Literatur Diesseits von Gut und Böse

Wie halten es junge Autoren mit der Moral? Beim Festival Wortspiele im Ampere werden sie die eine oder andere Gewissensfrage stellen

Von Antje Weber

Victor hat im Knast gesessen, und das aus schlechtem Grund: Bei einem Einbruch hat er einen alten Mann niedergeschlagen. Nun ist er wieder frei und versucht es als Pizzabote auf die ehrliche Tour. Das ist kein Spaß, "Gut sein ist zum Kotzen". Einbrechen hingegen, das konnte Victor richtig gut, und wenn man "was gut kann, gefällt es einem meistens auch". Einbrechen war für ihn Abenteuer, Rausch. Schon wenn er als Kind klaute, loderte der Triumph in ihm wie Feuer. "Das war wohl, was man landläufig kriminelle Energie nennt", schreibt Lilian Loke, "er hatte einfach jede Menge Energie, sein ganzer Körper surrte wie eine Hochspannungsleitung, es war ein Spiel, eine Wette, eine knifflige Aufgabe."

Wer ist gut, was ist böse - und warum? Die Münchner Autorin Lilian Loke, für ihren ersten Roman "Gold in den Straßen" mehrfach ausgezeichnet, umkreist in ihrem neuen Roman "Auster und Klinge" (C.H. Beck) fast schon obsessiv das weite Feld der Moral. Getreu ihrem Satz "Kunst muss ein Messer sein, das du reichst, mit der Klinge voran" setzt sie da an, wo es wehtut. Überall da, wo wir alle uns gerne selbst belügen: "Leute lieben Krimis, weil sie sich dabei besser fühlen können als die Mörder, Lügner, Betrüger, gleichzeitig schauen sie zu wie bei einem guten Porno, ohne sich die Hände schmutzig machen zu müssen. Es beruhigt das Gewissen, für das sogenannte Gute zu sein", lässt Loke eine ihrer Figuren im Roman ätzen. "Bei den meisten verhält es sich mit der Moral wie mit der Passion für den Fußballverein, Siege werden gefeiert, als hätte man selbst Höchstleistung erbracht, auch wenn seit Jahren der eigene Schmerbauch die Sicht auf die Füße versperrt."

Wenn man etwas gut kann, gefällt es einem meist auch - blöd nur, wenn man ausgerechnet ein Talent zum Einbrechen hat, so wie eine Figur in Lilian Lokes neuem Roman.

(Foto: dpa)

Ja, wie hältst du es mit der Moral? Das schlechte Gewissen plagt nicht nur Lilian Loke. Auch wenn das Thema die Menschheit schon zu allen Zeiten beschäftigt hat: Auffallend ist es schon, wenn ein Autor wie der Münchner Christoph Poschenrieder im aktuellen Roman "Kind ohne Namen" die Frage nach Gut und Böse in den Vordergrund stellt, wenn auch die jüngeren Kollegen sich am Thema abarbeiten. Das lässt sich zum Beispiel an einem Festival wie den Wortspielen festmachen, das in dieser Woche an drei Abenden junge Autoren vorstellt. Natürlich geht es in deren Büchern um die unterschiedlichsten Themen, von Familie bis Tod. Doch nicht nur bei Loke geht es eben auch sehr explizit um das Thema Moral. Das literarische Debüt von Lorenz Just aus Hannover zum Beispiel dreht sich ausschließlich darum. Und auch die Leipziger Autorin Madeleine Prahs, die am Ammersee aufgewachsen ist, nennt Gut und Böse sehr klar beim Namen.

Böse, das ist in Prahs' Roman "Die Letzten" (dtv) über die geplante Kernsanierung eines alten Hauses jedenfalls eindeutig der fiese Immobilien-Besitzer Thomas Grube. Ein geheimnisvoller Ich-Erzähler kündigt ihn schon eingangs als "Bösewicht" an, "und wenn Sie jetzt sagen: Moment mal, man muss doch jeden Charakter ausgewogen zeichnen, dann kann ich Ihnen nur sagen: Nein, muss man nicht." Außerdem, so die Erzählstimme: "Kennt nicht jeder einen oder zwei, von dem er sagen kann: Das ist ein absoluter Ungustl, ein bösartiger, weil bedenken- und gedankenloser Charakter? Sehen Sie! Eben!"

