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Martin Mosebach:Der Spion des Papstes

Ist das die Wende in Kultur und Politik, wenn ein "rückständiger Zeitgenosse" wie Martin Mosebach den Büchnerpreis gewinnt? Leitet er das neue Denken ein, auf das die neue Bürgerlichkeit schon lange wartet? Von der Sehnsucht nach Debatte.

Thomas Steinfeld

Der Schriftsteller Martin Mosebach ist ein höflicher, gebildeter und oft heiterer Mann. Er schreibt kluge, gebildete und sehr lesbare Romane, die von gescheiterten Jurastudenten handeln, vom Untergang des Frankfurter Westends, oder von Architekten, die vor ihren treulosen Frauen nach Indien flüchten, um dort in nicht angenehmere Schwierigkeiten zu geraten.

Das tut er in einer Sprache, die an den großen Schriftstellern des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts geschult ist. Nebenher schreibt er Essays, in denen er den alten Ritus der katholischen Messe verteidigt oder ein Italien als gegenwärtiges Land beschwört, das wohl so immer nur in der Phantasie von Nordeuropäern existiert hat. In diesem Herbst hat er, was mehr als nur in Ordnung ist, für solches Schaffen den Büchner-Preis bekommen, die wichtigste Auszeichnung, die es in Deutschland für einen Dichter zu bekommen gibt.

Damit könnte es sein Bewenden haben, wenn da nicht seit Wochen - nein: keine Debatte, sondern etwas viel Kleineres und Vorläufigeres, nämlich ein diffuses Bedürfnis nach Debatte durch Zeitungen und Zeitschriften zöge, die ihn zum Protagonisten einer reaktionären Wende in der Kultur erheben möchte. Den Anfang hatte die Literaturkritikerin Sigrid Löffler gemacht, als sie in einer Polemik in ihrer Zeitschrift Literaturen den Schriftsteller zum "rückständigen Zeitgenossen" und Propagandisten einer neuen Reaktion erklärte.

Mehr Stoff fand sich, als Martin Mosebach in seiner Dankesrede für den Büchner-Preis eine Parallele zwischen der Rhetorik des St. Just in "Dantons Tod" und der Rhetorik Heinrich Himmlers zog - nicht an prominenter Stelle, denn die Rede handelte tatsächlich von Georg Büchner, sondern eher "aus Anlass von". Aber nun grummelt das Gerücht vor sich hin, in Martin Mosebach kündige sich eine Wende in die Vergangenheit an - ästhetisch wie politisch.

Überdruss an der Moderne

Wieso eigentlich? Wo wäre die erkennbare Gruppe, die dieses wollte, wo eine Partei, die an diesem Vorhaben arbeitete, wo fände man ein Programm, das sich die Rückkehr zum Schönen, Guten, Wahren auf die Fahnen geschrieben hätte? Nichts. Nicht die Spur einer solchen Bewegung, weit und breit.

Da ist nur ein Schriftsteller, der zuweilen von Fürsten und Priestern spricht, wie es früher einmal Novalis von der Christenheit oder Eduard von Keyserling von baltischen Baronen getan hatte. Und alle drei werden gewusst haben - beziehungsweise immer noch wissen -, dass solche Gedanken nicht um der Vergangenheit willen gedacht werden und auch nicht, um der Vergangenheit eine Zukunft zu geben, dass sie sich vielmehr mit ihrem Dasein als konservative Phantasie erschöpfen.

Der Ultramontanismus, die politische Bewegung des Katholizismus im späten neunzehnten Jahrhundert, war parteilich, war sozial verankert und organisiert. Aber mit Schriftstellern, und schon gar nur mit einem solchen, sind dermaßen gravierende Veränderungen im kulturellen Bewusstsein einer ganzen Gesellschaft nicht zustande zu bringen.

Und so ist Martin Mosebach auch nur der jüngste Inhaber einer Rolle, die vor ihm schon vielen zugewiesen worden war, ohne dass sie deshalb auch nur einer tatsächlich gespielt hätte. Zuletzt war sie vor fünfzehn Jahren Botho Strauß zugefallen, und vertretungshalber sollte sie zwischendurch von Dichtern und Gelehrten wahrgenommen werden, die sich für Ernst Jünger, Gottfried Benn oder Stefan George interessierten. Keiner von ihnen hat je eine tatsächliche Veränderung zustande gebracht.

