Literatur Heißer Stoff

Die Taschenbuch-Reihen der Fünfzigerjahre setzten auf unverwechselbare grafische Cover. Als Vorboten der Pop-Kultur revolutionierten sie die Ästhetik der Nachkriegszeit.

Von Hans Christoph Buch

Was haben Hemingways "Fiesta" und Camus' "Die Pest" mit Kiplings "Dschungelbuch" und Tucholskys "Schloss Gripsholm" gemein? Nichts, außer dass sie 1950 bei Rowohlt erschienen in einer brandneuen Taschenbuchreihe, die das Buchgeschäft - Herstellung, Vertrieb und Verkauf - revolutionierte und die Lesegewohnheiten der Deutschen vom Kopf auf die Füße stellte. Rowohlts Rotationsromane, abgekürzt rororo, hieß das Logo, das aus der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit der BRD nicht wegzudenken ist, weil es nicht bloß den Umgang mit Büchern, sondern auch die Mentalität der Leser nachhaltig veränderte. Doch was hat Joachim Ernst Berendts "Jazzbuch" mit dem "Urteil" von Kafka und dem "Tagebuch der Anne Frank" zu tun? Nichts, außer dass der S. Fischer Verlag, Rowohlts Beispiel folgend, ebenfalls Taschenbücher herausgab - Startauflage 50 000 -, die, heute kaum glaubhaft, rasch ausverkauft waren.

Die Rotationsromane von Rowohlt waren der Urknall eines neuen Universums

Ich habe die zitierten Titel mit Bedacht gewählt, weil nicht nur die Texte der Taschenbücher, sondern auch ihre künstlerisch gestalteten Umschläge Ikonen sind, die wie Filmplakate, Plattenhüllen und Hits der Fünfzigerjahre Erinnerungsschübe auslösen - nicht bloß bei Veteranen der Nachkriegsgeneration, zu der ich gehöre. Statt im Reißwolf oder Papierkorb zu landen, wie von Kulturpessimisten prophezeit, haben die Billigbücher ihr Verfallsdatum überlebt: Sie wanderten vom Buchladen ins Antiquariat und vom Grabbeltisch ins studentische Regal, das in der Vor-Ikea-Zeit aus leeren Apfelsinenkisten bestand. Bis heute, ein Menschenalter nach der Drucklegung, werden sie von Büchernarren gesammelt und manchmal sogar gelesen, wobei Text und Umschlag eine unauflösliche Verbindung eingehen. Das ist Nostalgie pur: Wer "Das Totenschiff" von B. Traven zur Hand nimmt, 1954 erschienen als rororo-Band 126, fühlt sich in die eigene Kindheit und Jugend zurückversetzt. Der Betrachter blickt durchs Bullauge auf ein giftgrünes Schiff mit versifftem Schornstein und einen auf der Brücke stehenden Mann, der ein Matrose oder blinder Passagier sein könnte, und noch bevor er das Buch aufschlägt und den ersten Satz liest, ist er in die beklemmende Atmosphäre des Romans eingetaucht.

Das ist das Verdienst von Karl Gröning jr. und Gisela Pferdmenges, die zehn Jahre lang die Umschläge entworfen und alle rororo-Bände gelesen haben sollen - kein Wunder, dass Gröning 1958 mit Burn-out-Syndrom in psychiatrische Behandlung kam. Die grafische Gestaltung war ein Alleinstellungsmerkmal, das die rororo-Bände von anderen Taschenbuchreihen unterschied und verkaufsfördernde Déjà-vu-Effekte auslöste - heute sagt man Markenbindung dazu. Das Umschlagbild ersetzte den Klappentext und war das Signum von rororo, so wie die zu Sechsecken stilisierten Fische der Fischer Bücherei. Kein Wunder, dass Travens "Totenschiff", wie Anne Franks Tagebuch bei S. Fischer, zum Besteller avancierte, der ständig nachgedruckt werden musste.

Das Erweckungserlebnis, das Wilhelm Speyers "Kampf der Tertia" mir bescherte, ein erotisch angehauchter Jugendroman (rororo 17), ereilte Reinhard Klimmt, als seine Eltern ihm zum Geburtstag Rudyard Kiplings "Dschungelbuch" schenkten (rororo 3). Das an ein Zirkusplakat erinnernde Umschlagbild zeigt einen androgynen Knaben, zärtlich umschlungen oder bedroht von einer Riesenschlange und einem Panther - noch heute, in der letzten Verfilmung des Romans, wird Mowgli (Mogli) so dargestellt. Reinhard Klimmt war Ministerpräsident des Saarlands und Bundesverkehrsminister und ist - das wissen nur wenige - ein großer Büchersammler.

