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"Für eine Nacht oder fürs ganze Leben" - die Journalistin und Autorin Ursula März nähert sich in ihrem neuen Buch in fünf Geschichten dem Wesen des Dating

Von Christiane Lutz

Wenn eine Ursula März ein Buch über Dating schreibt, ist das in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Zunächst deshalb, weil sie Journalistin ist und Journalisten nicht automatisch auch gute Bücher schreiben. Da schauen vor allem die anderen Journalisten ganz genau drauf. Zum anderen, weil März, 58, nicht unbedingt die erste ist, die einem als Expertin für Dating einfällt. Bei "Für eine Nacht oder fürs ganze Leben" aber gelingt ihr beides: ein gutes Buch zu schreiben und ein gutes Buch über Dating zu schreiben.

Angefangen hatte ihr Interesse für das Thema mit einem Reportageauftrag über Dating für die Zeit - und mit der persönlichen Erkenntnis, dass es in ihrem Umfeld viele Menschen gab, denen nicht der Zufall den Partner vor die Füße rochierte. Partnervermittlungen on- und offline, bei Reisen und speziellen Single-Angeboten ersetzen sie heute das, was früher die Familie und die Gesellschaft an Vermittlungsarbeit geleistet hat, so ihre Überzeugung. Also sprach sie gezielt mit Menschen über deren Suche nach der Liebe und destillierte aus einigen der Geschichten die Essenz für die fünf Charaktere ihres Buches. In "Für eine Nacht oder fürs ganze Leben" (Hanser) spitzt sie zu, reichert Erfahrungen an und lässt weg, "aber jede Geschichte hat einen großen Anteil Realität".

Da ist Thomas Lüttich, Arzt, Ende dreißig, der sich vollkommen im Partnerbörsenuniversum verloren hat, auf der Suche nach der perfekten blonden Frau, die es wahrscheinlich nicht gibt. Da ist Maja Feldkirch, eine strahlende Lebenskünstlerin, allzeit umschwärmt, die sich ausgerechnet, welch' Klischee, auf Kuba verliebt und in der darauf folgenden pragmatischen Heirat glücklicher wird, als von der Gesellschaft gedacht. Der Leser wird in fünf Geschichten durch One-Night-Stands, Affären, Single-Partys und verklemmte erste Dates geführt und kommt einmal mehr zu der Erkenntnis, dass der Beginn einer Liebe so knifflig wie magisch ist. Die Autorin ist dabei eine fragestellende Ich-Instanz, die Szenen wirken wie Gesprächssituationen, ohne dabei journalistisch zu sein.

Immer neue Begegnungen: Speed-Dating als Drehbuchidee - eine Szene aus Ralf Westhoffs Film "Shoppen" von 2006.

(Foto: picture-alliance/dpa)

Je mehr sie sich Gedanken machte, desto klarer wurde Ursula März, "dass das Arrangieren der Liebe zurückgekehrt ist. Früher gab es so was wie informelle Liebesmärkte: die Bar, die große Essenseinladung. Da haben sich Menschen schon immer nicht nur getroffen, um über Politik zu sprechen, sondern auch, um eventuell jemanden kennen zu lernen. Ich glaube, das funktioniert heute weniger als früher. Junge Menschen gehen heute ganz selbstverständlich aus. Sie tanzen, trinken. Der flirrende Reiz ist weniger in der Luft. Gerade, weil man heute überall jemanden kennen lernen kann." In Jane Austens Romanen gingen die Damen mit rotgekniffenen Wangen auf den einen Ball, die Tanzkarte in der Hand und in größter Hoffnung, mit einer Verlobung nach Hause zu kommen. Und heute? "Wer geht denn bitte heute mit der Aussicht auf Verlobung zur Buchmesse?"

Vor einigen Jahren hat Ursula März selbst Online-Dating ausprobiert. Sie gab schnell wieder auf: "Das funktioniert ja am Anfang viel über Mail-Austausch. Wenn ich eine Mail bekam, schaute ich sie unwillkürlich an wie eine Deutschlehrerin. Abgesehen davon, dass mir das selbst nicht gefiel, ist es natürlich ungünstig." Aber für ihr Buch schaute sie sich zu Recherchezwecken erneut Partnerbörsen im Netz an um zu verstehen, wie sie funktionieren. "Mein Misstrauen gegenüber Online-Dating war früher viel größer als heute. Früher dachte ich noch wie manche Soziologen der Frankfurter Schule, die im Online-Dating eine Art Ausverkauf des Ich beklagen. Heute bin ich wohlwollender. Und verständnisvoller."

Dating über digitale Kanäle sei eine neue Kulturtechnik, mit der wir lernen müssen, vernünftig umzugehen. Ehrlich und maßvoll. "Außerdem kenne ich eine Reihe sehr glücklicher Paare, die sich im Netz kennengelernt haben. Es ist absolut lächerlich, bei einem glücklichen Paar in der Küche zu stehen und zu tadeln: Liebe Leute, im Sinne der Entfremdungstheorie habt ihr etwas gemacht, das nicht ganz in Ordnung ist!"

Es ist Ursula März wichtig, keine Kulturpessimistin zu sein. Das führe nur in eine Sackgasse. Das Neue solle eine Chance bekommen. Gleichwohl ist sie sehr zufrieden mit der Tatsache, selbst noch nie bei Amazon oder Ebay eingekauft zu haben. Ihre Bücher schreibt sie, "Beinchen hoch", auf der Couch mit einem Stift in ein großes weißes Heft. "Da kann ich durchstreichen und korrigieren und fühle mich viel intimer mit den Sätzen, die ich da fabriziere."

Die in Herzogenaurach geborene 58-jährige Journalistin und Autorin Ursula März schreibt vor allem für die Wochenzeitung Die Zeit.

(Foto: Peter Peitsch)

Fabriziert hat sie jede Menge kluge und komische Sätze über die uns alle verbindende Sehnsucht nach Zuneigung. Sie macht sich Gedanken über geschlechterspezifisches Beziehungsverhalten, ohne zu sehr in Klischees herumzurühren. Sie denkt über Liebe in der Ehe nach, über Liebe im Alter. Und ganz nebenbei präsentiert sie ihren Lesern eine sechste Protagonistin: sich selbst. Sie erweitert die kommentierende Erzählperspektive regelmäßig, um von eigenen Liebesdramen und romantischen Vorstellungen zu berichten. "Das hat - nicht nur, aber auch - einen erzählmoralischen Grund. Ich rücke meinen fünf Figuren dicht auf die Pelle und komme dabei sehr nah an die empfindlichsten Stellen des Menschen: Liebe, Entbehrung, Ablehnung. Das Buch sollte nicht die Perspektive einer Insektenforscherin haben, die sich über das Terrarium beugt. Es ist demokratischer und humaner, wenn ich mich selbst mit ins Terrarium setze." Einmal dafür entschieden, genoss es März ungemein, auch mal über sich selbst sprechen zu dürfen. Und ja, sowohl die Vorliebe für schwarze Locken und die kopflose Liebe zu einem sizilianischen Aufschneider seien wahr. Und wie sieht es liebestechnisch heute bei ihr aus, Mutter einer erwachsenen Tochter? "Ich lebe nicht ohne Liebe, aber nach anstrengenden Jahre genieße ich es, morgens allein in meiner Küche zu stehen und meinen Kaffee zuzubereiten."

Für eine Nacht oder fürs ganze Leben, Lesung mit Ursula März, Di., 26. Januar, 19.30 Uhr, Seidlvilla, Nikolaiplatz 1B, 381 89215