Malcolm Young ist tot Der Schöpfer der großen Bestie

AC/DC-Gründer Malcolm Young: "Geht einfach raus und macht Musik, Jungs, noch einmal, nur für mich."

(Foto: imago stock&people)

Malcolm Young hat den Sound von AC/DC erschaffen - und damit ein Gebilde, in dem er sich dankbar auflöste. Zum Tod eines unterschätzten Genies.

Von Jakob Biazza

Jetzt ist er also tatsächlich ganz weg. Tot. In einer noch etwas zynischeren Welt könnte man sagen: Vollzugsmeldung. Er war ja schon länger fort. Die letzte Welt-Tournee spielten AC/DC schon ohne Malcolm Young, ohne ihren Rhythmus-Gitarristen, ohne ihr Gründungsmitglied, ach was, ohne den Typen, der den ganzen Sound, diesen so gottverdammt unverkennbaren, bis aufs Knochengerüst runtersezierten Ur-Typus von Rock, ja überhaupt erst erfunden hat. Einfach weg. Nein, schlimmer noch: einfach ersetzt.

Ein Irrwitz eigentlich - zumal in diesem Setting. Große Stadienrunde damals. Klar, einmal noch die ganze archaische Breitbein-Rock-Nummer. Einmal noch die eiserne Wucht dieser Formation. Die minutenlangen Soli von Bruder Angus. Die mannshohe Glocke für "Hells Bells". Die dicken, phallischen Kanonen für "For Those About to Rock (We Salute You)". Und kein Malcolm.

Der saß währenddessen schon in einem Heim in Sydney. Demenz. 62 Jahre alt war er da gerade mal. Gut möglich, dass die Jahrzehnte der Sauferei, die ihn 1988 schon mal aus dem Tour-Zirkus geschossen hatten, ihren späten Tribut forderten. Da, wo Young sonst auf der Bühne stand, vom Publikum aus gesehen links, nahe beim Schlagzeug, wo man mit dem Hintergrund verschmilzt und keine Show machen muss, sondern einfach nur den Motor am Schnurren halten kann, da stand, wie 1988 auch schon, einfach sein Neffe Stevie. Die Band befand es damals nicht einmal für nötig, darauf mit auch nur einer Silbe hinzuweisen.

Einer fehlt

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In einer finalzynischen Welt, die dieser ganze Rock- und Pop-Zirkus ja manchmal ist, könnte man also sagen: Vielleicht war Malcolm Young nie wirklich da. Und vielleicht würde er das ja sogar unterschreiben. Es gibt diese Menschen schließlich, die so vollkommen zufrieden damit sind, etwas geschaffen zu haben, das so unendlich viel größer ist als sie selbst, dass sie sich gerne und dankbar darin auflösen.

Und Himmel, wie groß das war, was Young, der am 6. Januar 1953 im schottischen Glasgow geboren worden war und mit zehn mit der Familie nach Australien auswanderte, 1973 zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder in Sydney gegründet hatte. 200-Millionen-verkaufte-Platten-groß genau genommen. Aber was sind schon Zahlen bei einem solchen Monster von Band. Bei einer Formation, die so sehr für Rock'n'Roll in seiner wunderbar strunzblöden und deshalb bis in alle Ewigkeit aufs Herrlichste dröhnenden Spielart stand.

Der AC/DC-Rock ist schließlich eine Art Idealtypus von Rock an sich. Die Essenz. Die Songs sind und bleiben die Verdichtung eines ganzen Genres auf seine rudimentärsten Bestandteile. Die Reduktion und, ja, schon auch Verkürzung, auf Brachial-Schlagworte: Riff, Pause. Gesanglinie, Pause. Dä dä dä, "For those about to rock". Dä Dä Dä, "Black", Dä Dä Dä, "Hell". Stumpfe Wiederholung und brachiale Redundanz als künstlerisches Konzept. Wäre diese Musik Politik, sie würde immer nur fingerbreit am Populismus entlangschrammen.

