Zum Tod von John Berger Das große Staunen

Kunstkritiker, Philosoph, politischer Denker, Künstler - und Marxist: John Berger.

(Foto: imago/Leemage)

John Berger war eine der eindrucksvollsten intellektuellen Gestalten Europas. Er hat uns die Kunst des Sehens gelehrt. Nun ist er im Alter von neunzig Jahren in Paris gestorben.

Gastbeitrag von Hans-Jürgen Balmes

Am Montagmorgen verstarb John Berger in Paris, friedlich und versöhnt, nicht mit der Welt, aber mit dem Leben. Schon seit einem Jahr zeigte er gern ein Bild, das ihn schlafend auf der Couch zeigt, sein Gesicht im Mittelpunkt. Und während er den jungen Maler lobte, wurde es uns schon etwas wehmütig ums Herz, so friedlich schlafend hatten wir ihn noch nie gesehen, ihn, der immer in Bewegung war und sich die Haare raufte. Jetzt wissen wir, schon da hat er wieder als Erster um die Ecke geblickt.

Mit John Berger starb eine große intellektuelle europäische Gestalt. Bewundert und verehrt von Susan Sontag, Arundhati Roy, Tilda Swinton - um nur wenige Frauen zu nennen, für die seine Fernsehsendung der späten Sechzigerjahre zu einem großen Augenöffner geworden war: "Ways of Seeing", nach der das Buch "Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt" entstand. Mithilfe von Walter Benjamin schrieb Berger über den durch die allgegenwärtige Werbewelt in den Taumel geratenen Blick auf die Bilder und über die Ausbeutung des weiblichen Körpers durch den männlichen Blick, vor allem für die Reklame.

Wenn Worte nicht mehr halfen, zeichnete er, um hinter das Geheimnis des Bildes zu kommen

Wieder hatte er als Erster um die Ecke geschaut. Lange bevor Walter Benjamin bei uns in Taschenbuchausgaben auf jedem Regal stand, hatte er durch Exilanten wie Max Raphael einen anderen Blick auf die Kunst gelernt. Im Kunstwerk will er den Augenblick in all seinen Bezügen zur Gegenwart, zur Vergangenheit und in all seiner sinnlichen Lebendigkeit erfassen und dies an den Betrachter weitergeben. Als jemand, der sein Wissen nie stolz vor sich hertrug, sondern es im Rucksack unsichtbar versteckte. So war es ihm nie im Weg, aber immer zur Hand. Kunstkritiker, Philosoph, politischer Denker und Künstler, all das war er, aber nie ein Akademiker. Nur das Zeichnen und Malen hatte er auf einer Akademie gelernt und sein Leben lang behalten. Wenn er mit den Worten nicht mehr weiterwusste, zeichnete er, um hinter das Geheimnis eines Bildes zu kommen, was ihn schon einmal in Konflikt mit der Aufsicht bringen konnte. In den letzten Jahren passierte es, dass man ihn in der National Gallery in London, wo er einen Engel von Antonello da Messina abzeichnete, aus dem Haus warf, weil er seine Tasche wegen ihres Gewichts abstellen musste - und nach den Vorschriften nicht durfte.

London war die erste Station seines Lebens gewesen, hier wuchs der am 5. November 1926 Geborene auf, lief mit 16 vom Internat davon, fand Gleichgesinnte und lernte in der Zeit des "Blitz" Zeichnen und Malen. Die National Gallery war wegen der Bedrohung durch deutsche Bomben leergeräumt, aber Myra Hess spielte in den leeren Sälen Bach, um an etwas anderes zu erinnern. "An etwas anderes zu erinnern" - das war einer seines Lebensantriebe: Denn der Augenblick eines jeden Kunstwerks sollte in größter sinnlicher Konkretheit und gedanklicher Dichte an etwas erinnern und zugleich auf etwas verweisen, das uns aus der Zukunft entgegenschaut. Ein Ansatz, den er selbst als marxistisch apostrophierte.