Modefotografie Die Wirklichkeit ohne Photoshop

Fotografieren entfernt sich immer weiter von der Realität. Sogar Selfies werden nachbearbeitet. Wie weit darf die Inszenierung gehen? Peter Lindbergh hat eine klare Position.

Von Dennis Braatz

Zwei Tage lang wurde die Ausstellung "From Fashion to Reality" über Peter Lindberghs Arbeiten mit jeder Menge Reden, Pressekonferenzen, großen Interviews und kleinen Meet and Greets eröffnet. Zwei Tage lang haben ihre Besucher die sozialen Medien mit den besten Zitaten des Modefotografen gepflastert: "Mich interessieren Frauen, die sich nicht durch die Kreditkarte ihres Mannes definieren." Oder: "Nur wer die Courage hat, sich so zu zeigen, wie er wirklich ist, ist schön." Und natürlich: "Photoshop hat unser Bild von Schönheit versaut."

Die Software, mit der man Taillen schlanker, Brüste größer, Beine länger machen und jede Hautunreinheit ganz einfach wegklicken kann, hat die Modewelt revolutioniert, ihre Bildsprache und unser Schönheitsideal. Inzwischen werden ja nicht mehr nur die Frauen und Männer in den Modemagazinen retuschiert. Jeder kann jetzt sein ganz persönliches Selfie mit Apps auf dem eigenen Smartphone bearbeiten. Lippen röter, Nase kleiner, Haare voller - einmal wischen reicht schon. Fake ist normal geworden.

Die Bildsprache war Ende der Achtzigerjahre völlig neu. Doch sie kam genau zur richtigen Zeit

Lindberghs Worte machten da vielen Anwesenden wieder Mut, ein bisschen mehr an der Realität festzuhalten. Sein Werk sowieso.

Wie der Titel der Ausstellung schon deutlich macht, gilt Lindbergh in der Mode gern als Pionier der Realität. 1988 druckte Anna Wintour, die Chefin der amerikanischen Vogue, eine Fotoproduktion von ihm. Sechs schöne Mädchen am Strand von Malibu, die einfach übergroße, weiße Hemden trugen. Kein Glamour, sondern Natürlichkeit. Weniger Mode, mehr Kleidung. Intim, und genau deshalb so kraftvoll. Das Foto legte den Grundstein für die Supermodels der Neunzigerjahre. Der offizielle Startschuss für die Supermodel-Zeit fiel dann zwei Jahre später, mit dem Cover für die britische Vogue: Naomi, Linda, Tatjana, Christy und Cindy, alle auf einem einzigen Foto.

Die Bildsprache (meist schwarz-weiß) war so unerhört und genau deshalb erfolgreich, weil zuvor noch glitzernder Lurex, dicke Schulterpolster, Goldketten und jede Menge Make-up regierten. In den Achtzigerjahren tat man alles, um seinen Körper mit Schmuck und Inszenierung zu einem Statussymbol zu erheben. Am Ende der Dekade waren die Stil-Eliten dessen müde. Lindberghs runtergedampfter Look war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Nun ist es nicht so, dass sich die Mode davor noch nie um eine möglichst realistische Darbietung bemüht hätte. Sie hat die Realität schon immer aufgegriffen. Eigentlich kann sie gar nicht anders.

Denn was auf dem Laufsteg landet, ist auch eine Reaktion des Designers auf das, was um ihn herum passiert. Er reagiert auf die Bedürfnisse von Menschen; siehe aktuell die vielen Turnschuhe, weil wir immer mobiler leben. Er reagiert manchmal auch auf das Weltgeschehen, siehe die vielen Feminismus-Zitate auf der vergangenen Mailänder Modewoche. Er kann die Welt da draußen natürlich auch ausblenden. Vor allem in Krisenzeiten kommt das vor, wenn sich Menschen gern in Traumwelten flüchten, siehe ebenso aktuell die vielen Prinzessinnenkleider. Aber auch das ist letztlich ja eine Reaktion auf die Realität.

Der Modefotograf potenziert die Arbeit des Designers im besten Fall, weil er sein Produkt für das breite Publikum in Magazinen inszeniert. Mit Hilfe der Redakteure und selbstverständlich unter Rücksicht seiner eigenen Haltung zu den Dingen erarbeitet er das Substrat einer Kollektion, eines Trends oder eines Phänomens.

Weshalb es sich auch nicht ausschließt, dass sich Lindbergh weniger für die Mode und mehr für den Menschen vor seiner Kamera interessiert. Zu Beginn der Neunzigerjahre gab es in vielen Kultur- und Gesellschaftsbereichen eine Hinwendung zum Persönlichen. "Ein gutes Modefoto verrät über das, was in der Welt passiert, genau so viel wie eine Headline in der New York Times", sagte Vogue-Chefin Anna Wintour einmal.

Wie ungefiltert so ein Modefoto mitunter sein kann, bewies Cecil Beaton aber bereits 1941. Mitten im Krieg fotografierte er für die britische Vogue eine Strecke mit dem Titel "Mode ist unzerstörbar". Zu sehen waren Models in eleganten Kostümen, die mitten in den Trümmern des gerade bombardierten London posierten. Der Verriss kam mit der Veröffentlichung. So ein Luxusmagazin wie die Vogue dürfe nur die schönen Dinge des Lebens abbilden! Stimmt natürlich nicht, aber bis das den Kritikern mal klar wurde, hat es gedauert. Zuletzt haben in den Achtziger- und Neunzigerjahren Fotografen wie Oliviero Toscani (blutverschmierte Uniform eines Soldaten für Benetton-Kampagne) und Steven Meisel (Modestrecke über Gewalt gegen Frauen oder den Schönheitswahn) das Establishment erschüttert. Übrigens ging Meisel, wie auch Lindbergh, 1988 eine Zusammenarbeit mit Vogue ein, allerdings mit der italienischen Ausgabe.

Darüber hinaus hat Lindberghs Arbeit aber natürlich einen ganz anderen Anspruch. Von sozialkritischen Aussagen hielten sich seine Fotos stets fern. Stattdessen erzählen sie etwas über die Menschen hinter der Fassade. Gut zu beobachten an einem Foto der jungen Kate Moss. 1994, nur wenige Jahre nach ihrem Durchbruch, hat Lindbergh sie in einer Latzhose fotografiert. Der linke Träger hängt lose über der Schulter und gibt den Blick aufs Schlüsselbein frei. Ihr Blick: unschuldig, und dennoch verrät er, dass sie schon sehr genau weiß, wer sie ist.

Die Abbildung der völlig ungeschönten Realität haben immer andere übernommen. Nach Lindbergh vor allem Juergen Teller, der noch weniger inszeniert, sehr viel dokumentarischer arbeitet und mit Nacktfotos von Kristen McMenamy die körperlichen Strapazen eines Models thematisierte.

Pure Realität, das ist ein Kennzeichen von Jürgen Teller

Lindbergh würde nie jemanden bloßstellen. Er urteilt nicht. Er fotografiert seine Models stets respektvoll. Manchmal mit einer fast schockierenden Direktheit, aber immer auf eine schöne Art und Weise. Ganz ohne digitalen Filter, sondern nur mit analogem Blick. Und genau das macht die Ausstellung in einer Zeit, in der alle ihre Selfies mit einem Wisch auf dem eigenen Smartphone bearbeiten können, so wertvoll.