Literatur aus Indonesien Der Name der Amba

Laksmi Pamuntjaks Epos "Alle Farben Rot" erzählt eine tragische Liebsgeschichte vor dem Hintergrund der blutigen Geschichte Indonesiens im zwanzigsten Jahrhundert.

Von Volker Breidecker

Vor den Siegern der Geschichte sind bekanntlich auch die Toten nicht sicher. An sie soll nicht erinnert, es soll ihrer nicht gedacht werden. Als habe es sie gar nicht gegeben, wird den Opfern der Geschichte die Anerkennung des ihnen widerfahrenen Leids verweigert. Deshalb soll auch möglichst niemand so genau wissen, wie viele es waren, wohin die Gefolterten verschwanden, in welche Massengräber man die Ermordeten verscharrte, in welche Gewässer man sie warf.

In Indonesien ist das große Schweigen über die Massaker der Jahre 1965 bis 1968 auch zwei Jahrzehnte nach dem Sturz des Diktators und früheren Armeegenerals Suharto offenbar weiterhin Staatsräson. Erst kürzlich verweigerte auch der demokratisch gewählte Präsident Joko Widodo ein Wort der Entschuldigung gegenüber den Nachkommen der auf eine Million Menschen geschätzten Opfer. Die meisten von ihnen wurden von einer grausamen Soldateska, von Todesschwadronen und fanatisierten Mobs abgeschlachtet.

Anerkennungsbereit ist hingegen Indonesiens sich entwickelnde Zivilgesellschaft, die längst über eine freie Presse als Vehikel auch der Erinnerung verfügt. Und dort, wo die Wunden und Risse mitten durch Familien und Nachbarschaften verlaufen, finden diese heute mehr und mehr auch zur Sprache. In diesen halb öffentlichen, halb privaten Kontexten positioniert sich auch die neuere indonesische Literatur, vor allem dort, wo sie von Frauen, zudem in der Doppelrolle als Schriftstellerinnen und Journalistinnen gepflegt wird. "In unserem Land ist keiner mit der Geschichte seines Nachbarn vertraut", heißt es in Laksmi Pamuntjaks mehr als 650 Seiten starkem, mit Geschichten und Erzählungen aus der unglückseligen jüngeren Vergangenheit der Landes nur so gespicktem Roman "Alle Farben Rot".

Wo Politik und Rechtsprechung versagen, übernimmt die Literatur eine erinnerungspolitische Stellvertreterrolle, ohne ihre ästhetische Autonomie aufzugeben. Denn Pamuntjaks Roman, der nur stellenweise in etwas konstruiert wirkenden Parallelbewegungen sämtliche Register sowohl der zeitgeschichtlichen wie journalistischen Recherche als auch der poetischen Imagination zieht, ist mitnichten ein politisches Enthüllungs- oder Bekenntnisbuch. Vielmehr gelingt es ihm, auf einem weiten, historisch gesicherten und literarisch überzeugenden Feld das eigentlich Unmögliche miteinander zu verbinden.

Bemaltes balinesisches Tuch mit einer Szene aus dem großen hinduistischen Volksepos Mahabharata, auf das sich Laksmi Pamuntjak in ihrem Roman bezieht.

(Foto: Werner Forman Archive)

Nein, es ist der Roman einer großen und leidenschaftlichen Liebe, die nach nur wenigen Wochen des Glücks unter die Räder der politischen Geschichte und der Gewaltausbrüche der Oktobertage des Jahres 1965 gerät. Die Liebenden sollten für immer getrennt werden, aber die Gefühle für den jeweils anderen schwinden nicht. Für die nächsten vier Jahrzehnte ihres Lebens bleiben den Unglücklichen nur noch die Erinnerung und die Sehnsucht, im Bund mit der Trauer über den Verlust und einer auch zuvor schon auf beiden lastenden tiefen Melancholie: "Dein Gesicht birgt die Traurigkeit einer ganzen Stadt", sagt Bhisma zu Amba in einem der wenigen Augenblicke innigen Beisammenseins.

Bhisma und Amba - und in einer zum fatalen Dreieck erweiterten Konstellation tritt auch noch ein Salwa hinzu -, wie ihre Liebesfrucht Srikandi, die sich im Traum in den männlichen Krieger Sikhandin verwandelt, dies sind allesamt Namen aus der altindischen Mythologie und dem Mahabharata-Epos, das schon seiner verwickelten Struktur nach alle Beziehungen zwischen den Figuren ins Taumeln bringt. Was hiesigen Lesern den Einstieg in Pamuntjaks eigenen, kaum minder figurenreichen Erzählkosmos zunächst etwas erschwert und ihm einige Geduld abverlangt, ist javanischen Augen und Ohren von Kind an vertraut, weil das Wayang Kulit, das von Gamelan-Musik begleitete berühmte Schattentheater, sein Repertoire an Figuren und mündlich überlieferten Stoffen vorzugsweise dem Mahabharata entnimmt.

