Literatur Wenn Ärzte zu Mördern werden

Unter dem Pseudonym Ellen Sandberg hat Inge Löhnig einen Roman geschrieben und sich mit den Verbrechen in der Heilanstalt Eglfing-Haar beschäftigt

Von Sabine Reithmaier

Einfach ist es ja nicht, wenn ein Schriftsteller unter zwei Namen agiert. "Ich muss richtig aufpassen, dass ich beim Signieren den richtigen verwende ", sagt Inge Löhnig alias Ellen Sandberg und rührt in ihrem Cappuccino. Als Inge Löhnig ist sie eine Bestseller-Autorin; es gibt viele Menschen, die ihren Krimihelden, den herrlich normalen Münchner Kommissar Konstantin Dühnfort, sehr gernhaben. "Diese Leser denken, wo Löhnig draufsteht, ist Dühnfort drin", sagt Löhnig. Wenn das einmal nicht der Fall ist, wie in "Mörderkind", reagieren sie ziemlich sauer und lassen ihrem Zorn im Internet auch ungebremst aus. Was bleibt also anderes übrig, als sich für Nicht-Dühnfort-Bücher einen anderen Namen zu suchen. Als Ellen Sandberg hat Löhnig eben "Die Vergessenen" (Penguin Verlag) geschrieben, für sie ein Familienroman, wenn auch einer mit einem sehr speziellen Hintergrund.

Die Klinik Eglfing-Haar ist heute das Isar-Amper-Klinikum München-Ost.

(Foto: Claus Schunk)

"Der Roman ist mein Herzensbuch", sagt sie. 13 Jahre lang hat sie recherchiert, bevor sie das Gefühl hatte, den komplexen Stoff bewältigen zu können. Was die in Höhenbrunn lebende Autorin noch immer aus der Fassung geraten lässt, sind die Morde an Psychiatrie-Patienten während der NS-Zeit. Und zwar diejenigen, die sich fast in ihrer Nachbarschaft ereigneten: Mindestens 2400 Patienten fielen in der Heilanstalt Eglfing-Haar dem sogenannten Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten zum Opfer. Während der "Aktion T 4", benannt nach dem Verwaltungssitz in der Berliner Tiergartenstraße 4, wurden in 20 Transporten mehr als 2100 behinderte Patienten über Eglfing-Haar in den Tod geschickt. Das Töten ging auch weiter, als die Transporte ins Gas eingestellt worden waren: Die Patienten wurden durch Unterernährung und falsch dosierte Medikamente ermordet.

Auslöser für Löhnigs Recherche war 2005 ein Artikel über den Naziarzt Aribert Heim, den "Dr. Tod" im KZ Mauthausen, der sich für seine Verbrechen nie verantworten musste und 1962 ins Ausland floh. Sie begann nachzuforschen, was aus anderen Nazi-Ärzten geworden war. "Da packt einen das kalte Grauen." Die meisten waren mit niedrigen Haftstrafen davon gekommen, praktizierten später weiter. "Dass die Täter so minimal belangt worden sind, hat mich mit meinem irre ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl maßlos aufgeregt", sagt Löhnig.

In ihrem Roman hat Sandberg zwei Zeitebenen verschränkt: Die eine spielt 2016 in München, die andere beginnt 1944 in Winkelberg, einer fiktiven Heil- und Pflegeanstalt, deren Ähnlichkeit mit der Klinik Eglfing-Haar, dem heutigen Isar-Amper-Klinikum München-Ost, durchaus beabsichtigt ist, wie Sandberg in ihrem Nachwort anmerkt. In der Realität leitete damals Hermann Pfannmüller die Einrichtung, der Kinderfachabteilung stand Gustav Eidam vor, der die Kinder mit Hilfe des Schlafmittels Luminal tötete. "Durch das Luminal haben sie viel geschlafen, bekamen Lungenentzündungen, die nicht behandelt wurden." Löhnig schüttelt sich wieder vor Entsetzen. "Alles ist genau dokumentiert, diese grauenhafte Buchhaltung." Mehr als 300 kranke Kinder wurden auf diese Weise in Eglfing-Haar getötet. Doch es starben von 1943 an auch mehr als 400 erwachsene Patienten in den sogenannten Hungerhäusern.

Im Roman heißt der Leiter des Kinderhauses Karl Landmann. Die Hauptfigur aber ist die 20 Jahre alte Krankenschwester Kathrin, die voller Ideale ihre Arbeit antritt und erst allmählich merkt, was in der Anstalt vor sich geht. Zwar versucht sie, den Kindern zu helfen, hat sich aber - es handelt sich schließlich um einen Roman - auf eine sexuell obsessive Beziehung mit Landmann eingelassen. "Mir war von Anfang an klar, ein Teil der Handlung spielt 1944, damit ich wie im Film zeigen kann, was passiert ist", sagt Löhnig. Die Figuren der Gegenwart sind die Journalistin Vera Mändler, eine Nichte Kathrins, und Manolis Lefteris, ein Autohausbesitzer, der anderen Menschen dabei behilflich ist, ihre Probleme zu lösen, wenn es sein muss auch als Auftragskiller. Logisch, dass die Journalistin dem Leben ihrer Tante nachspürt und in deren Unterlagen Akten entdeckt, die die Krankenmorde belegen und den noch lebenden Landmann belasten.

Ihre Fassungslosigkeit über die Nazi-Morde an Patienten in der Heilanstalt Eglfing-Haar hat Inge Löhnig in einen Roman verpackt.

(Foto: Frank Bauer)

Warum hat Kathrin die Akten trotz aller guten Vorsätze nie verwendet? "Sie hat verinnerlicht, dass eine Frau ohne Mann nichts zählt", sagt Löhnig, ohne sich von der skeptischen Miene ihres Gegenübers beirren zu lassen. Und wie steht sie zu Manolis, dessen Vater 1944 als einziger seiner Familie das SS-Massaker im griechischen Dorf Distomo - im Roman heißt es Daflimissa - überlebte? "Den verstehe ich, wenn er sagt, es gebe keine Gerechtigkeit." Manolis greift daher zur Selbstjustiz, weil der Staat versagt hat. "Das wäre natürlich nicht das Mittel meiner Wahl", sagt Löhnig. Aber diese Freiheit sei eben das Schöne am Schreiben von Romanen.

Inge Löhnig hat 30 Jahre lang als selbstständige Grafikdesignerin gearbeitet. Erst ein hochgelobter, in ihren Augen aber mieser Krimi brachte sie auf die Idee, selbst zu schreiben. Der erste Versuch missglückte, weil sie über ihren vielen Ideen den roten Faden verlor. Sie beschloss, das Handwerk zu lernen, besuchte Schreibwerkstätten und begann, ihre überbordende Fantasie zu sortieren. Fünf Jahre lang schrieb sie am ersten Dühnfort-Krimi, der 2008 erschien; da war sie Anfang 50. Im Vorjahr ist sein achter Fall erschienen, am neunten schreibt sie gerade. Und der nächste Ellen-Sandberg-Roman ist schon im Lektorat: wieder ein Familienroman, diesmal über eine Frau, die nach 20 Jahren aus dem Gefängnis kommt. Sie habe noch viele Ideen, sagt Löhnig. "Solange ich nicht an Demenz erkranke, höre ich bestimmt nicht auf mit dem Schreiben."

Die Vergessenen, Lesung und Gespräch, Do., 22. Februar, 19 Uhr, kbo-Isar-Amperklinikum, Haar