Musik Hit oder Flop

Als junge Band hat man es nicht leicht. Das wissen auch die Musiker von The Charles, hier beim Festival "Sound of Munich Now" im Feierwerk.

(Foto: Johannes Simon)

Kulturreferent Hans-Georg Küppers legt seinen Pop-Plan für München vor. In der Szene rumort es

Von Michael Zirnstein

Die Post-Punk-Rocker Friends of Gas durften München beim Reeperbahn-Festival vertreten. Dass München noch kein solch renommiertes Pop-Spektakel zu bieten hat, ist die eine Geschichte. Dass die Friends of Gas, eine der wenigen Münchner Bands, die von Pop-Freunden im ganzen Land wahrgenommen werden, sich in ihrer Stadt kaum einen Probenraum leisten können, ist das gravierendere Problem. Am 11. Mai müssen die Rocker in der Glockenbachwerkstatt zum Erhalt ihres Bandbiotops im Hochbunker in der Au ein Benefizkonzert spielen.

Die aus der so empfundenen Not im Oktober 2017 geborene Musiker-Initiative Stereokultur hat etliche solcher Einzelfälle zusammengetragen. Dies soll belegen, dass die Existenz vieler Pop-Künstler in München bedroht ist, wie deren Sprecher Peter Pfaff sagt, was vor allem an der "Privilegierung der sogenannten Hochkultur und großer Institutionen gegenüber der breiten Masse von Musikern, die die Szene in München ausmachen", liege. Gespannt warten er und die anderen 217 Mitglieder der Initiative auf die mehrmals im Kulturausschuss vertagte Antwort des Kulturreferenten Hans-Georg Küppers, SPD, auf einen Antrag der Stadtrats-CSU zu einem neuen "Gesamtkonzept Popularmusik in München". Die CSU zeigt sich besorgt darüber, dass das in München vorhandene, überregional anerkannte Potenzial an künstlerisch-musikalischem Talent in seiner Heimatstadt "immer wieder auf enge Grenzen der eigenen Entwicklungs- und Enfaltungsmöglichkeiten" stoße und dass schon "Musiker mit hoher Reputation" (man denkt da wohl an Moop Mama) abgewandert seien.

An diesem Donnerstag legt Küppers nun seinen Pop-Plan im Kulturausschuss vor. Küppers hebt darin die "sehr kontinuierliche" Lebendigkeit der Münchner Musikwelt und die "konstruktive Verbindungskraft aller Akteure" vor und verweist auf die "besondere Rolle" der Popmusik "im Spannungsfeld zwischen Jugendkultur, Subkultur und Kulturindustrie". "Vermeintlich grundlegende Defizite" in der Förderung erklärt Küppers damit, dass, die "aus verengter Perspektive" beschrieben seien. "Das Netz der Fördermaßnahmen und Unterstützungsoptionen" sei so groß und so sehr mit anderen Bereichen verwoben, dass es vielen gar nicht bewusst sei. Was dann auch Teil des Problem ist, wenn Musiker gar nicht wissen, wo sie welche Förderung erbitten können. Insofern ist die detaillierte Auflistung auf 22 Seiten durchaus hilfreich, was die Stadt bereits tut für die Popmusik, die hier als "aktuelle Musikströmungen aller Art" definiert wird. Das Kulturreferat kümmere sich in seinen Abteilungen "Musik" und "Urbane Kulturen" auch um Popmusik, dazu betreut das Jugendkulturwerk des Sozialreferats vor allem den rockenden Nachwuchs, das Kompetenzteam Kreativ-Wirtschaft jene Labels, Produzenten und Künstler, die von der Musik leben wollen, und die Fachstelle Pop alle, die "abseits des Mainstreams" auftreten möchten. Die Fachstelle Pop hat etwa 1500 Bands in München ermittelt - die Orte zum Üben (die Probenraumförderung wurde ausgeweitet), Ausbildung (etwa im städtisch geförderten Freien Musikzentrum), Gelegenheit zur Vernetzung (wie das "Klangfest" mit den bayerischen Labels im Gasteig) und Rampenlicht (etwa die bezuschussten Festivals im Theatron oder "Sound of Munich Now" im Feierwerk) suchten. Unverzichtbar sei die Fachstelle Pop als Anlauf- und Schnittstelle geworden. Dort fühlt man sich wertgeschätzt, sagt Klaus Martens, der eine der beiden 3/4-Stellen hat, allerdings hätte er gerne mehr finanzielle Unabhängigkeit: Er habe nur 10 000 Euro jährlich, um etwa Workshop-Leiter zu bezahlen. Zum Vergleich: Das Musicboard Berlin (sechs Stellen) kann mit einem Etat von 1,7 Millionen Euro selbständig diverse Projekte stemmen.

München muss nachbessern, das hat Küppers erkannt. Alle existierenden flexiblen Hilfsangebote zu stärken, auszubauen und auf aktuelle Impulse einzugehen, hält er für sinnvoller, als ein starres Pop-Gesamtkonzept zu erarbeiten. Er verspricht, im engen Kontakt mit den Musikern weiter Infrastruktur (mehr Probenräume) zu schaffen, gezielt Frauen im Pop zu fördern, ein "referatsübergreifendes Bewusstsein" für das Thema zu schaffen und über neue Auftrittsmöglichkeiten nachzudenken, etwa ein zweites Jugendzentrum nach Vorbild des Feierwerks und die von privaten Konzertveranstaltern lange geforderte Halle für 2000 bis 7000 Besucher.

Die Antragssteller sind mit der Arbeit des Koalitionspartners "sehr zufrieden", wie CSU-Kultursprecher Richard Quaas sagt. Er fordert noch, "mehr Geld in die Hand zu nehmen, wenn die Planungen konkreter werden". Florian Roth von den Grünen findet, "dass das Thema grundsätzlich positiv behandelt wird", zumal auch die Anträge seiner Partei und der Rosa Liste nach Lehrpfäden zur Rock- und Pop-Geschichte und zum Wirken Freddie Mercurys in München angenommen wurden. Roth mahnt an, die "Verschieberitis" zu beenden und häufiger als im Dreijahresrhythmus über die Fortschritte informiert zu werden.

Und die Betroffenen? Peter Pfaff von Stereokultur ist stinksauer. Außer netten Ansätzen sei das nicht der dringend nötige große Pop-Wurf. Zwar sei Stereokultur einer der von der Fachstelle Pop als "relevant" eingestuften Akteure, die an runden Tischen Lösungen zu Problemen wie der Lärmempfindlichkeit der Anwohner, dem Live-Club-Sterben und den hohen Gema-Gebühren aufzeigen sollen. Das ist ihm aber nicht demokratisch genug: Pfaff fordert extern moderierte "Open Spaces", an denen sich wirklich alle, die wollen, einbringen können. Stereokultur ruft Münchens Musiker zum Besuch der öffentlichen Ausschusssitzung auf: "Wenn die Vorlage so durchgewunken wird, gibt es Ärger: Dann bleiben nur Protest, Demos, Streik."