Das literarische Debüt von Lorenz Just aus Hannover dreht sich um Moral.

(Foto: Julius Matuschik)

Solche Charakterfragen beantworten zu wollen, ist derzeit offensichtlich vermehrt ein Bedürfnis. In München stellt das Faust-Festival gerade täglich die Gretchenfrage nach Religion, Tod und Teufel. Auch ein Bestseller wie Axel Hackes "Über den Anstand in schwierigen Zeiten" trifft einen Nerv. Er fragt, was es für jeden Einzelnen bedeutet, "wenn Lüge, Rücksichtslosigkeit und Niedertracht an die Macht drängen oder sie schon errungen haben". Denn wir leben, wie Hacke zutreffend analysiert, in "aufgewühlten und aufwühlenden Zeiten". In Zeiten, in denen der Ton rauer geworden ist, Shitstorms im Netz sich an Nichtigkeiten entzünden und ein in vielerlei Hinsicht unanständiger Mann als Präsident der Vereinigten Staaten amtiert - von Terror und endlos schmutzigen Kriegen wie in Syrien ganz zu schweigen. Kaum erstaunlich also, dass viele das Schlechte ergründen wollen und wie einst der Schriftsteller Anton Tschechow fragen: "Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten?"

Diese Frage treibt auch Lorenz Just um. Der junge Islamwissenschaftler, der bei den Wortspielen sein Debüt "Der böse Mensch" (Dumont) vorstellt, sucht in seinen Erzählungen nach den zahlreichen Facetten, die das Böse haben kann. Oft schlummert es unter der Oberfläche, bricht nur ab und zu hervor; es verbirgt sich in Verbrechen der Vergangenheit, ob Kolonialismus oder NS-Zeit, deren Folgen bis heute mehr oder weniger sichtbar fortwirken. Es wabert im Wahn ebenso wie im scheinbar normalen Alltag, in den sich ein ehemaliger Krieger geflüchtet hat, dem das Töten zur Gewohnheit geworden ist. "Die Filme zeigen es so: Der Böse stirbt einen grausamen Tod oder zeigt unendliche Reue", lässt Lorenz Just den Ex-Soldaten denken. In Wirklichkeit aber lebe der Böse "friedlich unter Nachbarn und vermisst wie jeder andere die alte Zeit".

Das Schlechte lauert fast überall: Lilian Loke ist auf Spurensuche.

(Foto: Christoph Mukherjee)

Nein, nicht alles Unrecht rächt sich, das macht auch Lilian Lokes Roman klar. Manchmal ist der Ehrliche der Dumme, und der Unehrliche darf unbehelligt weiterleben - ob glücklich oder nicht, ist wieder eine andere Frage. Ist die triebhafte Natur des Menschen durch Regeln zu zähmen? Und was sind das überhaupt für Regeln? "Moral ist eine Waffe der Schwachen gegen die Starken", lässt Loke eine Figur kühl mit Nietzsche urteilen. Ach, wenn es nur so einfach wäre wie in der Indianerlegende, die ebenfalls in ihrem Buch vorkommt: In jedem Menschen wohnen zwei Wölfe, die einander bekämpfen, erzählt da ein Häuptling seinem Enkel. Der eine Wolf verkörpert Zorn, Neid, Gier, Eifersucht, Angst. Der andere ist Mut, Hoffnung, Güte, Demut, Mitgefühl. Welcher Wolf gewinnt? "Der, den du am meisten fütterst", sagt der Häuptling.

Wortspiele, Mittwoch bis Freitag, 7. bis 9. März, 20 Uhr, Ampere, Zellstr. 4; Lilian Loke, Dienstag, 6. März, 19.30 Uhr, Seidlvilla, Nikolaiplatz 1b