Die mit den Figuren und ihren Namen verbundenen Schicksale lässt Pamuntjak auf einer offenen, gleichsam experimentellen Bühne interagieren: Gegenüber ihren vermeintlich schicksalhaften Bestimmungen, die die Hauptfiguren zu Dämonen werden lassen, haben Amba und Bhisma sich im eigentlichen Sinn menschlich zu bewähren: Konkret heißt das für sie, unter allen ihnen auferlegten Prüfungen, unter den Herausforderungen und Anfechtungen von Liebe und Hass, von Lust, Angst und Scham, von Schuld, Trauer und Wut, von Begehren, Schmerz und Entsagung ihre menschliche Würde, die Empathie für die Gefühlswelt des anderen und die Fähigkeit zur Berührung durch das Leid dieser anderen zu bewahren. Der wirkliche Dämon hingegen ist die von der politischen Geschichte des Landes hervorgebrachte nackte Gewalt in ihren grausamsten Formen.

Mit Tausenden Schicksalsgenossen, die der Sympathie mit den verfemten und physisch ausgerotteten "Kommunisten" verdächtigt wurden, war Bhisma ohne Gerichtsverfahren auf die Sträflingsinsel Buro deportiert worden und musste dort viele Jahre Zwangsarbeit leisten. Aus dieser Strafkolonie schreibt er in einem seiner versteckten Briefe, die ihre Empfängerin erst Jahrzehnte später, nach seinem Tod erreichen sollten: "Oh Amba. Sehr viele Menschen werden aufgrund eines Hasses getötet, der nicht der ihre ist (. . .) Trotzdem kann ich nicht bestreiten, dass in den Augen von jedem von uns, wenn wir uns anblicken, die Spur einer eisenharten Wahrheit zu sehen ist. Gewalt: Sie stand am Anfang und hat uns hierher gebracht, und in sie werden wir immer aufs Neue zurückgezwungen; sie ist Teil von uns in allen Formen und Manifestationen."

Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot. Roman. Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke. Ullstein Verlag, Berlin 2015, 672 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.

Vor allem Frauen sind es, die über die Risse und Wunden der Vergangenheit sprechen

In ihrem siebten Lebensjahrzehnt unternimmt Amba die weite Reise in die mehr als zweitausend Kilometer von ihrem Lebensmittelpunkt Jakarta entfernte, vormalige Sträflingsinsel, um Bhisma zu suchen. Er war auch nach Auflösung des Lagers dort zurückgeblieben. Von Schuldgefühlen gequält und als Arzt von einer bedingungslosen Pflichtethik beseelt, hatte sich Bhisma zurückgezogen und sich unter den Einheimischen den Ruf eines Heilers erworben. Außer den an sie gerichteten, unter einem Baum vergrabenen und von ungebrochener Liebe zeugenden Briefen findet Amba dort nur noch Bhismas Grab.

In seiner subjektiven Radikalität ist "Alle Farben Rot" jedem politischen Roman der Zeitgeschichte überlegen. Am Anfang wie am Ende steht hier der Blick auf ein Grab und ein Totengedenken. Er mag Vorbild werden auch für ein kollektives Erinnern, die Anerkennung der Toten als Opfern der Geschichte. Laksmi Pamuntjak, hauptberuflich polyglotte Lyrikerin, Journalistin und Übersetzerin, erzählt in epischer Breite vor allem vom Bedürfnis und dem Drang zu erzählen: Geschichten zu erzählen von Menschen und ihren Schicksalen, für die es stets "vielleicht auch eine andere Lösung hätte geben können". Fragend merkt sie noch an: "Und ist es nicht so, dass alle Geschichten da sind, um neu geschrieben zu werden?"

Für "Alle Farben Rot", hätte man sich eine etwas strengere Choreografie des in allzu viele Nebenflüsse ausfransenden Stroms der Erzählung gewünscht - und ein Lektorat, das den übersetzten Text von manch poetischem Überschwang befreit, von exotisch verschmockten Doppelmetaphern und Sätzen wie "Der Duft seines Samens lebte in ihrer Kehle" oder Entgleisungen wie der merkwürdigen Kunde von einem die Weiblichkeit vernaschenden männlichen "Leistenkrokodil". Die nächste Auflage, die diesem spannenden und mitreißenden Roman unbedingt zu wünschen ist, könnte das leicht ändern.