeln: "Mir gefiel es, an Orten zu arbeiten, an denen man nach seiner Leistung und nicht nach seiner Hautfarbe entlohnt wurde."

Vom Taglöhnersohn zum Idol

Der Blues war die Musik der aufbegehrenden Jugend geworden

Es würde bis weit in die Sechzigerjahre hinein dauern, bis aus B.B. King ein weltweit bewundertes Idol werden sollte - kommerzieller Ausdruck dafür sein größter Hit "The Thrill is Gone". Von King praktisch unbemerkt war eine neue Generation von weißen, lateinamerikanischen oder schwarzen Gitarristen herangewachsen, allesamt langhaarig und mit Peace-Zeichen in den Augen, die Michael Bloomfield hießen oder Jimi Hendrix oder Carlos Santana oder Eric Clapton oder Geoff Muldaur und in ihrem Spiel seine Platten wie Gesetzestexte zitierten, während ihr Idol noch Abend für Abend vor zweihundert betrunkenen Landeiern in Gemeindesälen spielte.

Als der Impresario Bill Graham ihn Ende der Sechziger in sein Fillmore West in San Francisco buchte, glaubte B.B. King noch während der Fahrt zum Veranstaltungsort an ein Missverständnis - die ganzen Hippies, die da eine Schlange bildeten um den halben Block herum, die konnten doch nicht seinetwegen gekommen sein. Doch als Bill Graham auf die Bühne trat und den heute legendären Satz sprach: "Ladies and Gentlemen, darf ich vorstellen, der Große Vorsitzende: B.B. King!", und als sich dann alle erhoben und schon vor dem ersten Ton in Ovationen ausbrachen, wo er doch vor Kurzem noch als Interpret altertümlicher Sklavenmusik von einem jungen, schwarzen Publikum ausgepfiffen worden war, da hatte auch B.B. King selbst es begriffen: Der Blues war jetzt die Musik der aufbegehrenden Jugend der Welt geworden, oder zumindest ein bevorzugtes Ausdrucksmittel für weiße Pickeljungs von Monterey bis Mönchengladbach. Und er war eben deren King.

So wie er vor zwanzig Jahren die Schufterei auf dem Land hinter sich gelassen hatte, so ließ er nun den ewig gleichen Konzertreigen durch die Südstaaten hinter sich. B.B. King wurde zum Weltstar, zeigte sich mit seinen jungen und berühmten Bewunderern; Kritiker redeten von Ausverkauf, aber es war einfach ein Transformationsprozess, ein Geben und Nehmen. Von Eric Clapton bis U2 und R.E.M. reichte sein famoser Umgang. Er spielte in Gefängnissen und in den Spielhöllen von Las Vegas wie ein Johnny Cash (und machte das Schicksal schwarzer Häftlinge in den USA zu einem lebenslangen Anliegen). Er tourte durch China und die UdSSR wie ein Benny Goodman; er tourte überhaupt und ohne Ende, zwei-, dreihundert Konzerte pro Jahr heißt es. Bob Dylan wirkt dagegen wie eine Couch Potato.

Mit schöner Regelmäßigkeit erhielt er bis zu seinem Tod mit 89 Jahren am Donnerstag dieser Woche Grammys, Ehrendoktorwürden oder er durfte mit amerikanischen Präsidenten ein Liedchen singen oder spielen. Jetzt, nach seinem Tod, gilt es für uns alle innezuhalten und zu realisieren: Ob wir seine Musik nun mochten oder irgendwann nicht mehr so sehr, ob wir seinen recht derben Umgang mit Frauen oder seine bekannt herrische Art Dritten gegenüber entschuldigen können oder nicht, hier ist einer gestorben, der ragt noch aus einer fremd gewordenen Zeit in die unsrige herüber, einer Zeit, als noch Riesen, Drachen und Könige die Erde bevölkerten. Und mit ihm ist auch diese sagenhafte Welt vergangen. Dieses Mal tatsächlich. Der König ist tot. Und es wird keinen neuen mehr geben. Weil wir vielleicht auch keinen mehr brauchen.