Lyrik In der Weltholz- Schachtel

Die Auswahl "Mikado-Geäst" ist ein Selbstporträt des im Jahr 1957 geborenen Lyrikers Jürgen Nendza.

Von Lothar Müller

Ein Geräusch aus dem Nachbarhaus. Zu sehen ist nichts. Was könnte die Quelle sein - "ein Würfelspiel, ein Spieler ohne Worte"? Das Geräusch klingt "wie der Käfer in der Weltholz- / Schachtel. Ein Foto davon gibt es nicht. Nur / den geheimen Sender, der weiterschabt in deinem Ohr." Jürgen Nendza ist 1957 in Essen geboren, seit Langem schon lebt er in Aachen. Als 1983 in der Bundesrepublik das Zündwarenmonopol auslief, die blauen Streichholzschachteln mit dem Markennamen "Welthölzer" unter Konkurrenzdruck gerieten und ihre Allgegenwart einbüßten, ging seine Kindheit zu Ende.

Dass er sich ein Wort wie "Welthölzer" nicht entgehen lässt und wie ein Streichholz beim Zeilenwechsel bricht, dass er nur wenige Zeilen, einmal drei und einmal zwei, aber keinen Reim benötigt, um daraus ein Gedicht zu machen, in dem das wahrgenommene Geräusch in das Bild der Streichholzschachtel eingeschlossen ist wie der Käfer der Kindheitswelt, all das charakterisiert den Lyriker Jürgen Nendza. 1992 erschien sein Debüt "Glaszeit". Inzwischen umfasst sein Werk, zu dem auch Features, Hörspiele, Prosa und Anthologien zählen, sieben Gedichtbände. Der Auswahlband "Mikado-Geäst" ist ein Selbstporträt des Lyrikers, der zu den interessantesten seiner Generation zählt.

Wie Streichhölzer sind Mikadostäbe leichte, bildkräftige, gestennahe Alltagsgegenstände. Lässt man ein Bündel fallen, ergeben sich komplizierte Figuren, in denen die Stäbe zu schweben scheinen. Das "Mikado-Geäst" ist kein organisches Gewächs, es ist ein kunstvolles Gebilde. Aber abgeschlossen gegen die Außenwelt, zumal die Geschichte, ist es nicht. Es ist aus Welthölzern aufgeschichtet.

Man lese nur den Zyklus "Hinterland I-IV" aus dem Band "Haut und Serpentine" (2004). Er spürt dem Starkstromzaun nach, den deutsche Truppen 1915 im besetzten Belgien aufstellten, im Dreiländereck bei Aachen entlang der belgisch-niederländischen Grenze, verzeichnet einen Kriegsschauplatz, samt seinen Toten: "Windig meldet sich das Feld von seiner Jagd, / und bildlich für die Atempause spricht ein Schluck / Stacheldraht: Der Hals des armen Mannes / ist zu den Nackenwirbeln durchgebrannt am Zaun."

Nendza hat ein empfindliches Ohr, er streicht den Reim nicht ersatzlos, sondern setzt den Rhythmus an seine Stelle, den metrischen Takt, und er schaut genau hin, ehe er schreibt. Aber seine Unheimlichkeit gewinnt der elektrische Zaun durch das Wort "Schluck", die durch kein Pufferwort ("wie") gemilderte monströse Verschlingung von Stacheldraht und Hals.

Manchmal holt Nendza Wörter aus Fachsprachen in seine Gedichte, aber er kennt keine Preziosen: Die "Bulten" und "Schlenken" sind die Gräserkuppen und wasserhaltigen Vertiefungen im Nahbereich, im Hochmoor des belgischdeutschen Grenzgebiets. Es lohnt sich übrigens, mit ihm auf Reisen zu gehen: nach Umbrien in die Glasmachergemeinde, in deren Nähe der Maler Perugino geboren wurde, in die Karibik, wo der Kolibri und sein Flügelschlag zum türkisfarbenen Gegenüber der heimischen Amsel werden: "drei Gramm Flugtöne und -rausch, / Variationen in Kalliopes Stimme".

Jürgen Nendza: Mikado-Geäst. Gedichte aus 20 Jahren. Mit einem Nachwort von Jürgen Egyptien. Poetenladen, Leipzig 2015. 128 S., 16,80 Euro.