Literatur für junge Erwachsene Spiel mit Risiko

Lena Gorelik erzählt in ihrem Roman "Mehr Schwarz als Lila" von Grenzüberschreitungen einer Gruppe Jugendlicher auf dem Weg erwachsen zu werden. Aus einem Spiel wird dabei ernst.

Von Antje Weber

Ohne Spiele halten sie es einfach nicht aus. Die Langeweile wäre sonst unerträglich, in der Schule, im Leben überhaupt. Alex, Ratte und Paul haben deshalb Spiele erfunden wie "Du wirst dich doch trauen" oder "Stell dir mal vor": Stell dir mal vor, du musst morgen nackt in den Unterricht. Stell dir vor, du musst mit jemandem aus der Klasse vögeln - wen nimmst du? Sie spielen das immer wieder, sie sind süchtig danach. "Da war etwas in uns, es war wie an eine Klippe zu gehen, ganz nah an den Abgrund, aber nicht zu springen." Mit dem Wissen, "man könnte auch jederzeit schubsen".

Alex hat irgendwann geschubst. Sie hat ihre Freunde verraten, Grenzen überschritten, sich vor aller Welt zum Gespött gemacht. In der Rückschau erzählt die 17-jährige Ich-Erzählerin in Lena Goreliks Coming-of-Age-Roman "Mehr Schwarz als Lila", wie es soweit kommen konnte. Dass die Spiele entgleist und die Freundschaften vereist sind. Dass Alex bei einer Klassenfahrt nach Auschwitz ihre allerbeste Freundin Ratte gekränkt hat, unentschuldbar. Und am nächsten Tag mitten im ehemaligen Konzentrationslager ihren allerbesten Freund Paul abgeknutscht hat, unentschuldbar besonders dies. Es gibt davon ein Foto: ein Mädchen, ein Junge, dahinter der Galgen. Zehntausende haben das Foto gesehen, in Zeitungen, bei Facebook und Twitter, empörend.

Wie es zu diesem Tabubruch kam, erzählt Gorelik im für sie typischen Stil: kurze, lakonische Sätze, die sich mit leichter Variation wiederholen, eine langsam kreisende Vorwärtsbewegung. Das passt in diesem Fall gut zu den ebenso kreisenden, sich nur langsam klärenden Gedanken der verstörten Protagonistin. Mit ihr zusammen verstehen auch die Leser allmählich, unter welchem Druck sich die Dinge entwickelt haben. Grundsätzlich ist natürlich die Pubertät mit ihren überbordenden Gefühlen schuld; eine unangenehme Phase des Lebens, in der Eifersucht und Wut besonders hochschießen können und erste Liebe völlig überfordern kann. Verstärkt wird das bei Alex von einer schwierigen Familiensituation: Ihre Mutter starb, als sie ein Kind war, jetzt warten zu Hause nur ein rührend bemühter Papa und der Vogel Astrid. Vielleicht liebt das hochintelligente Mädchen wegen dieser großen Leerstelle das Stilmittel der Ellipse so sehr. Und ganz sicher liebt sie deshalb ausschließlich die Farbe Schwarz.

Außerdem liebt sie ihren Lehrer, und das ist dann doch ein eher außergewöhnliches Problem. Vor allem ist dieser Referendar selbst das wohl größte Problem: Er ist jung und unkonventionell, er macht einen demokratischeren Unterricht als alle anderen, verwischt die Unterschiede zu den Schülern, überschreitet also selbst demonstrativ Grenzen. Darf sich ein Lehrer mit seinen Schülern gemein machen, darf er sich gar mit einem besonders ungewöhnlichen Trio anfreunden, nämlich mit Ratte, Paul und Alex? Das ist nur eine von vielen Fragen, die dieser thematisch provozierende und psychologisch fein gesponnene Roman aufwirft. Ein paar andere wären, ähnlich wie in Juli Zehs "Spieltrieb": Wie funktioniert Schule, wie Gruppendynamik? Was kann der Rausch der Macht mit einem Menschen machen? Hat wirklich jede Grenzüberschreitung Grenzen, wie der Lehrer behauptet? Eine seiner Erkenntnisse immerhin ist nicht falsch: "Jedes Spiel hat ein Ende." (ab 14 Jahre)