Literatur aus Österreich Unglück, nahtlos gebräunt

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman Aberland stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Auf der Buchpreis-Longlist: Gertraud Klemms Roman "Aberland" seziert zwei Selbstbetrügerinnen.

Von Cornelia Fiedler

Es ist die Summe aus falschen Entscheidungen, Bequemlichkeit und einem seltsamen postfeministischen Fatalismus, die aus der Biologin Franziska das werden lässt, was sie immer verachtet hat: Vollzeitmutter und -hausfrau, wie ihre eigene Mutter Elisabeth. "Aberland" ist - nach "Herzmilch" (2014) - der zweite Roman der österreichischen Autorin Gertraud Klemm. Sie hat es mit diesem ernüchternden Porträt zweier tief in Abhängigkeiten verstrickter Mittelschichtsfrauen auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis geschafft.

An Möglichkeiten, ihr Leben in selbstbestimmte Bahnen zu lenken, hat es beiden Frauen nie gemangelt. Klemm macht sie nicht zu Opfern gesellschaftlicher Zwänge, sondern zu Prototypen des gelebten Selbstbetrugs. Sie forscht nach, warum sich Frauen heute freiwillig aufgeben und sich im Biotop überwunden geglaubter Rollenbilder gemütlich einrichten.

Die Frauen in diesem Buch sind Prototypen des Selbstbetrugs

Die mit einem notorischen Fremdgänger verheiratete 58-jährige Elisabeth idealisiert trotzig ihre Rolle als unterschätzte, aber dennoch treu sorgende, nahtlos gebräunte Gattin. Ihre regelmäßig aufwallende Wut kanalisiert sie durch eine sarkastische Frauenverachtung. Tochter Franziska dagegen ist sich über jede der Fehlentscheidungen quälend bewusst, die dazu geführt haben, dass sie nun "von der Mutterschaft überwuchert" wird und ihre Promotion brach liegt. Der mangelnde Mut zum Karrierestart direkt nach dem Studium etwa, oder die Angst davor, vom Partner eine gerechte Aufteilung der Care-Arbeit einzufordern. All das analysiert sie fortwährend in bitter komischen Gedankenstürmen.

Die schnellen Tiraden stehen im Kontrast zum schleppenden Fortgang der Handlung. Klemm lässt "Aberland" bewusst nicht in eine strahlende Emanzipationsparabel münden. Stattdessen versucht ihre glanzlose Heldin quälend langsam und mit teils wenig feministischen Mitteln, aus der falschen Normalität auszusteigen. Ihr dabei zuzusehen ist frustrierend - und darin unerwartet provokant.

Gertraud Klemm: Aberland. Roman. Literaturverlag Droschl, Graz und Wien 2015. 184 Seiten, 19 Euro. E-Book: 14,99 Euro.