Literaturvermittlung Vier Wände für die Spracharbeit

Die Niederländer tun viel für ihre Literaturförderung. In Amsterdam gibt es zum Beispiel das "Vertalershuis". Übersetzer können dort wohnen und arbeiten. Zur Zeit ist Eva Schweikart zu Gast.

Von Thomas Kirchner

Als Ehrengäste der Buchmesse werden die Niederlande und Flandern rund 300 neue Bücher in Frankfurt präsentieren. Alle sind sie übersetzt worden, ein Vorgang, den die Kulturverantwortlichen der Gastländer nicht dem Zufall überlassen. Der Staat hilft kräftig nach. Jährlich achtzig bis neunzig Übersetzungen ins Deutsche fördert allein der Letterenfonds, die niederländische Literaturstiftung, die komplett vom Kulturministerium des Landes finanziert wird. Die Stiftung nimmt den deutschen Verlagen jeweils bis zu siebzig Prozent der Übersetzungskosten ab, bei Büchern aus allen Bereichen, vom Roman bis hin zur Graphic Novel.

Deutschland ist der mit Abstand größte Auslandsmarkt für die Niederlande, und Deutsche sind auch die häufigsten Gäste im Amsterdamer "Vertalershuis" des Literaturfonds. In kleinen, einfachen Wohnungen mit Internetanschluss bietet das Übersetzerhaus Platz für je fünf ausländische Gäste, die Werke niederländischer Autoren in ihre Sprachen übertragen. Wer sich einmal bei einem Übersetzungstest bewährt hat und einen aktuellen Auftrag nachweisen kann, darf hier bis zu zwei Monate am Stück verbringen und erhält dazu eine Geldsumme, die mindestens die zu Hause entstehenden Unkosten deckt.

Das "Vertalershuis" bietet die Möglichkeit, konzentriert am Ort zu recherchieren

Manche kommen regelmäßig. Eva Schweikart etwa. Die 56-jährige Übersetzerin macht sich mindestens einmal im Jahr auf den Weg von Hannover ins Vertalershuis, einem weißen Altbau gleich südlich des Grachtengürtels, einen Steinwurf entfernt vom Concertgebouw, Rijksmuseum, Stedelijkmuseum und Van-Gogh-Museum. "Fantastisch, dass es so etwas gibt", schwärmt Schweikart. Es ist weniger das konzentrierte Arbeiten, das ihr das Haus ermöglicht, sondern das Eintauchen ins Herz von Amsterdam, das ihrer Arbeit eine andere Qualität verleiht. Sie trifft Autoren, besucht Verlage, orientiert sich über Neuerscheinungen, erhält Leseexemplare zugesteckt. In Laufweite befinden sich De Bezige Bij und andere wichtige Literaturverlage. "Vor allem aber spaziere ich durch die Gegend", erzählt Schweikart, "gehe ins Theater, ins Kino oder Kabarett, fahre mit der Tram, höre den Menschen auf Plätzen oder in der Bar zu, schalte Radio und Fernsehen ein." Sie schaut sich Schilder auf der Straße an, Plakate, Reklame. So saugt sie die Sprache auf, schnappt Ausdrücke auf, gerade die en vogue sind, weiß jetzt, dass sie den "Pleegzuster bloedwijn" in "unseren Klosterfrau Melissengeist" verwandeln müsste.

Eva Schweikart hat nicht die ganz großen Schriftsteller in ihrem Portefeuille, keinen Cees Nooteboom oder Gerbrand Bakker. "Aber ich bin gut im Geschäft", sagt die Freiberuflerin, was in dieser Branche immer nur heißen kann, finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Überwiegend übersetzt sie Kinder- und Jugendliteratur, hin und wieder Romane und Sachbücher. Aktuell arbeitet sie an einem historischen Roman von Simone van der Vlugt, der im Delft des 17. Jahrhunderts spielt. Zur Recherche ist sie in die dortige Porzellanmanufaktur gefahren. Sie musste für sich klären: Werden die Kacheln nun in den "Brennofen" gesteckt oder in die "Brennerei"? Im persönlichen Gespräch mit ihren Autoren lassen sich letzte sprachliche Unklarheiten beseitigen, etwa beim Einsatz von Ironie.

Gute Übersetzungen kosten Zeit. Sieben Durchgänge braucht Schweikart, bei Romanen wie Kinderbüchern. Hilfreich sind ihr der Van Dale, der drei Kilogramm schwere niederländische Duden, sowie historische oder etymologische Wörterbücher. Niederländisch ist komplizierter, als es wirkt. Man meint es schnell gelernt zu haben, aber dann beginnt ein langer Weg zur Perfektion. Gerade auf Deutsche warten eine Menge Fallen. Sagt eine Frau: "Ik ben zwanger van Jost", dann erwartet sie ein Kind dieses Namens, spricht aber vielleicht auch über den Erzeuger. Letzte Rettung bieten Internetforen, in denen Kollegen ihr Wissen teilen. Auf ihren Stadtwanderungen liest Schweikart sich die Texte vor, kontrolliert Sprachfluss und Rhythmus. Nicht alles macht so viel Spaß wie das von ihr besonders geschätzte Werk von Fleur Bourgonje. Diese Autorin zu übersetzen sei wie Klavierspielen, sagt Eva Schweikart. Das seien die "Schokoladenbücher", mit denen sie sich für die "Brotbücher" belohne.