Musica Viva Der Tod als Freund

Die Uraufführung von Wolfgang Rihms "Requiem-Strophen" dirigiert von Mariss Jansons und Teodor Currentzis mit dem Music-Aeterna-Chor in München.

Von Reinhard J. Brembeck

Alles klingt verhalten, schlicht und dunkel. So führt der Komponist Wolfgang Rihm seine Hörer im Münchner Herkulessaal an die Geheimnisse des Todes heran. Um ganz am Ende seiner achtzigminütigen "Requiem-Strophen" den Tod als Freund zu begrüßen. Der Text dieses Epilogs, grandios vom BR-Chor gesungen, stammt von dem Exilschriftsteller und Kritiker Hans Sahl: "Ich gehe langsam aus der Zeit heraus in eine Zukunft jenseits aller Sterne."

Für viele Zuhörer wirkt dieses Einverständnis mit dem Tod umso stärker, als sie aus dem Programmheft wissen, dass Rihm wegen einer Krankheit nicht anwesend sein kann. Dieses Einverständnis aber verbindet Rihms Stück mit zwei der großen Requiem-Vertonungen schlechthin. Auch Wolfgang Amadé Mozart und Giuseppe Verdi, das hat der Musikforscher Alfred Einstein als ihr Alleinstellungsmerkmal beschrieben, begrüßen den Tod als Freund.

In den Siebzigerjahren war Wolfgang Rihm als Expressionist und Berserker in die Avantgarde auf- und eingebrochen. Es war eine Befreiung, ganz Zukunft. Spätestens aber mit seiner 2010 aufgeführten Oper "Dionysos" hat sich Rihm der großen romantischen Musiktradition verschrieben. Er hat die früheren Wildheiten verbannt, dafür ist die handwerkliche Meisterschaft stupend.

Die jetzt in München uraufgeführten "Requiem-Strophen" sind eine Verbeugung vor Richard Strauss, Claude Debussy, Gustav Mahler. Diese Musik hat nicht mehr die Zukunft im Sinn, sie blickt sehnsüchtig und mild zurück auf die emotionale Unmittelbarkeit der Spätromantik. Unschwer sind als weitere Vorbilder das genauso ruhige und versöhnliche Brahms-Requiem, aber auch dasjenige von Benjamin Britten auszumachen.

In vier Teilen bündelt Wolfgang Rihm vierzehn Einzelstücke, die auf den lateinisch gesungenen Text der Totenmesse zurückgreifen, auf Requiem und Kyrie, Lacrimosa und Agnus Dei. Dazu stellt er Gedichte von Rainer Maria Rilke, Johannes Bobrowski, Michelangelo und Sahl sowie Alttestamentarisches. Alles atmet Tod, Aufgabe, Jenseits. Am überzeugendsten gelingt neben dem Epilog der zweite Teil, der drei schlicht vertonte, von Hanno Müller-Brachmann mit Inbrunst gesungene Michelangelo-Sonette mit Psalm 129 kombiniert: "Aus der Tiefe schrei ich zu Dir, Herr." Der Chorsatz ist wie bei Mozart kompakt und dunkel. Hier macht ein Künstler, der der Kunst entsagt hat, seinen Frieden mit der Welt.

Mit dem Rihm-Requiem dirigierte Mariss Jansons erstmals ein Konzert der legendären, auf Neues fixierten Münchner Konzertreihe "musica viva". Wie gewohnt nüchtern und aufmerksam näherte er sich mit seinem BR-Symphonieorchester den Noten, zeigte aber, wie auch die Solistinnen Mojca Erdmann und Anna Prohaska, eine leichte Irritation angesichts einer Partitur, die auf Brillanz und Überwältigung ganz verzichtet.

Diese Irritation wurde dadurch verstärkt, dass dieses Musica-viva-Wochenende mit einem zweiten, völlig anders gearteten Konzert im Prinzregententheater überraschte. Da standen Werke der bereits gestorbenen Komponisten Luciano Berio, György Ligeti und Claude Vivier auf dem Programm, deren vor 50 bis 30 Jahren uraufgeführte Kompositionen jedoch frischer und zukunftsweisender klangen als der brandneue Rihm.

Den Music-Aeterna-Chor lernte München als das derzeit beste Gesangsensemble der Welt kennen. Teodor Currentzis, der Shootingstar unter den Dirigenten, hat es zusammen mit Vitaly Polonsky vor sechs Jahren gegründet. Seinen 40 Musikern ist Singen die natürlichste Lebensäußerung. Ganz unüblich zu sonstigen Aufstellungen sitzt hier jeder der Sänger neben einem Musiker des Mahler Chamber Orchestra. Noch ungewöhnlicher ist, dass sie Luciano Berios selten aufgeführten einstündigen "Coro" nicht nur zu einem grandiosen Erlebnis machen, sondern dieses unterschätzte Stück als eines der Meisterwerke der letzten 50 Jahre beweisen. Currentzis gibt mit nie nachlassender Spannung und Energie den Vortänzer für "Coro". Ohne Taktstock formt er vor, was Sänger und Instrumentalisten individuell in Klang übersetzen. Solch ein partnerschaftliches Musizieren hat noch immer Seltenheitswert.

Currentzis entdeckt bisher übersehene Bezüge zu Igor Strawinskys Jahrhundertwerk "Le Sacre du Printemps". Dessen rhythmische Vitalität und sein Freiheitsdrang grundieren Berios Konglomerat aus Volksliedtexten und Versen von Pablo Neruda. Dazu hat Berio einunddreißig Nummern in sämtlichen Stilen komponiert, vom schlichten Volksliedsolo über herbe Heterophonie bis zum Chor-Orchester-Tutti. Dennoch ergibt sich eine schlüssige Einheit: Weil Berio die Dialektik aus Tradition und Fortschritt, Folklore und Avantgarde, Hoffnung und Trostlosigkeit thematisiert und dabei die widerstrebenden Elemente in der Balance hält. Die Aufführung etabliert nicht nur ein Meisterstück. Sie räumt auch jeden Zweifel über den Rang des Dirigenten Currentzis aus, dem immer wieder unterstellt wird, dass er nicht mehr als ein raffinierter Karrierist sei.

Die davor gebotenen Werke sind ganz anders, weil sehr zart. Claude Viviers "Lonely Child" prägt eine esoterische Form der Minimal Music aus. In jedem anderen Konzert wäre das ein Highlight gewesen, auch wegen der Gesangssolistin Sophia Burgos, die die faszinierendsten Klangmischungen zwischen instrumental und vokal hinzaubert.

Da ist dann noch das kurze Chorstück "Lux aeterna" von György Ligeti, das an der Grenze zur Unhörbarkeit angesiedelt ist, weshalb die hochkomplexe Kompositionstechnik den Hörer nie belastet. Der Text entstammt der Totenmesse. Obwohl dieses "Lux aeterna" fünfzig Jahre vor Rihms Requiem entstanden ist, in dem dieser Text fehlt, wirkt es nicht nur heutiger, sondern vor allem tröstlicher als das Werk des Jüngeren, der sich so rückhalt- wie hoffnungslos der Umarmung durch den Tod hingibt.