Martin Mosebach Der Spion des Papstes

Eine Machtergreifung von Thron und Altar ist bis auf weiteres nicht zu befürchten. Im Gegenteil. In keiner westlichen Gesellschaft scheint es gegenwärtig überhaupt Menschen zu geben, die willens und in der Lage wären, ausgearbeitete, in sich konsequente Konzepte einer bestimmten Ideologie durchzuhalten oder gar zu realisieren. Nur das vage Bedürfnis nach solchen Konzepten ist noch da, bei konservativen Schriftstellern ebenso wie bei den Publizisten, die mit ihnen eine Debatte veranstalten wollen.

Die kleinen, fahrigen, nur kurze Zeit vor sich hin flackernden Diskussionen, die sich statt dessen bestenfalls einstellen, sind nur die fahlen Wiedergänger der wirklichen und tatsächlich wirksamen intellektuellen Debatten, die bei den französischen "philosophes" im achtzehnten Jahrhundert begannen und einst die Spaltung der Gesellschaft in "rechts" und "links" zur Folge hatten. Dieses Schisma ist längst beendet. Und selbst den Parteien fällt es immer schwerer, die alte Unterscheidung zwischen "konservativ" und "liberal" auch nur zum Schein noch aufrechtzuerhalten.

Weit entfernt

In den Reden St. Justs, erklärte Martin Mosebach in seiner Darmstädter Dankesrede, habe sich der gewalttätige Totalitarismus des zwanzigsten Jahrhunderts angekündigt. Der Massenmord aus wohlerwogenen politischen Gründen sei eine Idee der Aufklärung gewesen, der Nationalsozialismus ihre Fortsetzung. Martin Mosebach ist dabei weit davon entfernt, der erste zu sein, der auf den Einfall kam, die Idee des gedankengeleiteten Mordens sei eine Errungenschaft der französischen Revolution - und ihrer Gegner.

Schon in "Dantons Tod" selber ist die Vorstellung, Rhetorik könne tödlich sein, stets gegenwärtig. Aber wozu soll es gut sein, solche Korrekturen an dieser Rede anzubringen, und wem hilft es, dem Redner vorzuwerfen, er habe sich in diesem oder jenem philologischen Detail geirrt und sei daher in seiner Kritik an der Moderne - die er nicht geübt hatte - gar nicht ernstzunehmen? Er hat sich ein Bild von der Revolution gemacht, eine Vorstellung von Georg Büchner, und all diese Bilder und Vorstellungen entspringen weniger der Geschichte als seinem Verhältnis zu seiner Gegenwart. Und wenn ihm dieses einen freundlichen Umgang mit dem Ideal des Königs nahelegt, dann braut sich darin noch lange keine Gegenrevolution zusammen.

Von den alten Diskussionen zwischen Aufklärern und Romantikern ist etwas übriggeblieben: das Bedürfnis, am Gegner, der nicht mehr an seinem Stand und seiner Konfession zu erkennen ist, Zeichen einer Ideologie abzulesen. Aus Wörtern, Gesten, Assoziationen soll sich, um einer verlorenen Übersichtlichkeit willen, eine Identität bilden, die ihn als Mitglied einer umfassend gedachten Gruppe von Jakobinern oder Papisten, Revolutionären oder Reaktionären kenntlich werden lassen.

Und plötzlich sieht Martin Mosebach aus, als wäre er eine Figur aus einem Roman von Dan Brown, ein jesuitischer Geheimagent, ein Büttel aus Castel Gandolfo, der verspätete Spion einer vor hundert Jahren untergegangenen Hocharistokratie. Darüber könnte man lachen, wenn in der Verwechslung von ideologischen Phantasien mit geistigen Mächten nicht auch etwas Ernstes steckte: Denn in der Leichtigkeit, mit der sich hier mehr oder weniger wilde Assoziationen zu einer Verschwörungstheorie fügen, verbirgt sich auch der Verzicht auf alle gedankliche Konsequenz. Und dieser Verzicht scheint zur Gewohnheit zu werden.