Wie so oft im Leben werden einem Dinge versprochen, die sich dann am Ende ganz anders entwickeln. So verhält es sich auch im Ruhewagen in Zügen - einer britischen Einrichtung, die der Entspannung dienen soll. Wenn es nur keine Handys gäbe.
Ich blickte auf die Landschaft, die in erhabener Schönheit vorbeizog. "Im Zug", brüllte die Amerikanerin, "ich bin im Zug." Sie meinte nicht mich, denn ich wusste bereits, dass sie sich im Zug befand. Ich saß ihr gegenüber. Die Amerikanerin war in Newcastle zugestiegen, und ich hatte gleich ein schlechtes Gefühl gehabt.
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Handy-Telefonierer stören in Großbritannien oft genau so wie sonstwo. Sich darüber zu beschweren ist bei den Briten allerdings unüblich. (© HAUSCHILD, WALDEMAR)
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Als Bahnfahrer entwickelt man mit der Zeit ein fast unfehlbares Gespür für Leute, die einem auf der weiteren Reise schwer auf die Nerven fallen werden. Ich weiß nicht, ob es der ins Tumbe changierende, selbstgefällige Gesichtsausdruck ist, der Blackberry oder das miese Karma. Jedenfalls sind sie zu erkennen.
Ich hatte mich in den sogenannten Ruhewagen gesetzt. In diesem sollen Handys nach Möglichkeit nicht benutzt werden. Ruhewagen zählen neben gebranntem Wasser und dem Buchdruck zu den großen Erfindungen der Menschheit.
Nein", schrie die Amerikanerin in ihr Telefon, "es ist nichts Wichtiges. Ich wollte nur mal hören." Sie sprach mit Sarah.
Des weiteren wusste ich bereits, dass sie selbst "Sheryl" hieß und bis London durchfuhr. Das hatte ich den vorangegangenen Anrufen bei Sharon und Rachel entnommen. Beim Gespräch mit Sarah war leider die Verbindung nicht so gut. Ich erhielt davon Kenntnis, als Sheryl in ihr Telefon grölte: "Sehr schlechte Verbindung", und dann, nach zwei Sekunden, noch etwas lauter: "Ich sagte, dass die Verbindung sehr schlecht ist."
Ich schenkte Sheryl mein schönstes Lächeln und zeigte auf das Symbol mit dem durchgestrichenen Handy. Sheryl lächelte zurück (wie viele Amerikaner verfügte sie über 48 sehr große, sehr weiße Zähne).
Dann wählte sie Paulas Nummer. Ich wusste, dass es sich um Paulas Nummer handelte, weil Sheryl nach wenigen Sekunden anhob: "Paula! Hier ist Sheryl! Störe ich gerade?" In einem seltenen Anfall von Schlagfertigkeit sagte ich: "Ja, das tun Sie." Sheryl röhrte: "Nein, es ist nichts Wichtiges, ich wollte nur mal hören. Ich bin im Zug." Ich wusste, was sie als Nächstes sagen würde: "Im ZUHUUG. ICH BIN IM ZUG."
Ich schaute mich um und blickte in rund 20 Gesichter, in denen Hass, Empörung und vereinzelt auch Mitleid einander ablösten. Mir war klar, dass niemand etwas sagen würde, denn das ist hier nicht üblich. Sheryl war dann beim neunten oder zehnten Anruf, ich hatte mich an das Gebrüll fast gewöhnt, als sie plötzlich einen spitzen Aufschrei tat: "Stephens Party?" Fünf Sekunden vergingen, dann jaulte Sheryl: "Warum war ich da nicht eingeladen?" Es war ein sehr englischer Moment, als fast das gesamte Abteil kurz wissend auflachte und dann umgehend den Blick wieder mit unbewegter Miene auf die Landschaft richtete, die in erhabener Schönheit vorbeizog.
Er will kein Anführer sein, gilt aber als solcher: David Graeber über Schulden, die USA und die Gründe für den Erfolg der Occupy-Bewegung. Feuilleton. Jetzt lesen ...
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(SZ vom 04.02.2012/mapo/pak)
München nach dem Champions-League-Finale
Macht kaputt, was euch kaputt macht (Bommi Baumann)! Könnten Sie bitte, lieber Autor, die spätestens seit '68 errungenen Umgangsformen Kontinentaleuropas - wenn auch nur in Fällen absoluter Notwehr - auf der Insel beherzigen?! Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Hierbei ist vereinzelt sogar außer Kraft zu setzen jene uralte biologisch-anthropologische Grundkonstante: Die Drohung ist stärker als die Ausführung. Für Amerikaner beiderlei Geschlechts reicht das bisweilen nicht - da hilft nur noch der Hulk, immerhin Ausgeburt der Neuen Welt. Also laufen Sie bitte bei der nächsten röhrenden Sheryl im Ruheraum grün an (wobei Ansteckungssymptome bei den lieben Mitreisenden hilfreich sein könnten), blasen Sie sich auf wie Gingrich-Romney im Orang-Utah-Käfig, trommeln Sie wie ein älterer Grünen-Wähler (meinerseits seit 30 Jahren) auf Ihren trittinesken Brustkorb, beleidigen Sie die gesamte amerikanische Rechte "Tea-Party is Pee-Party", praktizieren Sie den Big Grip am Handgelenk der Delinquentin und tun so, als seien Sie der erste nicht-finnische Vizeweltmeister im Handyweitwurf. Ach ja, gehandicapt (oh!) durch einen gewissen Mangel an tobsuchtsfähigem Platz? Dann bitte Plan B, wie folgt.
Quakt kaputt, was euch kaputt quakt (BB variiert). Sie greifen - gaaanz ruhig - in Ihr Outfit, fingern - immer noch gaanz ruhig - Ihr eigenes Mobile/Smartphone heraus, rücken Ihr Gesicht gaanz nah an die Sprechfeindin, drücken eine imaginäre Taste - und blöken unvermittelt mindestens 10 Dezibel lauter in ihr Öhrchen: "Redaktion, hört ihr mich? Haaallooo, bitte melden!" Es wollen immerhin achtzig/achthundert/achduliebeGüte-Meilen überbrückt sein. Sodann stehen Sie auf - ohne Ihr reales Korrespondentengebrüll zu unterbrechen -, machen eine einladende/ausholende Geste mit der freien Hand und geleiten die Simultanfrustrierte aus dem Wagen. Wie, die Lady fährt fünf ihrer blutrot gepinselten Fingernägel aus? Macht nichts, geratschte Haut auf dem Wege zum ... Oh, my God, die Opponentin fängt an zu schluchzen. Dann haben Sie eben Pech gehabt - wer weint, ist alsbald Opfer. Und Opfer haben immer Recht. Sie sollten den Wagen schleunigst verlassen, ehe die allgemeine Stimmung endgültig gegen den brutalen Merkel-Hunnen umschlägt. Wer ist schon gerne Na.zi?!
Plan C - den Schaffner rufen und bitterliches Lamento abfahren - ist hingegen extrem unsportlich.