Literatur Um sein Leben schreiben

Wer Erinnerungen festhalten will, kann sich von Biografen unterstützen lassen

Von Antje Weber

Wir sind gefangen", schreibt Elisabeth Richter, "nun gibt es kein Entrinnen mehr." Die gebürtige Münchnerin wird 1945 im rumänischen Kronstadt, wo sie seit der Heirat lebt, von russischen Soldaten in einen Viehwaggon gestoßen. Für die Gräuel des Zweiten Weltkriegs lassen die Sieger die Besiegten mit neuen Gräueln büßen: 18 Tage und Nächte lang wird die junge Mutter im Zug in ein ukrainisches Arbeitslager gekarrt. Dreieinhalb Jahre schuftet sie, ohne Nachricht von Mann und Kindern, unter unsäglichen Bedingungen in einem Kohlebergwerk.

Das ist das zweite Leben von Elisabeth Richter, das dunkle. Das erste dagegen strahlte ungewöhnlich hell: Die abenteuerlustige junge Frau ging in den Dreißigern auf jahrelange Weltreise, bereiste neben den USA unter anderem Japan, Korea, die Mandschurai und Ägypten. Briefe, Fotos, Tagebücher und Aufzeichnungen aller Art zeugen von einem aufregenden Leben fernab vom zunehmend nationalsozialistisch geprägten Deutschland. Wie kommt man mit der Erinnerung an so extrem unterschiedliche Lebensphasen klar?

Indem man sie aufschreibt. Oder aufschreiben lässt. Denn Elisabeth Richter wäre nicht allein auf die Idee gekommen, diese für sie so wichtigen Kapitel in einem großformatigen Buch mit dem Titel "Meine beiden Leben" zu bündeln. Es war ihre Tochter Andrea, die irgendwann endlich genau wissen wollte: "Wann warst Du eigentlich wo in Deinem Leben?" Das so materialreiche wie bewegende Buch, das sie mit der damals bereits 95-jährigen Mutter erarbeitete, erhielt 2010 den Deutschen Biografiepreis. Und nach dem jahrelangen Hin- und Herwenden der eigenen Familiengeschichte, unterfüttert mit einer Ausbildung am Biografiezentrum, hatte die Journalistin Andrea Richter gleich auch noch einen neuen Beruf.

Einen größeren Bedarf an Biografen scheint es ja zweifellos zu geben; auch viele gut besuchte Schreibwerkstätten zeugen vom starken Antrieb vieler Menschen, ihre Erinnerungen schwarz auf weiß aufzuarbeiten. Und es sind nicht nur alte Menschen, die ihre Kriegs- oder Nachkriegserlebnisse hinterlassen wollen: Kunden "jeden Lebensalters" hat Richter in den vergangenen Jahren dabei geholfen, autobiografische Bücher zu verfassen. Die verzweigte Familiengeschichte des Parkettfabrikanten Bartholomäus Hinterseer findet sich ebenso darunter wie die Aufzeichnungen einer Magersüchtigen: Die Geschichte "Albtraum Traumgewicht" der 23-jährigen Sabine Henkes ist bei Tredition als Selfpublishing-Buch in besonders schöner Gestaltung erschienen.

Dass ein Buch wie letzteres auch Käufer jenseits des Familien- und Freundeskreises ansprechen will, ist eher die Ausnahme. Die Chancen, mit seiner Lebensgeschichte für einen größeren Leserkreis und gar Verlag interessant zu sein, schätzt Richter realistisch ein: als verschwindend gering. Immerhin hat man auf diese Weise mehr Freiheiten. Und kann sich mit dem Satz aufmuntern: "Die Lebensgeschichte eines jeden Menschen ist wert, erhalten zu bleiben." Das ist zumindest das Credo des Biographiezentrums, einer Vereinigung von etwa 60 deutschsprachigen Biografinnen und Biografen. Gegründet hat das Zentrum 2004 der Ghostwriter Andreas Mäckler aus Kaufering, der die Ziele in seiner Laudatio auf Richters Biografie so ausführte: "Wir glauben, dass jeder von uns bewusster aufwächst und lebt, wenn wir die Lebensgeschichte unserer Eltern und Großeltern, unsere Familiengeschichte kennen." Deshalb fördere man im Biografiezentrum "die Kultur der Privatbiografien", also Bücher in kleiner Auflage, die nur für Familie, Freunde und Nachkommen geschrieben werden.

Natürlich fördert man damit auch das eigene Geschäft. Ganz billig ist die eigene Geschichte nicht zu haben: "Unter 6000 Euro geht es nicht", schätzt Richter. Nach oben gibt es keine Grenzen, der Aufwand ist schließlich nicht immer gleich hoch: Manche Kunden erzählen mündlich, manche schreiben vieles selber auf, teils nur mit der Hand. Der Biograf muss "zuhören, nachfragen, zwischen den Zeilen hören und oft zwischen den Zeilen schreiben", fasst Richter ihre Arbeit zusammen. Eine Arbeit, die ein halbes Jahr dauern kann: "Die Erinnerungen kommen langsam." Je nach Material entwickelt Richter bis hin zu Layout und Druck dann sehr unterschiedliche Bücher, "so unterschiedlich wie die Menschen". Wichtig ist ihr dabei, dass die Bücher "nicht nur hübsch aussehen, sondern das Innere spiegeln".

Andrea Richter schreibt Biografien für Privatleute.

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Davon kann man sich an diesem Wochenende selbst ein Bild machen. In der Mohr-Villa in Freimann bietet das Biografiezentrum eine Biografische Matinee und Soiree an; erst zum zweiten Mal nach einem Debüt in Berlin geht die Vereinigung an die Öffentlichkeit. Zwischen den Lesungen diverser Biografen aus den von ihnen betreuten Büchern will man mit den Besuchern ins Gespräch kommen. Und dabei, so ist zu vermuten, den einen oder anderen von der befreienden Wirkung des Schreibens überzeugen. Denn sicher ist Richters Mutter nicht die Einzige, über die sich sagen lässt: "Sie war getränkt mit Leid." Seit sie sich für das Buch geöffnet habe, sei ihre Mutter wieder "ein heiterer Mensch" geworden, sagt die Tochter. Und ungewöhnlich stabil: Elisabeth Richter, die in einem Altersheim bei München lebt, ist heute 104 Jahre alt.

Biografische Soiree & Matinee, Samstag, 20. Januar, 19.30 Uhr; Sonntag, 21. Januar, 11 Uhr, Mohr-Villa Freimann, Situlistr. 75, Eintritt frei