Das müsse auch nicht sein, argumentieren nun die Anhänger der Debatte, denn eine Gestalt wie Martin Mosebach sei nur Ausdruck eines allgemeinen Überdrusses an der Moderne, die sich ansonsten auch durch die zunehmende Ablehnung des Flachdachs in der Architektur, die Wiederkehr des Einstecktuchs oder das medienwirksame Verlangen nach mehr Familie und echten Müttern zu erkennen gebe. Aber auch dieser Einwand trägt nicht: Wo wären denn die Lager, zwischen denen die entsprechenden Auseinandersetzungen zu führen wären, die kontroversen Überzeugungen, die echten, ernsthaft geführte Konflikte?

Der Spion des Papstes

Eine Machtergreifung von Thron und Altar ist bis auf weiteres nicht zu befürchten. Im Gegenteil. In keiner westlichen Gesellschaft scheint es gegenwärtig überhaupt Menschen zu geben, die willens und in der Lage wären, ausgearbeitete, in sich konsequente Konzepte einer bestimmten Ideologie durchzuhalten oder gar zu realisieren. Nur das vage Bedürfnis nach solchen Konzepten ist noch da, bei konservativen Schriftstellern ebenso wie bei den Publizisten, die mit ihnen eine Debatte veranstalten wollen.

Die kleinen, fahrigen, nur kurze Zeit vor sich hin flackernden Diskussionen, die sich statt dessen bestenfalls einstellen, sind nur die fahlen Wiedergänger der wirklichen und tatsächlich wirksamen intellektuellen Debatten, die bei den französischen "philosophes" im achtzehnten Jahrhundert begannen und einst die Spaltung der Gesellschaft in "rechts" und "links" zur Folge hatten. Dieses Schisma ist längst beendet. Und selbst den Parteien fällt es immer schwerer, die alte Unterscheidung zwischen "konservativ" und "liberal" auch nur zum Schein noch aufrechtzuerhalten.

Weit entfernt

In den Reden St. Justs, erklärte Martin Mosebach in seiner Darmstädter Dankesrede, habe sich der gewalttätige Totalitarismus des zwanzigsten Jahrhunderts angekündigt. Der Massenmord aus wohlerwogenen politischen Gründen sei eine Idee der Aufklärung gewesen, der Nationalsozialismus ihre Fortsetzung. Martin Mosebach ist dabei weit davon entfernt, der erste zu sein, der auf den Einfall kam, die Idee des gedankengeleiteten Mordens sei eine Errungenschaft der französischen Revolution - und ihrer Gegner.

Schon in "Dantons Tod" selber ist die Vorstellung, Rhetorik könne tödlich sein, stets gegenwärtig. Aber wozu soll es gut sein, solche Korrekturen an dieser Rede anzubringen, und wem hilft es, dem Redner vorzuwerfen, er habe sich in diesem oder jenem philologischen Detail geirrt und sei daher in seiner Kritik an der Moderne - die er nicht geübt hatte - gar nicht ernstzunehmen? Er hat sich ein Bild von der Revolution gemacht, eine Vorstellung von Georg Büchner, und all diese Bilder und Vorstellungen entspringen weniger der Geschichte als seinem Verhältnis zu seiner Gegenwart. Und wenn ihm dieses einen freundlichen Umgang mit dem Ideal des Königs nahelegt, dann braut sich darin noch lange keine Gegenrevolution zusammen.

Von den alten Diskussionen zwischen Aufklärern und Romantikern ist etwas übriggeblieben: das Bedürfnis, am Gegner, der nicht mehr an seinem Stand und seiner Konfession zu erkennen ist, Zeichen einer Ideologie abzulesen. Aus Wörtern, Gesten, Assoziationen soll sich, um einer verlorenen Übersichtlichkeit willen, eine Identität bilden, die ihn als Mitglied einer umfassend gedachten Gruppe von Jakobinern oder Papisten, Revolutionären oder Reaktionären kenntlich werden lassen.

Und plötzlich sieht Martin Mosebach aus, als wäre er eine Figur aus einem Roman von Dan Brown, ein jesuitischer Geheimagent, ein Büttel aus Castel Gandolfo, der verspätete Spion einer vor hundert Jahren untergegangenen Hocharistokratie. Darüber könnte man lachen, wenn in der Verwechslung von ideologischen Phantasien mit geistigen Mächten nicht auch etwas Ernstes steckte: Denn in der Leichtigkeit, mit der sich hier mehr oder weniger wilde Assoziationen zu einer Verschwörungstheorie fügen, verbirgt sich auch der Verzicht auf alle gedankliche Konsequenz. Und dieser Verzicht scheint zur Gewohnheit zu werden.

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Quelle:
SZ vom 8.11.2007
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