Meldung Weniger Leser in Italien

"Sechs von zehn Italienern lesen pro Jahr nicht einmal ein Buch", hieß es zu Neujahr in einem Tweet des Sängers Enrico Ruggeri. Statistiken scheinen ihm recht zu geben, aber kann man diesen trauen? Und steht es in Deutschland besser?

Von Thomas Steinfeld

Es war kurz vor Neujahr, als Enrico Ruggeri, einst ein berühmter Punk und heute ein nicht nur in Italien sehr bekannter "cantautore" ("Singer-Songwriter"), eine Twitter-Botschaft in die Welt schickte: "Sechs von zehn Italienern lesen pro Jahr nicht einmal ein Buch", heißt es darin, "das ist die Erklärung für alle Probleme, die wir haben, für all das menschliche Elend, das uns umgibt, die Verflachung aller Verhältnisse, die äußere und innere Verwahrlosung." Es dauerte nicht lange, bis mehrere Tausend Italiener auf das kleine Herz drückten und damit ihre Zustimmung bekundeten: Ja, fanden sie, genauso ist es. Denn die meisten von ihnen werden, wie Enrico Ruggeri, bestürzt gewesen sein, als das "Istat", die italienische Entsprechung zum Statistischen Bundesamt, die jüngsten Zahlen zum Leserverhalten veröffentlichte: Seit 2010 nimmt die Zahl der Bücherleser kontinuierlich ab, um etwa ein Prozent pro Jahr, um 2017 bei 40,5 Prozent der Bevölkerung angekommen zu sein (zum Vergleich: In Deutschland sollen gut 60 Prozent der Menschen mindestens ein Buch pro Jahr lesen, aber die Statistiken erscheinen als wenig zuverlässig). Dabei gibt es, wie überall, in Italien einen deutlichen Unterschied zwischen Frauen, unter denen noch knapp die Hälfte ein Buch pro Jahr liest, und Männern, bei denen es gerade ein Drittel schaffen. Im Süden wird deutlich weniger gelesen (27,5 Prozent) als im Norden (48,7 Prozent). Über einige Zahlen in der Statistik gerät man jedoch ins Grübeln. Denn die Zahlen für 2017 entsprechen etwa denen des Jahres 2001: Im Jahr 2010, also kurze Zeit, nachdem die Finanzkrise in Italien ihre volle Wucht auf dem Arbeitsmarkt entfaltet hatte, wurde also besonders viel gelesen. Und noch ein Rätsel: Es werden immer mehr Bücher veröffentlicht. Im vergangenen Jahr erschienen in Italien fast vier Prozent mehr Titel als im Jahr zuvor, wobei die Auflagenhöhen jedoch allgemein zurückgehen. Die Lage ist also weitaus komplizierter, als Enrico Reggeri meint, wobei die Unübersichtlichkeit durch den Umstand, dass nicht alle Bücher gute Bücher sind, noch gesteigert werden dürfte - ganz abgesehen davon, dass nicht alle guten Menschen Leser sind. Und umgekehrt.