Mutmaßliches Georg-Büchner-Bildnis Errol Flynn für Germanisten

Ist es Georg Büchner oder nicht? Sollte die Zeichnung, die auf einem Gießener Dachboden entdeckt wurde, tatsächlich den deutschen Dichter zeigen, müsste sich die Nachwelt ein völlig neues Bild machen.

Von Volker Breidecker

Mit Pauken und Trompeten angekündigt wurde ein "Jahrhundertfund", eine - wie es in der Einladung zur Pressekonferenz hieß - "kulturhistorische Sensation im Jubiläumsjahr des 200. Geburtstages von Georg Büchner". Und sollte es sich bei dem Porträt des jungen Manns auf der Bleistiftzeichnung, die am Montag auf der Darmstädter Mathildenhöhe vorgestellt wurde, tatsächlich um Georg Büchner handeln, dann müsste sich die Nachwelt ein völlig neues Bild von diesem jung verstorbenen Dichter, Wissenschaftler und Revolutionär machen, den man sich gemeinhin als einen grimmig und deprimiert dreinschauenden Zeitgenossen vorstellt.

Der Mann aber auf diesem Porträt, das der emeritierte Germanist Günter Oesterle auf einem Gießener Dachboden entdeckt hat, trägt zwar dieselben Gesichtszüge und nimmt eine ähnliche Körperhaltung ein wie der Georg Büchner auf einem der wenigen bekannten Porträts von der Hand desselben Zeichners, der auch dieses Bild signiert und datiert (1833) hat, gleicht aber eher einem jungen und selbstbewussten Stutzer, der sich sehr überlegt in Szene setzt, vermutlich um seiner Liebsten zu gefallen oder eine Auserwählte zu bezirzen.

Denn von dem Notenblatt, das der beinahe etwas mädchenhaft wirkende Bursche in seiner zarten Hand hält, ließ sich die Cavatine aus einer wohlbekannten Oper des 19. Jahrhunderts identifizieren: Sie heißt "Zampa und die Marmorbraut", und ihre Titelfigur war ein Korsar, den man sich in ähnlicher Sommertracht und mit geöffneter Bluse wie den vermeintlichen Georg Bücher auf diesem Bild vorstellen muss: "Wenn ein Mädchen mir gefällt / Da hilft kein Widerstreben, / Die mein Herz sich hat erwählt, / Die muss sich mir ergeben".

Dennoch führen alle Indizien, die Oesterle zusammengetragen hat und mit denen er sich mit zwei weiteren Büchner-Forschern - Burghard Dedner und Roland Bogards - sowie mit dem Direktor der Mathildenhöhe und Kurator der kommenden Jubiläumsausstellung Ralf Beil einig weiß, zu Georg Büchner. Aber es sind alles nur Indizien und Mutmaßungen, Beweise und gesicherte Feststellungen gibt es keine.

Das etwa 30 mal 20 Zentimeter große Blatt befand sich mit anderen Zeichnungen, die zum Teil auf Büchners Darmstädter Umfeld verweisen, in einer Mappe. Vor allem das Verhältnis zu dem bekannten Pendant, auf dem der Porträtierte wirkt, als habe er einen Stock verschluckt, gibt mannigfache Rätsel auf, an denen sich selbst Kunsthistoriker die Zähne werden ausbeißen können.

Und ein gewichtiger Einwand entbehrt eben auch nicht der Plausibilität: Es könnte sich bei dem Porträt dieses sinnenden Piraten und durchgestylten Vorläufers eines Errol Flynn auch um Georg Büchners damals 17-jährigen, um drei Jahre jüngeren Bruder handeln. Warten wir also ab, was die Experten dazu zu sagen haben.