Mohammed Haschem "Ihr macht uns keine Angst"

Der Verleger Mohammed Haschem lässt sich vom repressiven Ägypten nicht einschüchtern. Dabei hatte er eigentlich schon die Schnauze voll.

Von Sonja Zekri

Vor zwei Jahren hatte Mohammed Haschem schon einmal die Schnauze voll. Er wolle Ägypten verlassen, hatte er verkündet, Schluss, aus, das war's, "politischer Terrorismus" überall, nie werde er sich die Wahl zwischen Militärherrschaft und Islamistenherrschaft aufzwingen lassen, ihm breche das Herz, aber es müsse sein.

Eilig versammelten sich seine Freunde im unschlagbar wohnlich verfallenen Merit-Verlag: Ägypten ohne Haschem, ohne den Verleger, der so vielen unentdeckten, ungewollten Autoren eine Stimme gegeben hatte, der als Erster Alaa al-Aswanis späteren Bestseller "Der Jakubijan-Bau" gedruckt hatte (bis heute die schlüssigste, süffigste Analyse der späten Mubarak-Jahre), ohne Haschem, dessen Verlag während der Revolution auf dem Tahrir-Platz um die Ecke und während aller Proteste danach Kantine und Herberge der Aufständischen gewesen war, Ägypten ohne Haschem? Undenkbar.

Wenig Sicherheit - keine Freiheit

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Natürlich ging er nicht. Er hatte den Hermann-Kesten-Preis des deutschen Pen-Clubs bekommen, ganz sicher wäre er ein Fall für politisches Asyl gewesen. Aber Freiheit ist für Haschem eine Sache der Haltung. "Niemand kann mich verfolgen", sagte er damals, "ich bin frei."

Ohne Lizenz gearbeitet? Unregistrierte Bücher verlegt?

Rein physisch ist dieser Anspruch derzeit noch schwerer zu halten als damals. Gerade haben die ägyptischen Behörden - Haschem vermutet: die Zensurbehörde - eine Razzia bei Merit durchgeführt, ein Verstärker, ein Mikrofon und manch anderes wurden beschlagnahmt, ein Mitarbeiter wurde festgenommen. Nur Stunden zuvor war die Town-house Gallery, eine weitere Oase freier Kunst in der Kairoer Innenstadt, durchsucht und geschlossen worden. Haschems Merit-Verlag habe ohne Lizenz gearbeitet und unregistrierte - lies: unzensierte - Bücher verlegt, beschrieb der Verlagsanwalt die Vorwürfe, was womöglich nicht mal falsch ist.

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Nur findet sich bei Ländern mit geringer Rechtssicherheit wie Ägypten immer ein Papierchen, das fehlt, eine Vorschrift, die nicht beachtet wurde, ja, Gesetze sind oft so widersprüchlich, als seien sie eigens für diesen Fall gemacht.

Ausschlaggebend für die aktuelle Durchsuchung könnte deshalb sein, dass Haschem am Montag das Buch "Wodka" von Scharaf Abdel Schafi vorgestellt hatte, in dem es um Klüngeleien in den ägyptischen Medien ging. Oder dass er eine Solidaritätsveranstaltung für Aschraf Fajjad geplant hatte, einen saudischen Dichter, dem wegen Apostasie die Todesstrafe droht. Demnächst ist außerdem der fünfte Jahrestag des Aufstands gegen Mubarak, ein sensibles Datum, immer noch.

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Was also tut Haschem, dieses Männchen mit Haarschwund und Reibeisenstimme? Reißt das Maul auf. "Wenn sie uns einschüchtern werden, weil wir Lärm machen, werden wir weiterhin Lärm machen", verkündete er auf Facebook: "Wir werden nie den Traum von einem Land aufgeben, in dem es Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit gibt. Und ihr macht uns keine Angst."