Literaturskandale Ein Debakel

Vor fünfzig Jahren attackierte der Germanist Emil Staiger in seiner Dankesrede zum Zürcher Literaturpreis die Gegenwartsliteratur.

Von Thomas Steinfeld

Vor fünfzig Jahren, am 17. Dezember 1966, wurde Emil Staiger mit dem Zürcher Literaturpreis ausgezeichnet. In einer Zeit, in der Professoren der Germanistik noch gesamtgesellschaftlich etwas galten, war Emil Staiger ein berühmter Mann - neben Benno von Wiese in Bonn, Fritz Martini in Stuttgart und Wilhelm Emrich in Berlin. Er hielt seine Vorlesungen im Audimax der Universität Zürich, hatte ein Grundlagenwerk zum Umgang mit Dichtung veröffentlicht ("Die Kunst der Interpretation", 1955) und diese Kunst am Beispiel Goethes in drei Bänden (1952 bis 1959) vorzuführen gesucht.

Am Ende des Kapitels über die "Klassische Walpurgisnacht" heißt es in letzterem Werk: "Wir handeln demnach im Sinne des Dichters, wenn wir nicht peinlich auf den mühsam gedeuteten Einzelheiten bestehen, sondern alles wieder versenken in das Gewoge von Nacht und Mondlicht, Ungeheuern und Halbgestalten, gärenden Elementen und wandelbaren, vorolympischen Göttern." Ein "Begeisterter" (Peter von Matt) war Emil Staiger, ein Literaturwissenschaftler, der genau wusste, wofür man sich engagieren können sollte (Goethe, Schiller) und wofür nicht (Heine).

Die Dankesrede Emil Staigers (sie ist im Internet als Tondokument zu finden) folgte diesen Unterscheidungen, wendete sie aber gegen die Literatur seiner Zeit: "Man gehe die Gegenstände der neueren Romane und Bühnenstücke durch. Sie wimmeln von Psychopathen, von gemeingefährlichen Existenzen, von Scheußlichkeiten großen Stils und ausgeklügelten Perfidien. Sie spielen in lichtscheuen Räumen und beweisen in allem, was niederträchtig ist, blühende Einbildungskraft." Und, deutlicher noch: "Wenn solche Dichter behaupten, die Kloake sei ein Bild der wahren Welt, Zuhälter, Dirnen und Verbrecher Repräsentanten der wahren, ungeschminkten Menschheit, so frage ich: In welchen Kreisen verkehren sie?" Die Rede endete mit einem Appell, zur älteren Literatur zurückzukehren und Mozart zu hören.

Die Rede wurde für Emil Staiger zu einem Debakel. Innerhalb von wenigen Tagen hatte ihre Wirkung das an Literatur interessierte Publikum weit hinter sich gelassen. Max Frisch warf dem Germanisten vor, einer Vorstellung von Kunst anzuhängen, die auch die nationalsozialistische Kategorie der "entarteten Kunst" hervorgebracht hatte. Peter Handke hielt die Rede für eine "Spielart jener Unmenschlichkeit, die mit dem unreflektierten Kauderwelsch einer längst vergangenen Menschlichkeit so oft eine Verständigung zwischen den Menschen verhindert". Verteidigen wollte den berühmten Mann niemand. So geriet die Rede zu einer Zäsur zwischen einer alten und einer modernen Welt, ähnlich wie der Germanistentag desselben Jahres, nur stärker personalisiert und deswegen leichter als Anekdote zu erzählen. Emil Staiger verstand den Skandal im selben Sinn: Er zog sich zurück, beschäftigte sich in der Folge hauptsächlich mit Übersetzungen und hörte Musik.