Little Britain Der Mann, der nicht da war

RETURN TO SENDER: Der nächste rote Postkasten in London.

(Foto: dpa)

In unheimlicher Regelmäßigkeit trifft bei unserem Kolumnisten Post ein, die nicht für ihn bestimmt ist. Aserkoff steht auf den Umschlägen, aber von Aserkoff hat hier noch nie jemand gehört. Sagen sie zumindest.

Von Christian Zaschke, London

Liebe Credit Suisse, nochmal zum Mitschreiben: David Aserkoff wohnt nicht in meiner Wohnung. Ich bin vor knapp eineinhalb Jahren eingezogen, und vor mir wohnte hier vier Jahre lang das Ehepaar B., das sich auf eine Weltreise begeben hat. Die Post für die B.s schickt mein ehemaliger Nachbar Iain an ein Postfach im Ausland. Iain wohnte auch hier im Haus, ist aber in den Osten der Stadt gezogen, was offiziell daran liegt, dass er es dort cooler findet. Inoffiziell und in Wahrheit liegt es daran, dass er mit dem komplizierten Mülltrennungssystem in unserem Borough nicht mehr zurechtkam.

Post für die B.s schicke ich jetzt also in den Osten Londons, von wo Iain sie an das Postfach weiterleitet. Post für David Aserkoff hingegen schicke ich zurück an den Absender, eine Filiale der Credit Suisse, Adresse: Eleven Madison Avenue, New York, NY 100 10-3629. Aber es hilft nichts: Jeden Monat kommt ein neuer Brief.

Als ich damals die Wohnung anschaute, fragte ich Frau B., ob ich die Schuhe ausziehen solle. Sie schaute mich verständnislos an und sagte: "Wir sind hier doch nicht in Korea." Ich spazierte also in schweren Stiefeln durch das zugige Schmuckstück, bewunderte das winzige Badezimmer, das exakt so groß ist wie zwei Badewannen, bestaunte die Spülmaschine, die von einem Hersteller stammt, den es seit circa Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr gibt, und übersah aus unerfindlichen Gründen den faustgroßen Fleck Vogelscheiße auf dem Schlafzimmerfenster.

Da das Fenster sich nur nach außen öffnen lässt, ist der Fleck nicht zu entfernen, weshalb er mir bis heute erhalten geblieben ist. Manchmal überlege ich, ob ich in dem unentfernbaren Vogelscheißfleck eine Bedeutung erkennen müsste, ein Omen gar, aber vermutlich ist es einfach ein ganz gewöhnlicher, unentfernbarer Vogelscheißfleck auf einem Fenster, das sich nur nach außen öffnen lässt.

Die am häufigsten gestellte Frage in Leserbriefen ist übrigens, ob es den Fleck wirklich gibt. Die Antwort ist: ja, und es geht ihm gut. Er hat die Regenattacken während der Weihnachtstage lässig abgewettert.

Die Nachbarn im Erdgeschoss sagen, vor den B.s habe eine Familie in der Wohnung gelebt, die ebenfalls nicht Aserkoff hieß. Überhaupt könnten sie sich an niemanden dieses Namens erinnern. Da sie seit Anbeginn der Zeit hier leben, ergeben sich weitere Fragen. Hat David Aserkoff jemals hier gewohnt? Gibt es ihn überhaupt? Müsste ich in der stetigen Post für einen Mann, der nicht da ist, eine Bedeutung erkennen, ein Omen gar?

Einstweilen habe ich wie immer RETURN TO SENDER auf den Umschlag geschrieben und ihn in den nächsten roten Postkasten geworfen. Aber, liebe Credit Suisse: Das war das letzte Mal. Euren nächsten Brief mache ich auf.