Lyrik Gedichte, Landgerichte

Michael Buselmeier und Michael Braun beherrschen die hohe Kunst, auf zwei Seiten ein Werk zu erhellen: Ihre Anthologie "Der gelbe Akrobat 2" versammelt fünfzig zeitgenössische Gedichte.

Von Tobias Lehmkuhl

Vor sieben Jahren erschien "Der gelbe Akrobat", eine Sammlung von hundert kommentierten Gedichten. Inzwischen liegt der Band, für eine derartige Anthologie ein schöner Erfolg, in der dritten Auflage vor. Und da Michael Braun und Michael Buselmeier seither nicht aufgehört haben, zeitgenössische Lyrik zu lesen und darüber auch zu schreiben, sind jetzt mit "Der gelbe Akrobat 2" weitere fünfzig ihrer Kommentare erschienen - selbstverständlich samt der dazugehörigen Gedichte.

Da lässt sich schon bei der bloßen Lektüre der jeweils vorangestellten Verse manche Entdeckung machen. Der Name Brigitte Struzyk etwa dürfte nicht eben vielen geläufig sein. Ihre leichtfüßige Anverwandlung des eigentlich längst zu Tode zitierten Hölderlin-Gedichtes "Hälfte des Lebens" aber wird man so schnell nicht vergessen: "Ich aber ging / durch den Weinberg / Ich ging / wo die Birnen / am Wegrand / o weh / wo sie lagen / und dachte an ihn / ob er getrunken hat / ob er trunken war / vom Leben vom Tod / halbe / halbe".

Die Herausgeber beherrschen die hohe Kunst der knappen, aber fundierten Kommentierung

Michael Buselmeier nun weiß zu berichten, dass dieses Gedicht Anfang der Neunzigerjahre, während eines Aufenthalts der Dichterin in den Weinbergen rund um Edenkoben entstanden ist. Wobei es dieser topografischen Rückbindung, wie er zu Recht schreibt, gar nicht unbedingt bedarf. Sie verleiht dem Gedicht aber, wie so viele andere, scheinbar nebensächliche Hinweise, die Braun und Buselmeier geben, eine zusätzliche Dimension, eine schöne Lebendigkeit.

Die hohe Kunst, auf zwei Seiten Erhellendes über den jeweiligen Dichter und sein Werk mitzuteilen, wie auch dem ausgewählten Gedicht eine Lektüre angedeihen zu lassen, die trotz der Kürze schlüssig erscheint, beherrschen die beiden Lyrik-Kenner virtuos. Immer wieder gelingt es ihnen wie nebenbei, die (literatur-)historischen Bezüge der Gedichte aufzudecken, sei es bei Ulrike Draesner, Gerhard Falkner oder Ann Cotten.

Auch Max Ernsts Gemälde "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen", das Anlass war für Arne Rautenbergs Gedicht "drei amseln", wird nicht sofort jeder vor Augen gehabt haben: "die jungfrau züchtigt das jesuskind / drei amseln flüchtig schweigen im wind". In seinem Kommentar legt Michael Braun die vielfältigen Lesarten offen, die diese beiden eigentlich terrassenförmig angeordneten Verse nahelegen. So wird der Leser zum Wiederlesen und Weiterdenken angeregt.

Nicht alle Dichter, die in "Der gelbe Akrobat 2" mit Gedichten auftauchen, sind noch am Leben, ja drei sogenannten "Naturmystikern" der Jahrhundertmitte - Elisabeth Langgässer, Oskar Loerke und Wilhelm Lehmann - gilt neben einigen vor allem aus den Siebzigerjahren bekannten Lyrikern das besondere, melancholisch gefärbte Interesse Michael Buselmeiers.

Braun dagegen hat sich zumeist dem Heute verschrieben und beobachtet nicht zuletzt das Werk derjenigen besonders aufmerksam, die überhaupt erst in den Achtzigern geboren wurden: Levin Westermann, Kerstin Preiwuß oder eben Ann Cotten. Letztere vertreibt denn auch schnell jeden Anflug von Melancholie. Gesagt sei noch, dass ihr Gedicht "Rosa Meinung" im Landgericht Berlin entstand und, im späteren Verlauf, auf Heinrich Heine Bezug nimmt: "In des Landgerichts Fotze / geh ich als ein blasser Traum / Frau ist alles, was ich kotze / lauter Wahrheit dieser Raum."

Michael Braun, Michael Buselmeier: Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert. Verlag Poetenladen, Leipzig 2016. 186 Seiten, 18,80 Euro.