Live Aid Bob Geldofs besserwisserische Ignoranz

Hauptsache, es fließt Geld! Doch was geschah in Afrika wirklich nach Live Aid und Live 8? Der britische Autor Peter Gill gibt erschreckende Antworten.

Von Alex Rühle

In der Debatte um Sinn und Unsinn der westlichen Entwicklungshilfe gibt es vereinfacht gesprochen zwei Lager. Die einen sagen, man habe früher Fehler gemacht, nun aber werde, wenn nur genug politischer Wille und Geld auf Seiten der Industrienationen, ehrliches Engagement und transparente Strukturen auf Seiten der Entwicklungsländer gewährleistet seien, alles gut. Bob Geldof, Bono und der Ökonom Jeffrey Sachs sind die bekanntesten Vertreter dieser Fraktion.

Die Skeptiker sagen, Entwicklungshilfe schade mehr als sie nütze. "Wenn Hilfsgelder die Lösung für Afrikas Probleme wären, wäre es ein reicher Kontinent," schreibt etwa der Journalist Richard Dowden. Jeder lebende Afrikaner habe rund 5000 Dollar erhalten, den sechsfachen Betrag des Marshallplanes für Europa nach dem Krieg. Mittlerweile schließen sich immer mehr Afrikaner dieser Ansicht an. So forderte die Ökonomin Dambisa Moyo, sämtliche Hilfe in den kommenden fünf Jahren abzuschaffen, außer der Hilfe bei Naturkatastrophen.

Nun ist die Debatte wieder neu entflammt, dank eines Buches des britischen Journalisten Peter Gill, der sich genau angeschaut hat, welchen langfristigen Einfluss Live Aid und Live 8 auf Äthiopien hatten ("Famine and Foreigners: Ethiopia Since Live Aid".) Sein Resultat ist verheerend.

Bob Geldofs Single "Do They Know It's Christmas?" kam im November 1984 heraus und war das Startsignal für die Band Aid/Live Aid-Kampagne, obwohl, wie Gill trocken anmerkt, die "Äthiopier sehr wohl wussten, dass Weihnachten war, schließlich verhungerten ja in der Hauptsache Christen." Der Satz zeigt, dass das Projekt schon im Kern falsch angelegt war. Ja, schon der BBC-Bericht, der Geldof seinerzeit auf die Hungersnot aufmerksam machte, zeichnete ein falsches, weil apolitisches Bild, zeigte er den Hunger doch als Naturkatastrophe "biblischen Ausmaßes", so als er eine Strafe Gottes oder des Wetters.

In Gills Schilderung wird Äthiopien zum Paradebeispiel für Amartya Sens Diktum, dass es in der Moderne noch in keiner funktionierenden Demokratie zu einer Hungersnot gekommen sei, und dass eine freie Presse und politische Oppositionskräfte das beste Frühwarnsystem gegen Hungersnöte seien. Anders ausgedrückt: Während Hungersnöte bis ins neunzehnte Jahrhundert meist klimatisch bedingt waren, sind sie heute ausnahmslos Folge antidemokratischer Maßnahmen diktatorischer Regimes.

Die Hungersnot im Äthiopien der achtziger Jahre wurde hauptsächlich durch die Derg, die stalinistische Junta unter Mengistu Haile Mariam, verursacht. In ihrem Kampf gegen aufständische Truppen aus der Provinz Tigray vernichteten die Derg Getreide, zerstörten Handelswege, überfielen Märkte - und gaben all das offen zu. Ein Regierungssprecher sagte damals: "Nahrung ist eines der wichtigsten Elemente im Kampf gegen die Sezessionisten." Und natürlich floss das meiste Geld aus Exporterlösen in die Rüstung statt in die Infrastruktur.

Stimmlich für die Armen

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