Die unverwechselbare grafische Gestaltung der Buchumschläge wurde zum Alleinstellungsmerkmal der verschiedenen Taschenbuchreihen. Die Verlage schufen dadurch eine feste Markenbindung.

(Foto: aus dem besprochenen band)

Sein achter Geburtstag fiel zusammen mit dem Startschuss für rororo, und Kiplings "Dschungelbuch" war die Initialzündung, die eine Kettenreaktion auslöste. Er fing an, Taschenbücher zu sammeln, für deren Unterbringung Klimmt im späteren Leben eine Scheune pachten musste. Heute besitzt er alle Taschenbuchtitel der Bundesrepublik, der DDR, der Schweiz und Österreichs vollständig, einschließlich Kinder- und Jugendbüchern, Wildwestromanen, Krimis, Science Fiction.

Er ist nicht der einzige Taschenbuchfan: Zusammen mit Patrick Rössler und anderen Mitstreitern präsentiert Klimmt seine Schätze nun in einem schwergewichtigen Katalog, der sämtliche Titel auflistet sowie kenntnisreiche Kommentare und Farbfotos aller Buchcover enthält.

Rowohlts Rotationsromane waren der Urknall der deutschen Taschenbuchproduktion, und die Antwort auf die Frage, was vor dem Urknall passierte, fällt leichter als bei der Entstehung des Universums. Zuerst ist Reclams Universalbibliothek zu nennen, die mit preiswerten Klassikern den Bildungshunger der Arbeiterschaft stillte, während die Insel-Bücherei, anders als der Rote-Eine-Mark-Roman, bürgerliche Leser ansprach. Ausschlaggebend für den Durchbruch des Taschenbuchs aber war eine vom State Department gesponserte Reise, die Ernst Rowohlt und andere Verleger mit dem amerikanischen Buchmarkt konfrontierte, damals, Anfang der Fünfzigerjahre, überschwemmt von Pocket-Books, die, spottbillig und grellbunt aufgemacht, in Drugstores verkauft wurden. Dieses Modell übertrug Rowohlt auf den deutschen Markt, nachdem er mit auf Rotationspressen gedruckten Büchern im Zeitungsformat gute Erfahrungen gemacht hatte. "In den Rotationsromanen werden die bedeutendsten deutschen, englischen, französischen, amerikanischen und russischen Autoren erscheinen. Das Erbe der Verbotenen und Emigrierten wird übernommen", so Ernst Rowohlt 1946.

Doch es dauerte Jahre, bis rororo-Bände zum Preis von einer Mark, mit Leinenrücken und fortlaufend nummeriert, in den Schaufenstern auslagen und vom belächelten Kuriosum zum Kassenschlager wurden, dessen Verkaufserfolg Trittbrettfahrer animierte.

Die preiswerten Bände mit ihren Werbeseiten riefen die Kulturwächter auf den Plan

Dazu bedurfte es aggressiver Werbung und eines gewieften Marketings: Wie Graf Luckner, der mit bloßen Händen Telefonbücher zerriss, trampelte der Verlagschef vor Branchenvertretern auf Taschenbüchern herum, um deren Haltbarkeit zu demonstrieren. Travens "Totenschiff" wurde, wasserdicht verkorkt, als Flaschenpost auf Stränden deponiert, und jeder rororo-Band enthielt eine Werbeseite, über die erboste Leser sich beschwerten, was Ernst Rowohlt so beantwortete: "Ich bin nicht der Reklamechef einer Zigarettenfabrik, aber ich habe diese Seite einer Zigarette verkauft. Seien Sie mir nicht böse deswegen." Oft nahm der Werbetext Bezug auf den Inhalt wie in Nelson Algrens Drogen-Roman "Der Mann mit dem goldenen Arm": "Viel besser als Rauschgift ist für die Stärkung und Erfrischung der Sinne Mouson Lavendel ..." Sichtbarste Neuerung aber war ein an der Kasse platziertes Drehgestell, auf dem Bücher wie Postkarten auslagen, was Kunden zum Diebstahl reizte. Der Roman "Die diebischen Freuden des Herrn Bisswange-Haschezeck" (rororo 47) wurde so oft gestohlen, dass der Verlag stillschweigend den Schaden beglich.