Die Formation ist auch deshalb so irrwitzig groß geworden, weil sie der Welt immer etwas geboten hat, das es eigentlich nie gab: Konstanz. Staaten mögen vor die Hunde gehen, Finanzsysteme zerbröseln (tatsächlich gibt es Theorien über die Korrelation von AC/DC-Erfolgsjahren und ökonomischen Krisen), die Digitalisierung mag die Welt und ihre Gewissheiten umwürfeln - solange der Familienbetrieb Young&Young auf zwei Gitarren und mit drei Grundakkorden eines dieser archaischen Riffs rausdonnerte, war doch alles gut. Alles zu ertragen.

Ein Genie, wenn Rhythmus-Gitarristen doch nur zu Genies erklärt würden

Kein Wunder, dass so etwas größer wird als seine Bestandteile. Kein Wunder auch, dass ein solches Gebilde seine Akteure irgendwann beinahe zu Aufführungspersonal degradiert. Eigentlich ein Treppenwitz der Geschichte: Ausgerechnet AC/DC, diese garantiert metaebenenfreie Band, ist zur fast metaphysischen Idee geworden, bei der das Fehlen Einzelner kaum mehr auffällt.

In jedem Fall kein Wunder, dass ein solches Monster einen wie Malcolm Young schluckt. Einen, der nicht unbedingt gesehen werden wollte. Hören reichte. Die Gretsch Jet Firebird im Anschlag, mit der er diesen komplett unmanirierten, kompakten Gitarren-Sound in die Welt zimmerte. Songs wie simple Backsteinbauten. Riffs wie Dieselmotor-Stottern. Ein verfluchtes Genie von einem Rhythmus-Gitarristen. Wenn Rhythmus-Gitarristen doch nur zu Genies erklärt würden.

Zumindest in Kleinstdosen kennt der Rock'n'Roll allerdings doch so etwas wie Gerechtigkeit. Man kann in ihm quasi schon ganz weg sein, und trotzdem unendlich präsent. Es war auf eben jener letzten Tour, Nürnberg, Zeppelinfeld, Deutschlandauftakt, die Kanonen, die Glocke, die Soli, kein Malcolm, aber der Song "Whole Lotta Rosie". Eines dieser Young-Riffs schnalzt da ins Publikum. Bei jedem Konzert. Eigentlich ein unfehlbarer Trigger. Sekundenbruchteile braucht das sonst nur, und Zehntausende brüllen den Vornamen des Lead-Gitarristen: "AN - GUS!" Es ist ein über Dekaden gewachsenes Spiel zwischen Band und Fans. Abweichungen sind da nicht vorgesehen.

Aber natürlich gab es eine Abweichung. Malcolm fehlte schließlich und die Hardcore-Fans hatten in den sozialen Netzwerken deshalb dazu aufgerufen, diesmal "MAL - COLM!" zu skandieren, wenn der Song beginnt. Und kurz nur, aber doch deutlich, waren da tatsächlich beide Namen zu hören. Zweimal. Dreimal. Dann setzten sich die "Angus"-Chöre durch. Die Tradition siegte. Die Bestie fraß ihren Schöpfer, was ja eigentlich auch das würdigste Ende ist, das der nehmen kann.

Zumal, wenn er so mit dem Ende umgeht, wie Malcolm es tat, als sein Gehirn es ihm noch erlaubte. Sänger Brian Johnson übermittelte der britischen Zeitung "Telegraph" zur Tour ohne Malcolm im Jahr 2014 jedenfalls noch dies: "Bevor ihn die Demenz wirklich mitgenommen hatte, meinte er zu uns: 'Geht einfach raus und macht Musik, Jungs, noch einmal, nur für mich.'" Man sollte unbedingt davon ausgehen, dass das auch heute gilt.

DÄ DÄ DÄ!

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