Der Übergang vom gebundenen Buch zum Taschenbuch vollzog sich parallel zur Ersetzung des Füllfederhalters durch den Kugelschreiber, mit dem er vieles gemeinsam hat. Auf der einen Seite ein ehrwürdiges Kulturgut, verbunden mit einer eigenen Kulturtechnik, die wie aufmerksames Lesen schwer zu erlernen ist - Schönschreiben und Kalligrafie werden noch heute an Schulen gelehrt. Auf der anderen Seite ein profaner Gebrauchsgegenstand, der, hat er seinen Dienst getan, in Mülleimern oder Wertstofftonnen landet - was nicht heißt, dass Kugelschreiber Wegwerfartikel sind. Ähnlich wie beim Übergang vom Gänsekiel zur Schreibmaschine, von der Kunst zur Fotografie oder vom Theater zu Film und Fernsehen fehlte es nie an Schwarzsehern, die den Untergang des Abendlandes oder den Niedergang der Kultur an die Wand malten: So etwa Günter Grass, der am Computer geschriebene Bücher für postmodern und "beliebig" hielt - was immer er damit meinte.

Schon Platon war skeptisch gegenüber der Schrift, weil er befürchtete, dass das Lesen das Memorieren von Texten verdrängen und selbständiges Denken erschweren werde. Im Nachhinein staunt man, wie beckmesserisch die Auguren des Zeitgeists, unter ihnen namhafte Intellektuelle, den Siegeszug des Taschenbuchs kritisierten. Arno Schmidt, selbst Übersetzer von rororo-Bänden, sprach vom "untersten Literaturschlamm"; und Johannes Binkowski, Präsident des Zeitungsverlegerverbands, fragte sich, "wie es möglich ist, dass ein angesehener Verlag auf so billige Weise Reklame und Literatur verbindet". Dafür benutzte er das Nazi-Unwort "Kulturschande", während der Schweizer Philosoph Max Picard die Taschenbuchflut so kommentierte: "Der Leser liest sich weg von einem zum anderen, damit er keine Antwort zu geben braucht."

Der vorliegende Katalog lädt zu einer Neubetrachtung der Fünfzigerjahre ein

Dass Bedenkenträger die Köpfe schüttelten, war vorhersehbar, aber es überrascht doch, dass Hans Magnus Enzensberger, selbst Taschenbuchautor, die weit verbreitete Skepsis teilte: "Dort steht, wie Zufall und Lizenzverträge es wollen, Faulkner neben Agatha Christie, Döblin neben Horst Wolfram Geißler, Camus neben Heinrich Spoerl ... Das bloße Nebeneinander der Titel ruft ein Gefühl des Schwindels hervor, so wenn Rowohlt in einer Serie Monographien großer Persönlichkeiten Buddha unmittelbar neben den Colette-Band stellt."

Hier irrt Enzensberger, denn das Sammelsurium, das er beklagt, war gerade die Stärke der Taschenbuchreihen, allen voran rororo: Kein restriktiver Kanon, keine rechte oder linke Erziehungsdiktatur, die dem Volk vorschreibt, was es lesen und denken soll, keine Erbepflege und auch kein Agitprop, sondern das unzensierte Nebeneinander all dessen, was sich gewinnbringend vermarkten und im Bahnhofsbuchhandel verkaufen ließ, von Krimi- und Science-Fiction-Autoren bis zu Nobelpreisträgern - Kochbücher, Reiseführer und Ratgeber inbegriffen.

Enzensbergers Einwände gegen das Taschenbuch klingen so fragwürdig wie Adornos Philippika gegen den Jazz, aus dem er den Marschtritt der SA herauszuhören meinte. Die amerikanische Populärkultur - von Hollywoodfilmen bis zu Superman-Comics - stand damals unter Faschismusverdacht, und es spricht für die Taschenbuchverlage, dass sie dem Jazz einen festen Platz einräumten.

Auch Erotica - von Casanova bis Henry Miller - waren hier salonfähig und mussten nicht länger unter dem Ladentisch gehandelt werden, ebenso wie Schmutz und Schund, der mich als Jugendlicher mehr faszinierte als die elitäre Hochkultur. Ohne rororo und edition suhrkamp, ohne Freud und Marx im Fischer Taschenbuch, hätte es die Kulturrevolution 1968 nicht gegeben, und es ist an der Zeit, die immer nur als dumpf und prüde geltenden Fünfzigerjahre unvoreingenommen zu betrachten, jenseits ideologischer Klischeevorstellungen. Die von Konrad Adenauer durchgesetzte Westbindung der BRD war ebenso wenig reaktionär wie Hannah Arendts Totalitarismus-Theorie. Die vorliegende Dokumentation der Taschenbuchreihen lädt dazu ein, diesen und anderen Fragen auf den Grund zu gehen.

Reinhard Klimmt und Patrick Rössler (Hrsg.): Reihenweise. Die Taschenbücher der 1950er Jahre und ihre Gestalter. Achilla Presse, Butjadingen, Hamburg, Saarbrücken 2016. Zwei Bände, zusammen 935 Seiten, 249 Euro.